Seit 2023 arbeitet der in Bern ausgebildete Arzt am Massachusetts General Hospital in Boston und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Mit Unterstützung eines Stipendiums des Schweizerischen Nationalfonds erforscht er, wie das Gehirn ins Bewusstsein zurückfindet. Gerade bei Menschen mit Bewusstseinsstörungen oder nach schweren Hirnverletzungen seien viele Fragen noch ungeklärt. Langfristig könnten die Erkenntnisse seiner Forschung dazu beitragen, neue Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln und die Erholung betroffener Patientinnen und Patienten zu verbessern.
Faszination für das Gehirn
Aufgewachsen in Wabern, entwickelte Schreier schon früh Interesse an der menschlichen Biologie. Während seiner Gymnasialzeit mit Schwerpunkt Mathematik und Physik faszinierte ihn Zellenbildung und damit war sein Weg ins Medizinstudium vorgezeichnet.
Besonders die Neurologie zog ihn in den Bann. «Das Hirn ist unglaublich komplex und gleichzeitig sehr systematisch aufgebaut», sagt er. Viele moderne Technologien orientierten sich heute an Prinzipien des menschlichen Nervensystems. Gleichzeitig sei das Gehirn das Organ, welches wir noch am wenigsten verstehen. Nach dem Studium arbeitete er in der Neurologischen Klinik des Inselspitals. Dort stiess er auf ein Forschungsgebiet, das ihn bis heute begleitet: Schlaf und Schläfrigkeit.
Schlaf als Forschungsgebiet
Im Rahmen seiner medizinischen Doktorarbeit untersuchte Schreier die Frage, welche Rolle Schläfrigkeit beim Autofahren spielt. Bereits 2012 stellte Schreier Forschungsergebnisse am Kongress der European Sleep Research Society in Paris vor. Dort verfestigte sich sein Interesse an der Schlafforschung endgültig.
Besonders faszinierend fand er die Erkenntnis, dass einzelne Hirnregionen bereits Anzeichen von Schlaf zeigen können, während andere Bereiche gleichzeitig aktiv bleiben. Schlaf und Wachheit können im Gehirn zeitweise nebeneinander existieren.
Seine aktuelle Forschung
Heute bewegt sich sein Arbeitsalltag zwischen verschiedenen Forschungsstandorten im Grossraum Boston. Sein aktuelles Hauptprojekt untersucht die Erholung nach einer Teilnarkose. Zwölf gesunde Versuchspersonen werden dabei unter kontrollierten Bedingungen in einen Zustand versetzt, der einem natürlichen Schlaf ähnelt. Sie können weiterhin selbstständig atmen und auf äussere Reize reagieren. Die Forschenden wollen herausfinden, weshalb Menschen nach den gleichen Bedingungen unterschiedlich schnell ins Bewusstsein zurückkehren und welche Muster sich dabei in den Hirnströmen zeigen.
Daneben beschäftigt sich Schreier mit Patientinnen und Patienten, die nach Schädel-Hirn-Traumata, beispielsweise nach einem Treppensturz oder einer Kollision mit einem Auto, unter Bewusstseinsstörungen leiden. Bei solchen Personen untersuchen sie, ob sich das Bewusstsein mit Medikamenten wie zum Beispiel Ritalin fördern lässt. Erste Ergebnisse zeigen, dass solche Behandlungen sicher durchgeführt werden können, ihr Nutzen jedoch noch begrenzt ist.
Zwischen Köniz und Boston
Obwohl er bereits mehrere Male in den USA war, kannte er Boston vor seinem Umzug noch nicht. Die Planung des Forschungsaufenthalts dauerte rund anderthalb Jahre und wurde erst mit der Zusage des Schweizerischen Nationalfonds definitiv. «Von aussen sieht eine wissenschaftliche Laufbahn oft geradlinig aus. Tatsächlich ist vieles lange unklar», sagt er. Die Unsicherheit gehöre zur Forschung dazu. Oft sei selbst wenige Jahre im Voraus nicht klar, an welchem Ort oder an welchen Projekten man künftig arbeiten werde.
Die Arbeit in Boston versteht Schreier als Teil einer internationalen Forschungstätigkeit. Neben seiner Arbeit am MIT und am Massachusetts General Hospital bleibt er auch in der Schweiz und auf europäischer Ebene aktiv. So engagiert er sich in einer Arbeitsgruppe der European Academy of Neurology und hält regelmässig Vorträge im In- und Ausland. Der Aufenthalt in den USA habe ihm gezeigt, wie wertvoll unterschiedliche Perspektiven seien. «Erst wenn man seine gewohnte Umgebung verlässt, merkt man, wie unterschiedlich Dinge funktionieren können.»