Ihr gehört dazu

Ihr gehört dazu

Jungbürgerfeier, das war einmal. Die Feier der Gemeinde gemeinsam mit den jungen Menschen, die volljährig werden, gibt es schon lange nicht mehr. Ginge es nach dem Gemeinderat, soll das auch so bleiben. Doch das Jugendparlament wehrt sich – und erhält Unterstützung vom Parlament. Die Wiedereinführung unter dem Namen Volljährigkeitsfeier findet breite Zustimmung. Eine Debatte über politische Teilhabe, Wertschätzung und die Frage, was der Gemeinde ihre jungen Erwachsenen wert sind.

«Im Kern geht es um die Frage, wie die Gemeinde mit den Jungen umgeht. Die Politik spricht oft von jungen Menschen, aber entscheidend ist, dass man mit ihnen spricht.» Es sind klare Worte, die Rafael Beetschen an die Politikerinnen und Politiker aus Köniz richtet. Der Gemeinderat lehnt den Vorstoss wegen der Kosten, des Aufwands und der fraglichen Beteiligung ab. Gemeinderat Thomas Marti befürchtet: «Es läuft anders, wir holen die ab, die schon politisiert sind.»

Gute Argumente
Es mag sein, dass nur wenige kommen. Es mag sein, dass eine solche Feier kostet. Dass aber die Vielfalt der jungen Bevölkerung gegen einen solchen Anlass spreche, dem widerspricht Beetschen. Gerade diese Vielfalt könne an einem gemeinsamen Fest sichtbar werden. Das Schloss Köniz sei ein Ort, an dem sich alle treffen könnten. Die vom Gemeinderat genannten Kosten von rund 100 Franken pro Person stellt er in Relation: «Sind der Gemeinde die Jungen nicht einmal 100 Franken wert?» Das Geld sei eine Investition in die Zukunft und in die Verbundenheit mit der Gemeinde. Im Parlament nicken die ersten Mitglieder unmerklich. Dieser junge Mann steht vor dem Rednerpult und der versammelten Gemeindepolitik und entkräftet ein Argument nach dem anderen. Seine Worte unterstreichen: Für das Jugendparlament geht es um weit mehr als einen festlichen Anlass. Die Volljährigkeitsfeier sehen sie als Symbol für die Haltung der Gemeinde gegenüber ihren jungen Erwachsenen. «Jeder wird nur einmal 18-jährig», betont er. Der Übergang ins Erwachsenenalter bedeute nicht nur mehr Rechte, sondern auch mehr Pflichten – etwa das Bezahlen von Gemeindesteuern. Mit einer Einladung könne die Gemeinde ein klares Zeichen setzen: «Ihr gehört dazu.»

Parteistimmen
Der Auftritt bringt einige Parteien in die Bredouille. Selin Lopez (FDP) stellt die Frage, ob eine klassische Volljährigkeitsfeier heute noch zeitgemäss sei, und bezeichnet die geschätzten Kosten als zu hoch angesetzt. Ein günstigeres Format sei durchaus denkbar. Die Argumentation des Gemeinderats mit einer möglicherweise tiefen Beteiligung überzeugt sie allerdings nicht. In anderen Gemeinden funktionierten solche Anlässe gut. Eine Volljährigkeitsfeier könne zudem einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung leisten. Sara Gasser (Junge Grüne) zeigt sich von der Haltung des Gemeinderats enttäuscht. In Zeiten, in denen demokratische Werte zunehmend unter Druck stünden, sei ein solcher Anlass ein konkretes Zeichen dafür, dass junge Erwachsene Teil der politischen Gemeinschaft seien und mitbestimmen könnten. Schliesslich seien sie besonders von den politischen Entscheiden der Gegenwart betroffen. Für Sven von Gunten (EVP) ist ein früher Kontakt zur Politik entscheidend. Eine Feier allein löse zwar nicht alle Herausforderungen, könne aber ein wertschätzender Startpunkt sein. Es brauche sichtbare Zeichen der Offenheit gegenüber der jungen Generation und langfristige Bemühungen, ihre politische Beteiligung zu stärken.

Kritische Stimmen
Andrea Winzenried (SVP) erinnert daran, dass die früheren Volljährigkeitsfeiern mit grossem organisatorischem Aufwand verbunden gewesen seien und das Interesse schliesslich nachgelassen habe. Die Lebensrealitäten der jungen Erwachsenen seien heute unterschiedlich. Aufwand und Nutzen stünden deshalb in keinem guten Verhältnis. Innerhalb der SP gehen die Meinungen auseinander. Jutta Gubler Kläne-Menke bezeichnet den heutigen Willkommensgruss der Gemeinde für Neuzuziehende als wenig inspirierend und anerkennt das Ziel, die Verbundenheit zur Gemeinde zu stärken. Politische Bildung müsse jedoch bereits vor der Volljährigkeit beginnen. Ihre Fraktion beschliesst deshalb Stimmfreigabe. Parteikollege Henrik Zimmermann stellt grundsätzlich infrage, ob eine Volljährigkeitsfeier das geeignete Instrument zur Förderung politischen Engagements sei. Das Anliegen sei richtig, über die Umsetzung müsse jedoch kreativer nachgedacht werden.

«Nur» eine Richtlinienmotion
Kathrin Aeschbacher (GLP) regt an, eine allfällige Feier partizipativ zu organisieren und dabei mit dem Verein «Generation Gemeinderat» zusammenzuarbeiten, der bereits entsprechende Erfahrungen mitbringe. Reto Zbinden (SVP) erinnert daran, dass es sich um eine Richtlinienmotion handle. Der Gemeinderat habe damit genügend Spielraum, gemeinsam mit dem Parlament ein passendes Konzept zu entwickeln. Eine Richtlinienmotion ist ein parlamentarischer Vorstoss, der die Regierung beauftragt, in einem Bereich tätig zu werden, der bereits in ihre eigene Zuständigkeit fällt.

Am Ende folgt das Parlament dem Jugendparlament klar. Mit 22 Ja-Stimmen bei 5 Nein und 6 Enthaltungen wird die Motion deutlich angenommen. Gut gemacht, Jugendparlament Köniz. Damit ist auch der Beweis erbracht, dass Jutta Gubler Kläne-Menke recht hat: Politische Bildung muss vorher beginnen – tut dies aber auch, wie das Jugendparlament soeben beweist. Die Gemeinde Köniz ist nun beauftragt, Wege zu prüfen, wie junge Erwachsene künftig wieder offiziell auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben willkommen geheissen werden können. Genugtuung für Rafael Beetschen. Die Antwort auf seine Frage lautet nach dieser Debatte klar und deutlich: «Ja, ihr gehört dazu.»

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