Der fliegende Glühstängel

Der fliegende Glühstängel

Es beginnt nicht selten an einer roten Ampel. Im Fahrzeug vor mir geschieht eine kleine, fast beiläufige Bewegung. Ein Fenster gleitet hinab, eine Hand erscheint und mit einer schnellen Bewegung wird etwas Kleines, Glühendes in die Umwelt katapultiert. Eine Zigarettenkippe landet im Rinnstein, auf dem Asphalt, im Grünstreifen. Das Fenster schliesst sich, das Auto fährt weiter, als wäre nichts geschehen. Doch diese Geste ist alles andere als harmlos; sie ist ein Zeugnis unserer verlernten Verantwortung.

Warum tun wir das? Ist es die vermeintliche Anonymität des metallenen Kokons, die das Gewissen betäubt? Oder ist es die resignierte, mit Verlaub doch sehr bequeme Haltung, dass eine weggeworfene Zigarette im Angesicht des Zustands dieser Welt jetzt auch keine Rolle mehr spielt? Diese Gleichgültigkeit ist der eigentliche Skandal – eine einzige Kippe verschmutzt mit ihrem Mix aus Toxinen 40 – 60 Liter Grundwasser.

Das Phänomen des Litterings entlarvt eine tiefe Diskrepanz zwischen unserem Selbstbild und unserem Handeln. Wir sehen uns als umweltbewusste Gesellschaft, diskutieren über Klimawandel und Nachhaltigkeit. Doch im kleinen, alltäglichen Moment, wenn niemand zuschaut – oder wir glauben, niemand schaue zu –, fällt diese Fassade in sich zusammen. Der weggeworfene Filter ist ein Signal: «Mir ist egal, was nach mir kommt. Die anderen sollen es wegmachen.» Es ist eine Haltung der Bequemlichkeit, die auf Kosten der Allgemeinheit und der Natur geht.

Es ist Zeit, diese unbewusste Geste ins Bewusstsein zu holen. Jedes Mal, wenn die Hand zum Fenster wandert, haben wir die Wahl. Wir können weitermachen wie bisher und unsere Strassen zu Aschenbechern degradieren, oder wir können innehalten. Die Welt da draussen ist kein Mülleimer, sondern unser gemeinsames Wohnzimmer. 

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