Nähe statt Kick

Nähe statt Kick

Schneller Kick oder grosse Nähe? Zwei Paar- und Sexualtherapeuten erzählen, wie sich Pornografie auf Paarbeziehungen auswirken kann, und was sie unter «Wir-Sexualität» verstehen.

«Sexualität ist wahrscheinlich das komplexeste Element der menschlichen Existenz.» Dr. med. Wilf Gasser, Psychiater, Paar- und Sexualtherapeut, denkt kurz nach und ergänzt dann: «In der Paartherapie kommt man über das Thema Sexualität auf sämtliche Beziehungsthemen zu reden. Zum Beispiel, Bedürfnisse wahrnehmen und auf sie eingehen oder eigene zurückstecken, sowie die ganze Kommunikation, die dazugehört, aber auch Themen wie Konfliktbewältigung und Unterschiedlichkeit.» Im Gegensatz dazu vermitteln pornografische Inhalte ein stark vereinfachtes Bild davon, was Sexualität ist.

Grosser Kick, keine Nähe

In seinen Therapiesitzungen begegnen ihm immer wieder Situationen, in denen sich der Pornokonsum negativ auf die Beziehung auswirkt. «Einschlägige Videos vermitteln beispielsweise das Bild, dass die Frau immer Lust haben müsse und auch schmerzhafte Praktiken schön finde», erklärt Wilf Gasser. «Wir beobachten in unserer Beratung häufig, dass Erwartungen und Realität auseinanderklaffen», ergänzt Christa Gasser, auch sie Paar- und Sexualtherapeutin in Wabern. Denn solche Bilder prägen mehr, als man denken könnte – und zwar nicht nur Vorstellungen von gutem Sex, sondern auch die Erwartungen daran, wie sexuelle Erregung funktionieren soll. «Pornografie funktioniert über einen schnellen Spannungsaufbau, einen möglichst grossen Kick und anschliessendem Spannungsabbau», führt der Therapeut aus. Was hier im Gegensatz zu echten Beziehungen fehle, sei das Sich-aufeinander-Ausrichten.

Die Wir-Dimension

Sexualität könne nämlich Menschen miteinander verbinden. Denn es wird unter anderem das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Die beiden Therapeuten reden deshalb auch lieber von «sexueller Begegnung» als von «Sex». «Gute Paarsexualität ist für beide eine Erfahrung von Nähe», beschreibt es Wilf Gasser. «Dabei wird die Wir-Sexualität gefördert.» Im Gegensatz dazu steht bei der Pornografie meist das «Ich» im Zentrum. «Man muss sich dort nicht aufeinander ausrichten», sagt er. Christa Gasser fügt an: «Sex wird dann zu einer Sache degradiert: Ich brauche es, also muss ich es haben.» Dieser «Ego-Sex» der Pornografie zeige sich in den Beziehungen als trennender Faktor. Viele, die von jung auf Pornoinhalte konsumieren, hätten gar nie entdeckt, dass eine sexuelle Beziehung eine Form von Intimität sein kann, bei der man sich auf einer Herzensebene begegnet. Dies erleben Gassers immer wieder in Gesprächen und insbesondere in ihrem Therapieformat «Sexperiment». Wilf Gasser erzählt: «Für viele der teilnehmenden Paare ist das Entdecken dieser Wir-Dimension eine ganz neue Erfahrung.» Dies müsse nicht unbedingt der «heisseste Sex» sein, auch hätten nicht beide plötzlich immer Lust. Aber die Paare merkten, dass diese Form von Sexualität die Beziehung stärkt und sie näher zueinander bringt.

Manchmal anstrengend

Christa Gasser betont: «Der Weg dorthin ist manchmal anstrengend.» Wer jedoch langfristig eine erfüllende Sexualität haben möchte, müsse etwas investieren. «Denn es passiert nicht einfach so.» Dabei spiele auch der Zeitfaktor eine wichtige Rolle. Die beiden Therapeuten vergleichen eine sexuelle Begegnung gerne mit einem Wellnessbesuch: Man schafft sich bewusst Raum dafür und nimmt sich Zeit. «Wellness erledigt man schliesslich auch nicht rasch zwischen zwei weiteren Terminen», sagt Christa Gasser. Gerade in der ersten Verliebtheitsphase scheint das oft noch von selbst zu funktionieren. Doch mit der Zeit gewichten Alltag und Stress stärker: «Dass Sex dann kein Selbstläufer mehr ist, überrascht viele.» Manche beginnen sich zu fragen, ob sie mit dem falschen Partner zusammen sind. Andere weichen aus – etwa in die Pornografie, wo der «Kick» einfacher zu haben ist. Dies, oder auch Netflix-Romantik, sei nach einem anstrengenden Tag oft einfacher, als zum Beispiel zuerst einen Konflikt zu klären, um sich auf den Partner oder die Partnerin einlassen zu können. Das Problem: Wer sich stark an diese Form der Erregung gewöhnt hat, kann sich in einer Paarbeziehung vor neue Herausforderungen gestellt sehen, wenn Sexualität ohne die gewohnten Bilder kaum mehr funktioniert.

Hinzu komme ein weiterer Aspekt, so Wilf Gasser: «Sex ist nicht nur ein Orgasmus, sondern eine Möglichkeit, sich des anderen zu versichern.» Eine Paarsexualität, die sich schleichend verabschiede, könne deshalb auch in guten Beziehungen verunsichern. Irgendwann könne die Frage aufkommen, ob man vom anderen noch begehrt und als Partner oder Partnerin wahrgenommen werde. Auch wenn der Weg zur «Wir-Sexualität» manchmal anstrengend sei, lohne er sich, sagt Christa Gasser: «Es vertieft nicht nur die Paarbeziehung. Man lernt auch sich selbst besser kennen.» Sexualität sei deshalb nichts, das irgendwann einfach «funktioniere», sondern etwas, das Paare ein Leben lang gemeinsam lernen können.

Sexualität & Pornografie
Eine komplexe Thematik, die oft ein Tabu bleibt. Die Könizer Zeitung | Der Sensetaler greift zwei Aspekte auf:
Juli: Kinder, Sucht, Gewalt
August: Nähe statt Kick

Kontakt

Datenupload

Der einfachste Weg uns Ihre Daten zu senden!

Werbeberatung

Step 1 of 2