Frauenschwingen im Schatten der Männer

Frauenschwingen im Schatten der Männer

Sie schwingt regelmässig an der Spitze der Frauen mit. Zur Schwingerkönigin hat es bislang knapp nicht gereicht. Doch diesen Titel will sie unbedingt noch holen. Das Portrait über Riesen Angela zeigt: Nicht nur in der Region Schwarzenburg, auch gesamtschweizerisch fristet das Frauenschwingen immer noch ein Schattendasein.

Die Wände in der Wohnung ihrer Eltern in Helgisried, wo die 19-Jährige derzeit noch wohnt, sind dekoriert mit vielen Kränzen, Glocken, Treicheln und anderen Gaben. Auf einer Pinnwand: Siegerfotos und Zeitungsberichte über ihre bislang erfolgreiche Schwingkarriere. Zum Schwingen kam sie in der vierten Klasse über den Ferienpass. Sie trat dem Schwingklub Schwarzenburg bei, wo sie während vier Jahren als einziges Mädchen das wöchentliche Training absolvierte. Um stärker gefördert zu werden wechselte sie nach Thun zu den «Berner Schwingerinnen», wo jeden Montag ein spezielles Training für Frauen stattfindet. Dort hat sie mit Fankhauser Diana, Klossner Melissa, Gäumann Jasmin und weiteren Athletinnen starke Teamkolleginnen, die sich gegenseitig aufbauen.

Männer versus Frauen

Anders als bei den Männern, wo der Schwingerkönig jeweils alle drei Jahre am «Eidgenössischen» erkoren wird, tragen die Frauen den Kampf um den Königinnen-Thron jedes Jahr aus. Dabei werden die Punkte der sechs bis acht Schwingfeste des Jahres zusammengezählt. Die Schwingerin mit der höchsten Punktzahl ist die Königin des Jahres. «Dieser Modus wird den Leistungen der Athletinnen gerechter als bei den Männern, die alle drei Jahre am ‹Eigenössischen› ihren Schwingerkönig küren, wobei oft die Tagesform über Sieg oder Niederlage entscheidet», findet Riesen, die es sehr schätzt, dass die Frauen einen eigenen Verband haben.

Aktuell sind rund 200 aktive Schwingerinnen, inklusive Nachwuchs, im Eidgenössischen Frauenschwingverband (EFSV). Bei den Männern sind es 2900 Aktivschwinger, zusammen mit dem Nachwuchs sind es 5’883 Athlethen, die dem Eidgenössischen Schwingerverband (ESV) angehören. Wie bei ihren Kollegen sind die Schwingerinnen aus dem Kanton Bern zahlenmässig in der Übermacht. Einige «Berner Schwingerinnen» platzieren sich an den Schwingfesten und in den Jahreswertungen regelmässig unter den ersten Zehn. «Ein Nachteil bei nur 180 Schwingerinnen liegt bei der Einteilung, bei der es vielfach zu denselben Paarungen kommt. Man kennt sich und es macht sich eine gewisse Abnützung und Monotonie bemerkbar», so die sympathische Athletin.

Krass der Unterschied bei den Zuschauerzahlen: Vor rund 800 Zuschauern wurde Fankhauser Diana von den «Berner Schwingerinnen» dieses Jahr zum zweiten Mal (nach 2018) Schwingerkönigin. Wogegen am diesjährigen «Eidgenössischen» in Pratteln Wicki Joel vor über 50’000 Zuschauern Thronfolger von Stucki Christian wurde. Der Gabentempel am «Eidgenössischen» in Pratteln hatte einen Wert von über einer Million Franken. Davon können die Frauen nur träumen. Ihrer kam auf einen Wert von über 25’000 Franken. «Es geht mir nicht um die Höhe des Betrages», sagt die passionierte Reiterin Riesen. «Bei den Gaben für die Frauen fehlt mir manchmal etwas die Kreativität. Was können Frauen mit einer Bohrmaschine oder einem Steckschlüsselsatz anfangen, wenn sie nicht auf einem Bauernhof oder in einem Handwerksbetrieb arbeiten? Da wären zur Abwechslung beispielsweise auch Gutscheine von Bijouterien, Geschenkläden und Wellness-Oasen denkbar.»

Die Überfliegerin

Ab 2017 dominierte Riesen Angela in der Kategorie «Meitli 1» nach Belieben und stand schweizweit in jedem Schlussgang, errang viele Festsiege. In den Jahren 2017 und 2018 gewann sie jeweils die Jahreswertung in ihrer Kategorie. Die Detailhandelsfachfrau galt als Überfliegerin und ihre Kontrahentinnen waren alles andere als begeistert, sie zugeteilt zu erhalten. Mit dem Übertritt 2019 zu den aktiven Schwingerinnen stiess sie auf stärkere Konkurrenz, realisierte dennoch auf Anhieb den 3. Rang in der Jahreswertung. Die Wettkämpfe der Jahre 2020 und 2021 fielen Corona zum Opfer. Dieses Jahr beendete Riesen die Jahreswertung auf dem 4. Rang. Unterstützt wird sie von ihren Eltern Ruth und Markus, die sie auch an die Wettkämpfe begleiten. Riesen Angela bezeichnet sich als zielstrebig, fair und mit einer gesunden Portion Ego beim Schwingen. Sie ist stolz auf ihre Erfolge, ohne dabei die Bodenhaftung zu verlieren. «Habe ich mir etwas vorgenommen und es läuft nicht so wie ich will, werde ich aber ‹grantig›.»

In ihrer Freizeit hilft sie regelmässig auf dem Bauernhof ihres Onkels aus und pflegt dort auch ihre gewonnenen Lebendpreise. Ziel der 175cm grossen und 90 Kilo wiegenden Athletin ist es, in den nächsten Jahren Schwingerkönigin zu werden und ein Fohlen als Lebendpreis zu gewinnen. Beim Fototermin verschränkt sie ihre krafvollen Arme und schaut nur ansatzweise lächelnd in die Kamera. «Ich will meinen Gegnerinnen nicht zu lieb ‹rüberkommen›. Das Foto soll auch etwas Furchteinflössendes ausdrücken», begründet sie ihre Mimik.

 

Eidgenössischer Frauenschwingverband (EFSV)

1980 fand in Aeschi bei Spiez das erste Frauenschwingfest statt. Mit über 15’000 Besuchern und mehr als 70 Schwingerinnen war das eine kleine Sensation. 1992 wurde am selben Ort der Eidgenössische Frauenschwingverband (EFSV) gegründet. Er zählt mittlerweile rund 200 aktive Schwingerinnen, rund zwei Drittel davon sind Mädchen. Auch heute gibt es aus der Bevölkerung (Männer und Frauen) sowie vom Eidgenössischen Schwingerverband Stimmen, die das Frauenschwingen nicht angebracht finden.

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