«Generell 60» auf der Gurnigelstrasse

«Generell 60» auf der Gurnigelstrasse

Für einige ist sie die Panoramastrasse par excellence, für andere eine Strecke mit besten Aussichten auf Tempo und Rekorde: die Passstrasse über den Gurnigel. «Generell 60» soll's richten.

Auf Antrag der Anstössergemeinden Guggisberg, Riggisberg, Rüeggisberg und Rüschegg hat das kantonale Tiefbauamt auf der rund 20 Kilometer langen Strecke von Dürrbach via Berghaus nach Sangernboden Tempo 60 verfügt. Der Entscheid wurde Mitte Juni im Amtsblatt veröffentlicht; hängige Einsprachen blockieren jedoch vorerst den rasanten Tempowechsel nach unten.

«Weniger Lärm, mehr Sicherheit»
Die Sicherheitslage (rund 90 Unfälle innert 5 Jahren) und die Reduktion des Lärms gaben immer wieder Anlass zu Diskussionen. Während die Anstössergemeinden mehr Sicherheit und weniger Lärm wollen, möchten Kritiker grösstmögliche Freiheiten und wehren sich gegen pauschale Limits ohne bauliche Alternativen. Mit Tempo 60 hat das Tiefbauamt Mitte Juni Tatsachen geschaffen. Damit ist für viele die Hoffnung gross, dass aufheulende Motoren bald der Vergangenheit angehören. Michael Bürki, Gemeindepräsident von Riggisberg, wünscht sich, dass die Strasse das «Raser-Image» los wird. «Die vielen Wochenenddienste, etwa der Feuerwehr, strapazieren das Freiwilligkeitsprinzip stark.» Man könne sich durchaus Schöneres vorstellen als das Gefühl, dauernd präsent und einsatzbereit sein zu müssen – Zeit mit der Familie oder mit Freunden zu verbringen etwa. Die Erlebnisse und Bilder, z.B. ein tödlicher Unfall Ende Mai oder ein durch einen Unfall verursachter Waldbrand, seien nicht immer leicht zu verarbeiten. Zudem mache eine Anpassung Sinn: Die Mehrheit würde sowieso Rücksicht nehmen und sei teils mit weniger als 60 km/h unterwegs. Gesamthaft ist eine gewisse Erleichterung zu spüren. Weniger Lärm, mehr Sicherheit scheint endlich in Sichtweite.

Sicherheitsfragen bleiben
Die Massnahme wird in den Töff-Foren kritisch beurteilt. Punktuelle Reduktionen auf 50 oder 30 würden zwar von vielen verstanden, eine generelle Reduktion auf 60 müsse aber verhindert werden, lautet der Grundtenor. Wenn schon, müsste dann auch kontrolliert werden («auch wenn ich die Schlümpfe nicht mag»), äussert sich ein User. Und befürchtet, dass es «dem Schallenberg» demnächst ähnlich ergehen könnte. In einer anderen Rückmeldung wird Tempo 60 «als unverhältnismässige Pauschalstrafe für alle» bezeichnet, «und das wegen einer rücksichtslosen Minderheit.» Die grosse Mehrheit werde jetzt «sprichwörtlich ausgebremst».
Eine ernstzunehmende Kritik lautet, dass bei kritischen Stellen Gefahrenhinweise oder eine Vorsignalisation fehlen würden. Selbst mit Tempo 60 könnten diese «brandgefährlich» werden.  Die neue Regelung stellt auch für klassische Sonntagsfahrer einen eher unverhältnismässigen Entscheid dar. «Generell 60» sei offensichtlich «die einfachste Lösung», wird etwa gesagt. Ob die Strategie «generell abstrakt» statt «individuell konkret» dereinst den Praxistest besteht, wird sich zeigen.
Die Interessengruppe moto.ch wirft den Behörden indes vor, die Sicherheit bisher vernachlässigt zu haben: «Gibt es Hinweis-
pfeile, Rüttelbeläge oder punktuelle Temporeduktionen? Fehlanzeige. Dafür an der einen oder anderen Stelle Leitplanken ohne Unterfahrschutz, potenziell tödlich – auch für stürzende Velofahrer.» Hier scheint das Argument «grössere Sicherheit dank 60» also kaum zu greifen.

Bald überall 60 ausserorts?
Markiert der Entscheid des Tiefbauamts einen neuen Trend? Die Frage war bereits 2008 Thema im Grossen Rat. «Wird auf Stras-
sen ausserorts sukzessive Tempo 60 anstelle von Tempo 80 eingeführt?», wollte Jürg Scherrer (Autopartei/FPS) wissen. Der Regierungsrat hielt in seiner Antwort vom 8.4.2009 fest, dass «strenge gesetzliche Voraussetzungen» erfüllt sein müssten, unter anderem, «dass eine Gefahr … nicht anders zu beheben» sei. Zudem müsse die Verhältnismässigkeit gewahrt werden. Damit stellt sich die Frage: Gab es wirklich keine Alternativen zum generellen «Sechziger»?
Zu hoffen ist, dass nach den Nebengeräuschen bald wieder Ruhe einkehrt. Jener Zustand nämlich, für den das Gantrischgebiet ja bekannt ist. Und wem Tempo 60 partout nicht passt: Man kann sich in einem Naturpark auch zu Fuss bewegen. Das macht in fröhlicher Gesellschaft mit Sicherheit noch mehr Spass als allein im Temporausch.

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