Spaziergängerinnen und Spaziergänger, die auf den Ulmizberg unterwegs waren, wunderten sich über einen mannshohen Kasten auf dem Weg. Auf einem Informationsblatt war zu lesen, dass es sich um eine Luchsfalle handelt, die auf keinen Fall betreten werden darf. Wildhüter Marco Catocchia informierte, dass diese vom 15. Februar bis 21. März dort stand. Er verwies für weitere Auskünfte an die Stiftung KORA, die für das Projekt Luchsfallen zuständig ist. Kristina Vogt, Biologin und Fachfrau für Fragen rund um den Luchs, erklärt, was es mit der Wildkatze im Mittelland auf sich hat.
Kristina Vogt, warum gab es die Luchsfalle am Ulmizberg?
Wir haben diese Saison fünf Fallen im Kanton Bern und eine im Kanton Freiburg aufgestellt. Die Luchse werden lebend gefangen und mit einem Senderhalsband versehen. In Zusammenarbeit mit Tierärzten untersuchen wir die Luchse auf mögliche Krankheitserreger und auf die genetische Vielfalt, da beim Luchsbestand eine gewisse Gefahr für Inzucht besteht.
Inzucht?
Ja, der Luchs wurde in der Schweiz Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet und anfangs der 1970-er Jahre mit Individuen aus den slowakischen Karpaten wieder angesiedelt. Diese Wildkatze gehört zur Biodiversität der Schweiz und eine natürliche Rückkehr konnte praktisch ausgeschlossen werden.
Hat der Luchs in der dichtbesiedelten Schweiz überhaupt Platz?
Offensichtlich ja, wie die heute bestehende Population und die Erfahrungen der letzten 50 Jahre zeigen. Wenn der Luchs genügend Beutetiere findet und nicht verfolgt wird, kann er gut in unserer Kulturlandschaft leben, vor allem in den Alpen und im Jura. Im letzten Jahrzehnt haben Individuen sogar begonnen, sich dauerhaft im Mittelland zu etablieren, wo auch bereits einzelne Fortpflanzungen beobachtet wurden.
Welche Gefahren gibt es heutzutage für den Luchs?
Die grössten Gefahren für Individuen bestehen aus Kollisionen mit Fahrzeugen und illegalen Tötungen. Die Population ist zudem durch die Fragmentierung des Lebensraums sowie durch genetische Verarmung, verbunden mit dem Risiko negativer Folgen von Inzucht, gefährdet.
Wie viele Nutztiere sterben jährlich durch einen Luchsangriff?
Zwischen 2005 und 2016 bewegte sich die Anzahl gerissener Nutztiere zwischen 20 bis 50 Tieren pro Jahr. Inzwischen ist diese Zahl auf rund 85 Tiere gestiegen. Grundsätzlich ist der Luchs für die Bauern weniger problematisch als der Wolf.
Ist der Luchs für Menschen gefährlich?
Nein, der Luchs ist für den Menschen nicht gefährlich. Seit der Wiederansiedlung in den 1970er-Jahren kam es zu keinem nennenswerten Vorfall. Selbst Luchse, die in die Enge getrieben werden, greifen Menschen nicht an. Es sind allerdings Vorfälle bekannt, wo es zu Aggressionen gegenüber Hunden kam, die sich – wohl meistens zufällig – Weibchen mit Jungtieren annäherten, insbesondere während der Jagd.
Wie viele Tiere sind am Ulmizberg in die Falle gegangen?
Am Ulmizberg haben wir ein Männchen gefangen, das wir «Fili» getauft haben. Für das Projekt haben wir seit Oktober 2021 achtzehn Tiere gefangen, was eine gute Auswertung ergab. In der Paarungszeit sind die Kuder (Männchen) sehr aktiv und haben ein grosses Revier. Es ist auch die Zeit, in der sich die Weibchen von ihren Jungen trennen.