«Den Menschen eine Chance geben»

«Den Menschen eine Chance geben»

«Es isch finschter wie ire Chue», besagt der Volksmund, wenn man nichts sieht. Ähnlich ergeht es dem Schreibenden um 05.45 Uhr, wie er vor die Bäckerei Brotbrösmeli von Olivier «Oli» Bächler einfährt.

In der Backstube herrscht bereits emsiges Treiben, aber keine Hetze, jede und jeder weiss offensichtlich, was zu tun ist, die Teamarbeit ist spürbar. Olivier Bächler, der um 2 Uhr mit der Arbeit beginnt, betreibt das Brotbrösmeli in vierter Generation. Sein Vater, der noch regelmässig am Morgen vorbeischaut, hatte die Idee zum originellen Namen. Noch ist unser Gesprächspartner Christoph Boschung nicht da, so dass sich die Gelegenheit bietet, mit Olivier Bächler über Bäckereien im Allgemeinen zu reden und über das Brotbrösmeli mit seinen 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Besonderen.

«Brot ist kein Billiglebensmittel»

Man liest regelmässig über Betriebsschliessungen bei Bäckereien und Metzgereien. Wegen der Grossverteiler und Discounter? «Coop und Migros sind in Flamatt, hier in Ueberstorf spüren wir keine Umsatzverluste. Was mich hingegen nervt, das ist ihr Preiskrieg mit den Discountern beim Brot. Vor lauter billig, billig könnte man das Gefühl bekommen, Brot sei ein minderwertiges Produkt. Das ist es nicht!» Als einen wichtigen Grund für Betriebsschliessungen sieht Olivier Bächler auch den Umstand, dass viele Leute keinen anspruchsvollen und extrem arbeitsintensiven Betrieb übernehmen wollen. Übrigens: 40 % seines Umsatzes mit ungefähr 50 Brotsorten – vom Gipfeli bis hin zu Spezialbroten – erzielt Brotbrösmeli auswärts, mit Lieferungen an Restaurants oder kleine Detailhändler. Insgesamt bietet die Bäckerei/Konditorei in ihrem Verkaufsladen an die 200 verschiedenen Produkte an.

«Beck ist mein Traumberuf.»

Punkt 06.15 Uhr öffnet Christoph Boschung wie immer am Mittwoch die Türe zur Backstube. Die Kolleginnen und Kollegen begrüssen ihren Kollegen mit Down-Syndrom herzlich. Er fühlt sich denn auch willkommen. Seit 18 Jahren ist er bei Olivier Bächler beschäftigt. Auch der Chef ist mit seinem 1-Wochentag-Angestellten zufrieden, der einfachere Arbeiten zugewiesen bekommt. «Man muss den Menschen eine Chance geben, wir sind jedenfalls froh, können wir Christoph beschäftigen», sagt Bächler, der in engem Kontakt mit der Stiftung ssb steht (siehe Kasten).

Christoph Boschung macht sich sofort an die Arbeit. Zuerst reinigt er Backbleche, und zwar so effizient, dass sich viele kochende Frauen oder Männer wünschen würden, ihre Partner bzw. Partnerinnen könnten ebenso gründlich arbeiten. Anschliessend bittet mich Christoph Boschung, ihn zum nebenan liegenden Metzger Lehmann zu begleiten. Dort holt er Fleisch ab, das er danach für Schinkengipfel zubereitet.

Er, der mit Regula und Gregor noch zwei jüngere Geschwister hat, ist eine Frohnatur, der gerne aus seinem Alltag in seiner Zweier-WG mit Lukas erzählt. «Ich bin Beck und Koch», erzählt mir Christoph mit hörbarem Stolz, hilft er doch an den übrigen Arbeitstagen in der Küche der sbb in Tafers.

Actionfilme und Volksmusik

Seine Freizeit verbringt Christoph Boschung «im Ausgang» in Düdingen, immer mit den öV unterwegs, und zu Hause vor dem Fernseher – «am liebsten Actionfilme und Sport» – sowie mit Volksmusik wie von den Zillertalern. Gerne geht er auch ins Schwimmbad der Stiftung Les Buissonnets. Zum Schluss unseres Besuches gibt es ein Gruppenfoto hinter einem Tisch, auf dem Vanillebrötli darauf warten, auch von Christoph Boschung bestrichen zu werden.

Die Stiftung ssb in Tafers
Gegründet 1985 unter dem Namen Sensler-Stiftung für Behinderte, seit 2020 Umbenennung in Stiftung ssb. Heute betreibt die Stiftung unter anderem Arbeits- und Beschäftigungsangebote, Wohnangebote und Freizeitbegleitung für Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Beeinträchtigungen in Tafers und Schmitten. Das ssb-Leitbild trägt zur Verständigung nach innen und nach aussen über Auftrag und Ziele der ssb bei. Es verhilft allen Beteiligten zur Orientierung und Differenzierung und gibt Impulse zu seiner persönlichen Weiterentwicklung und zur Gestaltung seines Verantwortungsbereiches.

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