Alte werden zu neuen Traditionen

Alte werden zu neuen Traditionen

Sternenhimmel und Lagerfeuer, etwas Musik und ein paar unterhaltsame Gespräche. Kann ein Feuerwerk diese Mystik toppen? Sind Feuerwerke in Zeiten von Klimawandel und Krieg überhaupt noch zeitgemäss? Tafers zeigt, wie es anders geht.

In Payerne startet gerade ein Kampfjet des Typs FA-18. Wenige Minuten später macht er sich mit seinem rauschenden und dröhnenden Geräusch über dem Gantrischgebiet bemerkbar. Dann ein zweiter und noch ein dritter. Längst kauert Enisa unter dem Esstisch. Die Flüchtlingsfrau aus Syrien hat einige Luftangriffe nur knapp überlebt. Geblieben sind ein Instinkt, Angst und Panik.

Wer denkt schon daran?
Das ist kein fiktiver Beschrieb aus einer weit entfernten Dokumentation. Das ist Alltag für tausende von Geflüchteten. Seit dem Ukrainekrieg Tendenz steigend. «Für den Gemeinderat in Tafers war schnell klar, dass Feuerwerke für Flüchtlinge heikel sein könnten», erzählt Claudia Gfeller-Vonlanthen, die Kultur-, Sport-, Bildung- und Jugendbeauftragte in der Exekutive. Die Einsicht reifte vor der eigenen Haustüre: «Tafers beheimatet viele Menschen mit Migrationshintergrund und unser 1.-August-Fest sollte eines für alle sein.» Was logisch klingt, ist schweizweit eine ausserordentliche Seltenheit.

In der Summe klar
Szenenwechsel. Ein Wald unweit eines Feuerwerks. Mit der Knallerei ergreifen viele Wildtiere die Flucht. Wohin wissen sie nicht, die Bedrohung kommt unverständlicherweise von oben. Wenn ein Fluchttier instinktgesteuert losrennt, sind Zäune und Strassen nicht mehr auf dessen Radar. Rehe, Hasen, Gämsen verheddern sich in den Zäunen, stürzen über die Felskanten oder werden von Autos erfasst. Der
1. August ist für die Wildtiere eine Todesfalle. Haustiere überleben den ohrenbetäubenden Lärm. Verängstigt sind sie trotzdem, gestresst erst recht. Dieser Teil ist allgemein bekannt und es gibt zunehmend Menschen, die darauf Rücksicht nehmen. Noch eher greifen klimapolitische Überlegungen. Die Überreste einer abgefeuerten Rakete landen oft in den Gewässern oder in den Kuhweiden. Nachhaltig wäre anders. Aus der Not heraus erkennen zudem manche Gemeinden wieviel Geld bei einem Feuerwerk sozusagen in Schall und Rauch aufgeht. Man stelle sich vor, was man damit sonst alles hätte anstellen können. Nimmt man nun alle Aspekte zusammen, verpufft der Sinn von Feuerwerken wie eine Billigrakete, der auf halber Strecke das Zischen vergeht.

Die Alternative
Neuenegg macht eine Show mit Laser und Wasser, andere Gemeinden setzen auf Drohnen. Ungeachtet der diesjährigen Trockenheit und dem in den meisten Kantonen ausgesprochenen Feuerverbot geraten Feuerwerke unter Druck. Aber der Nationalfeiertag soll ein Freudenfest sein und für einen aussergewöhnlichen Moment im Jahr sorgen. Wie das gelingt, zeigt Tafers geradezu idealtypisch. «Wir setzten auf Strassenkünstler, Musik und Gastronomie», erzählt die Gemeinderätin. Ein Konzept, von dem man lange nicht wusste, ob es aufgehen würde. Deshalb sollten sich die Gäste anmelden, «ausnahmsweise, denn es war das erste grosse Fest seit der Fusion und damit schwer abzuschätzen, wie es ankommen würde», erklärt Gfeller-Vonlanthen. Heute weiss Tafers: Es kommt gut an, sehr gut sogar. Obschon einige von einem ungewohnten Gefühl sprachen, ein paar andere kundtaten, dass sie das Feuerwerk vermisst haben, die meisten Rückmeldungen fielen positiv aus.

Der Fall Tafers hat vermutlich Beispielcharakter für andere Gemeinden. Statt das Geld für Feuerwerke auszugeben, kommt es den Künstlerinnen und Künstlern zu. Den Flüchtlingen, den Tieren und der Natur zuliebe. Verzichten müssen Herr und Frau Patriot auf herzlich wenig, denn statt der Knallerei erhalten sie harmonische Klänge, ein Feuer und mit etwas Glück einen ganzen Sternenhimmel über dem Dorfplatz. So entsteht ein Fest für alle. Im Prinzip genauso wie es vor dem Siegeszug von Feuerwerken schon einmal war. Die alte Tradition von Reden, Musik und Geselligkeit am Nationalfeiertag wird zur neuen Tradition.

Teilen Sie diesen Bereich

Beitrag:
«Alte werden zu neuen Traditionen»

Die meistgelesenen Artikel

Kontakt

Datenupload

Der einfachste Weg uns Ihre Daten zu senden!

Werbeberatung

Schritt 1 von 2