«Morgen, morgen wird es ein Ende haben»

«Morgen, morgen wird es ein Ende haben»

Eni Yousuf aus Afghanistan und Tamara Grossen aus der Schweiz führen ihr eigenes afghanisches Restaurant in Wabern. Zusammen haben sie ein Buch über seine Flucht hierher geschrieben.

In der Gaststube des Restaurants sind Eni und seine Lebenspartnerin Tamara zusammen mit der kleinen Ronja. Warme, dunkelgrüne Wände, goldene Lampen wie Tamaras Verlobungsring: Grün der Stein, Gold die Fassung und der Name Zamarod: Smaragd.

Ein knallgrüner Eistee mit Minzblatt vor mir. Ich sitze einem jungen, 29-jährigen Mann mit wachen, dunklen Augen und einem lieben Lächeln (welches aber auch etwas Schmerzliches erkennen lässt) gegenüber. Es sei schwer, über seine Fluchterlebnisse zu sprechen, gesteht er. Denn die schrecklichen Gefühle des Alleinseins, der Demütigungen und der allgegenwärtigen brutalen Gewalt würden dadurch wachgerufen, und Eni möchte keine Schwäche zeigen durch seine Gefühle … Ich taste mich also langsam an sein Leben
heran.

Die afghanische Familie
Sie waren reich durch Gemüse, Früchte und einen grossen Hof. Zwei Brüder und zwei Schwestern haben alle mitgeholfen, und man fuhr für gutes Einkommen zum Markt. Die Taliban wollten an das Geld. In seinem Buch schreibt Eni: «Ich hatte eine Mutter, von der ich die pure Liebe erfahren durfte.» Ein älterer Bruder von Eni lebt in Bern, die Schwestern in Europa. Die Eltern sind gestorben.

Das Leben hier
Tamara und Eni besuchten die gleichen Ringtraining, und der junge, energiesprühende Eni ist Tamara sofort aufgefallen. Eni lernte schnell Deutsch, und schon bald absolvierte er vier Jahre Ausbildung bis zum Abschluss Restaurant-Fachmann. Seine Partnerin unterstützte ihn unermüdlich in der Sprache, in der Lehre und geduldig und konsequent im Schreiben des Buches. Ihnen wurde vor zwei Jahren die Tochter Ronja geschenkt, was beide sehr glücklich macht. Liebevoll streicht Eni Ronja über den Kopf und versteckt sie hinter sich, damit sie auf dem Foto nicht erscheint. Über die unterschiedlichen Kulturen sagen beide: «Sich gegenseitig leben lassen.» Sie führen das kleine, besondere Restaurant Zamarod.

Zamarod
Das eigene Restaurant war immer ein Traum von Eni. Jetzt haben sie ihn verwirklicht. Sie beschäftigen drei afghanische Mitarbeiter, Ahmad wird von Eni als Kellner-Lernender begleitet.
Eni sagt zu den afghanischen Gerichten: Authentischer Geschmack, moderne Darstellungsweise. Es gibt viele geschmorte Gerichte, Manto z. B. (Teigtaschen gefüllt mit gedämpftem Gemüse oder Hackfleisch). Es wird fein und sorgfältig gekocht. Man fühlt sich gut betreut.

Die Lager und die Flucht
Auf einer Fahrt zum Markt wurde Eni mit neun Jahren von den Taliban verschleppt und in ein Arbeitslager für Kinder gesteckt. Abseits seiner geliebten Familie. Lange, bange Stunden, Tage, Monate musste er Teppiche knüpfen für wenig Essen und umgeben von brutalsten Wächtern. Mehrmals pro Woche wurden die Jungs in Zweikämpfen vorgeführt. Zur Belustigung des Wachpersonals. Man kämpfte so lange, bis einer der Jungs nicht mehr aufstand. Im Buch: «Die Gegner in diesem Kampf waren das Leben gegen den Tod. Ich bin für das Team ‹Leben› in den Ring gestiegen… Bisher bin ich gar nicht so schlecht gewesen.» Es war eine fürchterliche Zeit, und nur sein neu gewonnener Freund Baqi gab ihm noch Hoffnung zum Leben. Später wurde er in ein Lager für Erwachsene verlegt, wurde geschlagen, gefoltert und musste in einer Kohlemine arbeiten und Waffen putzen. Dreimal verliess ihn in den sieben Jahren der Gefangenschaft die Hoffnung zum Leben und er wollte sich umbringen. Dennoch dachte er immer wieder: «Morgen, morgen, morgen wird es ein Ende haben.»

Nach sieben Jahren wurde er so geschlagen, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Er kam zu einem reichen Mann. Und plötzlich hörte er in sich das bekannte Gerücht: «Man will deine Organe verkaufen.» In grenzenloser Panik begann Eni, seine Flucht über die Dächer der Stadt hinweg vorzubereiten. Dieser Kampf ums Überleben hat Eni bis heute verinnerlicht. Und doch konnte er viele Ängste in seinem Buch niederschreiben.

Eni flüchtete nach Pakistan zu dem ehemaligen Gemüsehändler, dem sein Bruder Nemat und er vor sieben Jahren das Gemüse lieferten. Nemat ist nie wieder aufgetaucht. Später fuhren sie (Eni und andere Flüchtende) stundenlang durch den Iran, dann tageweise zu Fuss mit schmerzendem Knie (Folter) und in zu kleinen Schuhen durch die Berge und auf dem Boot nach Griechenland. Buch: «Hatte Gott niemand ausser mir, dem er schwierige Aufgaben geben konnte?» Und irgendeinmal nach einem Jahr gefährlichster Flucht landete Eni 2015 in der Schweiz. Ein österreichischer Polizist machte Enis Bruder Rahmat in der Schweiz ausfindig. Buch: «Es war eine namenlose Angst.» Und im Zug dann hat er gedacht: Ich mache ein neues Leben.

Selten überkommt Eni eine Sehnsucht nach seinem Land, seiner Heimat, seiner Familie: Im Buch: «Meine Mutter nahm mich in den Arm und flüsterte mir ins Ohr: ‹Geh deine Hände waschen, es gibt Essen!›.»

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