Michael Lanz ist einer, der anpackt. Noch vor wenigen Monaten bediente er das Könizer KMU am Neujahrsanlass mit seiner «Speck-Züpfe», einfach so. Doch irgendwann reichen Engagement, lange Arbeitstage und Durchhaltewillen nicht mehr aus. «Besonders dann nicht, wenn sich die Rahmenbedingungen immer weiter verschlechtern», ergänzt seine Ehefrau Stefanie Lanz.
Baustellen als KMU-Killer
Die Gesichter der beiden sind gezeichnet von einem langen Kampf gegen diese Schliessung. Einer, den Michael Lanz sogar ins Spital brachte. Die Wehmut hat Platz gemacht für die Enttäuschung. Ein entscheidender Faktor für die Schliessung ist die Baustelle unweit der Bäckerei. Sie führte dazu, dass der Verkehrsfluss nicht mehr an der Bäckerei vorbeiging. Ein gewichtiger Teil der Kundschaft blieb aus. Lanz spricht von massiven finanziellen Einbussen. Unlängst berichteten auch andere regionale KMU von fehlenden Einnahmen aufgrund von Baustellen. Schaller Wohnen bezifferte diese beispielsweise auf satte 70 % des Umsatzes. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Das eigentliche Problem einer solchen Baustelle endet nämlich nicht mit dem letzten Bagger. «Der Mensch ist ein Gewohnheitstier», sagt Lanz sinngemäss. «Wer während Monaten einen anderen Weg zur Arbeit nimmt oder sein Brot anderswo kauft, kehrt nicht automatisch zurück, wenn die Strasse wieder offen ist.» So bleiben selbst nach Abschluss der Bauarbeiten die Umsätze dauerhaft tiefer. Für ihn ist klar: Die Auswirkungen öffentlicher Bauprojekte auf das lokale Gewerbe werden unterschätzt. Zwar gebe es rechtliche Möglichkeiten, unter bestimmten Voraussetzungen Entschädigungen für baubedingte Schäden geltend zu machen. In der Praxis sei es für kleine Betriebe aber schwierig, tatsächlich Unterstützung zu erhalten oder Ansprüche geltend zu machen.
Helfen tut niemand
Lanz hätte sich von der Gemeinde und vom Kanton mehr Verständnis für die wirtschaftlichen Folgen solcher Bauarbeiten gewünscht. Auch dass der lokale Gewerbeverband diese Thematik nicht aufgreift, sei bedauerlich. Unter Gewerblerinnen und Gewerblern sind Baustellen längst ein Dauerthema. Ein Gemeinderat aus Köniz hat die Bäckerei Lanz persönlich besucht. Eine schöne Geste, welche Stefanie und Michael Lanz geschätzt haben. Doch sie befürchten, dass das Bewusstsein für diese Problematik in der Politik noch nicht angekommen sei. Für Lanz geht es dabei nicht allein um seinen Betrieb. Er sieht ein grundsätzliches Problem: «Die öffentliche Hand plant und baut, während die betroffenen Geschäfte die wirtschaftlichen Folgen weitgehend selbst tragen müssen.»
Der Wandel trifft die Kleinen
Doch die Baustelle ist nur ein Teil der Geschichte. Der klassische Detailhandel steht schon länger unter Druck. Die Arbeitswelt verändert sich, das Einkaufsverhalten ebenso. Die traditionelle Znünitour, einst eine wichtige Einnahmequelle für viele Bäckereien, verliert an Bedeutung. Homeoffice sorgt dafür, dass sich weniger Menschen am Arbeitsplatz verpflegen. Auch die Verkehrsplanung spielt aus Sicht von Lanz eine Rolle. Velorouten führen oft nicht mehr an den gewachsenen Geschäftsstandorten vorbei. Wer mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs ist, kauft sein Sandwich oder Getränk häufig direkt am Bahnhof oder in einem Coop Pronto. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel. Jüngere Menschen kaufen anders ein und lassen sich stärker von digitalen Angeboten beeinflussen. Lanz beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Nicht weil er den jüngeren Generationen die Schuld geben will, sondern weil sich die wirtschaftlichen Grundlagen für traditionelle Betriebe dadurch grundlegend verändern.
Arbeiten bis zur Erschöpfung
Wie viel persönlicher Einsatz hinter einer kleinen Bäckerei steckt, zeigt ein Blick auf den Alltag von Michael Lanz. Während 6 Tagen ist er 14 Stunden im Einsatz. Selbst am Sonntag fallen rund zwei Stunden Arbeit an. Irgendwann stellt sich die Frage, wie lange man noch gegen eine Entwicklung ankämpfen kann, die sich mit Fleiss allein nicht aufhalten lässt. Immerhin: Ganz verschwinden muss die Bäckerei am bisherigen Standort möglicherweise nicht. Die Familie Lanz steht in Verhandlungen mit einem grösseren Bäckereibetrieb, der das Geschäft als Filiale übernehmen könnte. Eine eigene Produktion würde es dort allerdings nicht mehr geben. Für die Familie beginnt derweil ein neuer Lebensabschnitt. Stefanie Lanz arbeitet in ihrem angestammten Beruf als Ernährungsberaterin. Für Michael Lanz ist die Zukunft noch offen.
Die Schliessung der Bäckerei-Konditorei Lanz wirft eine Frage auf, die weit über ein einzelnes Geschäft hinausgeht: Wie viel ist einer Gesellschaft und den Gemeinden ihr lokales Gewerbe wert? Kleine Geschäfte schaffen nicht nur Arbeitsplätze. Sie beleben und geben einem Ort seine Identität. Wer dort einkauft, kennt oft die Menschen hinter der Ladentheke. Wenn solche Betriebe verschwinden, geht deshalb mehr verloren als eine Einkaufsmöglichkeit. Michael Lanz erwartet keine Wunder. Aber er wünscht sich, dass Gemeinden und Kanton die Sorgen der kleinen Gewerbebetriebe ernster nehmen, die Auswirkungen ihrer Bauprojekte stärker berücksichtigen. Denn eine Baustelle ist irgendwann abgeschlossen. Die Schäden, die sie im lokalen Gewerbe hinterlässt, können dagegen dauerhaft sein. Dann heisst es: «Zukunft verbaut».