Wenn Pornos prägen

Wenn Pornos prägen

Pornografie ist heute so leicht zugänglich wie noch nie. Doch ganz harmlos ist sie nicht. Eine Therapeutin und ein Therapeut geben Einblick in eine Problematik, mit der mehr Leute kämpfen, als man denkt. Es fängt schon bei Kindern an.

Jedes fünfte Schweizer Kind im Alter von 12 bis 13 Jahren hat schon einmal pornografische Filme gesehen. Dies zeigt die James-Studie 2022. Kamen Kinder früher vielleicht bei gefundenen «Heftli» in der Papiersammlung erstmals mit Pornografie in Berührung, reicht heute oft schon ein Smartphone: Werbung in Onlinespielen, ältere Jugendliche auf dem Pausenplatz oder Inhalte auf bekannten Plattformen wie X können zum Erstkontakt führen.

Scham und Dopamin
«Pornografie war schon immer ein Thema. Aber mit der Digitalisierung ist sie nun für jedermann und jederfrau zugänglich und kann viel besser heimlich konsumiert werden», sagt Christa Gasser. Sie und ihr Mann, Dr. med. Wilf Gasser, sind Paar- und Sexualtherapeuten in Wabern mit über 25 Jahren Erfahrung. Regelmässig sitzen ihnen Klientinnen und Klienten gegenüber, deren Leben oder Beziehung aufgrund von Pornografie belastet ist. «Ganz viele junge Paare bringen die Realität einer Sexualität nicht mehr auf die Reihe», so Wilf Gasser. Ein Teil der Problematik ist, dass Kinder so früh und einfach mit pornografischem Material in Kontakt kommen. Obwohl ihre Sexualität oft noch gar nicht erwacht ist und viele Kinder die Filme zunächst abstossend finden, werden viele von der Tatsache in den Bann gezogen, dass es etwas Geheimes oder Extremes ist. «Wenn dann das Hormon Dopamin ausgeschüttet und damit das Belohnungszentrum aktiviert wird, gibt einem der Konsum ein gutes Gefühl – wie bei jeder Sucht», erklärt der Psychiater. Tatsächlich könne sich eine Sucht schon früh entwickeln. «Das eigentliche Problem ist die Scham», ergänzt Christa Gasser. «Kinder merken, irgendetwas stimmt nicht. Es ist ihnen peinlich und sie schämen sich zu sehr, als dass sie mit jemandem darüber reden. Das Ganze bleibt dann geheim und führt zu einem Doppelleben.» So kann aus einem kurzen Clip in der Garderobe des Fussballclubs etwas entstehen, das sich bis weit ins Erwachsenenleben zieht.

Immer mehr, immer krasser
«Gerade bei Minderjährigen ist der Übergang von der Fantasie in die Realität fliessend», so Wilf Gasser. Sie können häufig kaum einschätzen, wie sich gespielte Szenen vom echten Leben unterscheiden. So erstaunen die Ergebnisse internationaler Studien auch weniger. Eine britische Untersuchung von 2023 zeigte beispielsweise, dass knapp die Hälfte der 16- bis 21-Jährigen glaubt, Mädchen erwarteten beim Sex gewaltvolle Handlungen. Gleichzeitig berichtete eine Mehrheit der jungen Frauen derselben Altersgruppe, bereits solche Gewalt erlebt zu haben. Die Studie zeigte zudem einen Zusammenhang zwischen häufigem Pornografiekonsum und einer höheren Wahrscheinlichkeit sexueller Gewalt in Beziehungen. Das Problem ist: Um dieselbe Dopaminausschüttung zu erreichen, braucht es immer stärkere Reize. Gewalt, extreme Praktiken oder die Verschiebung der Altersgrenze nach unten gehören dazu. Die Erfahrung der Therapeuten bestätigt dies. Sie erzählen von Klienten, die aufgrund ihrer Pornosucht den Job verloren oder deren sexuelle Vorlieben sich schrittweise in eine problematische Richtung entwickelt hätten – sie suchten plötzlich nach illegalen Inhalten. «Wenn wir auf immer extremere Bilder stossen und diese etwas in uns anklingen lassen, dann prägt das unsere sexuellen Vorlieben auch im echten Leben», verdeutlicht er. Je mehr man konsumiere, umso weniger wirke es. Man sucht einen stärkeren Kick: «So rutschen die meisten in die Gewaltpornos rein.» Christa Gasser verweist auf Berichte, wonach Frauen in der Prostitution immer häufiger von Anfang an klar machen müssen, dass sie nicht gewürgt werden dürfen.

Auswirkung in Beziehungen
Auf der anderen Seite stehen Jugendliche und junge Erwachsene, die eine Liebesbeziehung eingehen und plötzlich überfordert sind. Christa und Wilf Gasser haben unzählige von ihnen in der Beratung gehabt. «Frauen fühlen sich oft unter dem Druck, dass sie – wie in den Pornofilmen, aber auch wie in der Netflixromantik – immer willig sein und Spass daran haben sollen», erläutert die Therapeutin. Doch auch die Männer leiden unter der Erwartung, jederzeit eine Performance abliefern zu können. Pornografie beeinflusst also nicht nur den Konsumierenden selbst. Sie verändert oft auch Erwartungen an Beziehungen. Darüber sprechen Christa und Wilf Gasser im zweiten Teil dieser Serie.

Der wichtigste Schutz beginnt jedoch schon lange vorher. «Viele Eltern haben Angst, das Thema überhaupt anzusprechen», weiss Christa Gasser. «Doch wir raten, möglichst früh darüber zu reden.» Zum Beispiel indem man nachfragt, was die Kinder auf dem Schulplatz sehen, was die Kollegen erzählen. Und offensiv Lernmomente zu nutzen: «Ein freizügiges Werbeplakat kann ein lockerer Einstieg in ein Gespräch sein.» Und spätestens wenn das eigene Kind ein Smartphone erhält, sollte angesprochen werden, was das Kind im Internet erwarten könnte. «Es ist schon viel getan damit, wenn Eltern ihren Kindern Mut machen, auch unangenehme oder schambehaftete Themen anzusprechen.»

 

 

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