Wer sie in den vergangenen sieben Jahren im Könizer Parlament erlebt hat, weiss: Wenn Röthlisberger ans Mikrofon tritt, wird sie Dinge ansprechen, statt sie nur zu umschreiben. Nicht selten drückt sie den Finger in die Wunde des Problems. Mit Heilungsabsichten.
Schöne Verpackung reicht nicht
Typisch Sandra Röthlisberger: Wenn in den Reihen des Könizer Parlaments zähneknirschendes Durchwinken zu entstehen droht, verlangt sie eine bessere Lösung. Vielleicht auch ein wenig zum Ärger jener, die sich schon zufriedengeben, wenn etwas schön präsentiert wird. «Das ist manchmal anstrengend», meint sie – und zwar für ihre Ratskolleginnen und -kollegen, gelegentlich wohl aber auch für sich selbst. Aber genau darin liegt ihre politische Stärke und die Rolle als Mittepolitikerin zwischen rechts und links. Manchmal wird sie missverstanden. Als Störenfried, als Unruhepol, der nachhakt. Doch die Architektin hält das aus. Selbst wenn sie unterliegt. «Damit kann ich gut leben, das ist Demokratie.»
Freiheit als Notwendigkeit
Als sie 2019 ins Parlament nachrutscht, will sie vieles richtig machen. Sie spricht selbst von ihrem protestantischen Arbeitsethos. Das politische System zu verstehen, brauche Zeit, sagte sie damals. «In die Politik wächst man hinein.» Aus anfänglicher Neugier wird Leidenschaft. «Es ist Lust entstanden.» Und wer mit Lust politisiert, entdeckt Möglichkeiten statt Ausreden. In ihrer Fraktion – der augenzwinkernd sogenannten «Excel-Fraktion» von GLP, EVP und Mitte – schätzt sie besonders, dass alle ihre eigenen Stärken einbringen können. «Freiheit ist wichtig. Die brauche ich, um zu funktionieren», räumt sie ein. Vielleicht erklärt gerade das, weshalb sie sich nie mit blossen Ja-und-Amen-Lösungen zufriedengibt.
Suffizienz
Ihre Leidenschaft gilt besonders dem Bauen. Es ist auch ein familiäres Bauprojekt, das Röthlisberger dazu bewogen hat, die Prioritäten in ihrem Leben neu zu setzen. Allerdings geht es ihr nicht um das Bauen um des Bauens willen. Sie interessiert sich für die politischen und gesellschaftlichen Fragen dahinter: Wie viel Raum brauchen wir wirklich? Wie planen wir langfristig? Was können wir uns leisten? Wer ihren Firmennamen «Suffit» kennt, ahnt, dass Suffizienz für sie eine Haltung und nicht nur ein Modewort ist. Im Parlament wirft sie gerade deshalb oft Fragen auf, die es in der frühen strategischen Planungsphase zu beantworten gilt, bevor man ein Bauprojekt umsetzt. Auch unangenehme – solche, die zunächst eher Stirnrunzeln als Begeisterung auslösen. Suffizienz, also so viel wie nötig – in allen Vorhaben, längst nicht nur beim Bauen. «Vielleicht habe ich ein wenig genervt», sagt sie heute mit einem Lächeln. Wahrscheinlich stimmt das sogar für einige. Aber neue Sichtweisen beginnen selten mit Applaus. Und Sandra Röthlisberger wird nie zu den Menschen gehören, die Jahre später mit erhobenem Zeigefinger sagen: «Ich habe es doch gewusst.» Das wäre eben auch nicht suffizient.
Miliz ist ein Juwel
Mit dieser Einstellung geht auch schon mal eine Abstimmung verloren. Für Sandra Röthlisberger kein Problem. Selbst wenn sie in der Geschäftsprüfungskommis-
sion einmal als Einzige gegen etwas ist und sich ärgert, dass sie nicht verstanden wird, bleibt sie nicht im Frust stecken. Die Arbeit geht weiter. Was sie hingegen weitaus mehr besorgt, ist die Entwicklung der politischen Kultur in den vergangenen Monaten. «Ich vermisse ein Parlament, das seine Kompetenzen wieder selbstbewusster wahrnimmt. Früher», sagt sie, «habe man Vorlagen des Gemeinderats nicht einfach entgegengenommen, sondern verbessert.» Heute werde häufiger durchgewunken. Dabei sei gerade das Milizsystem eine grosse Stärke: «Vierzig Menschen mit unterschiedlichen Berufen und Erfahrungen können gemeinsam bessere Lösungen finden – wenn sie den Mut hätten, sich etwas Gegenwind auszusetzen.» Tragfähige Lösungen entstünden nie allein. Aus Mitte-Sicht brauche es den Austausch mit den anderen politischen Parteien ebenso wie die Bereitschaft zum Kompromiss. Denn genau dort entstehen für sie die schönsten politischen Momente: wenn unterschiedliche Überzeugungen am Ende zu besseren Entscheiden führen.
Auch in ihrem Rücktrittsschreiben bleibt sie sich treu. Ein Satz sticht besonders heraus: «Mächtig ist, wer Macht teilt.» Es ist ein Satz, der viel über ihr Politikverständnis verrät. Niemand solle grösser werden als der Konsens. Machtkonzentration bereitet ihr Sorgen, denn für sie lebt die liberale Demokratie gerade davon, dass niemand dauerhaft über den anderen steht. Vielleicht werden manche ihrer Warnungen erst in einigen Jahren ihre volle Bedeutung entfalten. Vielleicht wird sich dann zeigen, dass sie mit manchen Einschätzungen ihrer Zeit voraus war. Doch darauf wartet Sandra Röthlisberger nicht. Sie will nicht Recht behalten, sie will, dass es richtig wird. Auch wenn es dorthin geht, wo es unbequem wird.