Dunkle Wolken über den Schrebergärten

Dunkle Wolken über den Schrebergärten

Was auf dem grossen Areal bei der Gurtenbahn passieren soll, ist derzeit unklar. Die überraschende Kündigung der Schrebergärten auf Ende September wurde inzwischen erstreckt. Trotzdem ist die Unsicherheit gross und die Stimmung getrübt.

Die Schrebergärten auf dem Areal der früheren Gurten-Brauerei haben eine lange Tradition. Die damalige Betriebsleitung stellte der Belegschaft ein Areal zur Verfügung, auf dem jahrzehntelang Gemüse gezogen, Rosen gezüchtet und liebevolle Oasen der Ruhe geschaffen wurden. Diese Ruhe wurde Anfang März mit einem Kündigungsschreiben massiv gestört. «Ein Paukenschlag war’s», sagt ein Direktbetroffener. Umso erstaunlicher, dass die Verwaltung der neuen Eigentümerschaft eine Begründung bis jetzt schuldig blieb. «Geht man so mit langjährigen Pächterinnen und Pächtern um?», fragt sich  der Hobbygärtner aus Passion.

«Familiensache» Schrebergarten

«Die damalige Direktion honorierte mit den Schrebergärten den Einsatz der Belegschaft. Dementsprechend grossen Wert hatte ein solcher Garten», weiss Rudolf Tschanz. Nachdem er bis 68 unterrichtet hatte, wohnt er heute in der Nähe des Areals und pflegt sein kleines «Reich» mit grosser Hingabe. Er betont die Biodiversität auf dem Areal: «Hier hat die Natur Platz gefunden, hier sind die Kreisläufe von Saat, Wachstum und Ernte eindrücklich präsent. Eigentlich sollte dieses Areal aufgewertet werden, zum Beispiel mit einem grossen Biotop. Schliesslich ist es gemäss Zonenplan eine Zone für Kleingärten.»

Der passionierte Hobbygärtner erzählt von früheren Gastarbeitern, die bereits vor Arbeitsbeginn in ihrer «Pflanzig» tätig waren, teils schon kurz nach halb fünf. Das Stück «heile Welt» war den Leuten ans Herz gewachsen und bot auch Ur-Könizern ein Refugium. «Die Nutzung war anfänglich sehr intensiv. Mit der Zeit aber wurden die Hobbygärtner älter und älter, das Interesse bei den Nachkommen war oft nicht mehr so gross.»

Dass einige Parzellen innerhalb der Familie oder von Bekannten übernommen wurden, war nie ein Problem. Das Ganze habe sich von selbst organisiert. In all den Jahren sei es auch nie zu Unstimmigkeiten oder Klagen aus der Anwohnerschaft gekommen.

Die Geschichte des Schrebergartenareals ist zum Teil auch jene von Ruedi Tschanz. Hier fiel seine Leidenschaft auf fruchtbaren Boden, blühten Ideen auf. Gross war die Freude, wenn im Lauf der Zeit ein «Pflanzblätz» in andere Hände übergehen konnte. «Die früheren Besitzer waren froh, dass ihr Stückchen Erde weitergepflegt wurde.»

«Da ist der Wurm drin»

Die Vertreibung aus dem Paradies begann letzten Oktober mit einem weiteren Eigentümerwechsel. Doch bereits die vorgängige Verwaltung hatte ungewohnte Töne angeschlagen.

Als erste Massnahme wurden die Mieter aufgefordert, ihre Parzellengrösse zu messen, diese bekannt zu geben und sich registrieren zu lassen. Tschanz und die übrige «Pflanzblätzfamilie» kamen der Aufforderung nach – auch ein wenig stolz darauf, dass bisher keine Bürokratie nötig war. Ab 1. Januar 2024 erfolgte die erste Rechnungsstellung. Man bezahlte und alles schien wieder in Ordnung.

Umso überraschender dann der Moment im Frühjahr, als sämtliche Schrebergärten von der neuen Eigentümerschaft auf Ende September gekündigt wurden. Die «Gartenfamilie» vermisste insbesondere eine Begründung oder Erklärung. Dass jahrzehntelanges Gewohnheitsrecht dermassen verletzt wurde, enttäuschte die Hobbygärtner. Nachfragen prallten am lapidaren Hinweis ab, man halte am getroffenen Grundsatzentscheid fest.

Ein Detail stiess besonders auf: Anscheinend ging der Kündigung eine «Begehung» voraus; diese habe «ein verwildertes, sich selbst überlassenes Areal» gezeigt. Dazu der Fachmann: «Diese Aussage lässt Fragen aufkommen. Einen Garten vor Beginn der Pflanzsaison zu beurteilen, wird der Sache nicht gerecht.»

14 Pächter reagierten per Brief und man involvierte die Schlichtungsbehörden. Die Bemühungen fruchteten insofern, als das Mietverhältnis um drei Monate auf Ende Jahr erstreckt wurde. Das Wintergemüse, das demnächst gesät wird und Anfang des nächsten Jahres geerntet werden könnte, wird dereinst wohl im brach liegenden Boden verfaulen.

Auf der Suche nach Lösungen

Seitens der Pächter vermisst man Verständnis und Taktgefühl gegenüber einer jahrzehntealten lokalen Tradition. Man könne nachvollziehen, dass ein solches Areal überbaut werden könnte, sinniert Tschanz. Bis es soweit sei, würden jedoch Jahre vergehen – Jahre, die der Schrebergartengemeinschaft einige weitere schöne Momente in ihrem Paradies auf Zeit ermöglichen würden. Etwa dem heute 87-jährigen Pasquale Sposato, der seinen Garten  während fast 60 Jahren liebevoll betreut hat.

Das Thema hat nun auch die Politik erreicht. Bereits Mitte Juni erhielt das Gemeindeparlament eine Anfrage mit dem Titel «Kleingärten Wabern». In seiner Antwort verwies der Gemeinderat auf die planungsrechtlichen Grundlagen für den Erhalt der bestehenden Familiengärten hin. Im Rahmen des Eigentumsrechts stehe es Grundeigentümerschaften aber frei, «ihre Liegenschaften brach zu lassen.»

Kurz vor Redaktionsschluss fand eine Unterredung mit der Könizer Gemeindepräsidentin statt. Diese habe sich bereit erklärt, das Anliegen mit der neuen Eigentümerschaft zu erörtern, freut sich Tschanz. Vielleicht fällt die Idee auf fruchtbaren Boden, den Status quo bis zu einer allfälligen Umzonung oder bis zum Baubeginn zu belassen?

Hoffnungsvolle Signale gibt’s auch vom Gurtenbühl Leist. Man suche ein gutes Miteinander zwischen Eigentümerschaft, Pächtern und Anwohnerschaft, betont Präsident Chris Heimann: «Wir sind bereit, zu vermitteln, und bieten Hand für eine gute Lösung für alle Beteiligten.»

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