«Ehrlich gesagt: Rüschegg war für mich ein blinder Fleck. So war mir auch nicht bekannt, dass die Gemeinde Rüschegg 1860 von der Gemeinde Guggisberg als deren ‹Armenhaus› abgespalten wurde. Ebenso wenig wusste ich, dass das Hausiererwesen in der Schweiz in wesentlichen Teilen von Rüschegg ausging», räumt der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried ein. Der Rüschegger Gemeindepräsident Markus Hirschi meint hingegen: «Mir wäre das Präsidieren der Stadt Bern etwas zu viel des Guten. Rüschegg ist doch noch etwas übersichtlicher. Man kennt die Leute meist persönlich und Themen kommen direkt zu mir.»
Bern ist wie Rüschegg
Seit 2017 besteht für die Gemeinden der «Regionalkonferenz Bern Mittelland» die Möglichkeit, einen Jobtausch zu machen. Die Aktion hat zum Ziel, das gegenseitige Verständnis von Stadt, Agglomeration und Land zu fördern. Verständnis reicht aber nicht, um die Eindrücke der beiden zusammenzufassen. Respekt und Hochachtung trifft es schon eher. «Überraschend ist, dass sich die Anforderungen an die Führung einer Stadt oder einer Gemeinde mehr gleichen, als man es erwarten würde», stellt von Graffenried fest. Kollege Hirschi findet ebenfalls eine Ebene, auf der Bern wie Rüschegg ist und präzisiert: «In der Arbeit haben wir es mit ähnlichen Themen zu tun. Bei uns ist es einfach ein wenig reduziert und etwas gemächlicher.»
Umtriebig
Das gemütliche Rüschegg und die pulsierende Grossstadt. Es sind Klischees, welche von der Tagesordnung der beiden Präsidenten widerlegt werden. Es war nämlich Markus Hirschi, der aufgrund eines Meetings nicht die volle Zeit in Bern verbringen konnte und seinen Aufgaben in Rüschegg nachkommen musste. «Ja, das hat sicher Priorität, dann musst du halt nochmals kommen», meint der «Stapi» kurzerhand. Hirschi nahm das grosszügige Angebot dankend wahr und erinnert sich: «Speziell war am zweiten Termin, dass einige seiner näheren Mitarbeitenden mich bereits als Teammitglied ansahen.» Dass Hirschi ein umtriebiger Mann ist, das ist von Graffenried in Erinnerung geblieben: «Wir haben eine eindrückliche Tour quer durch Rüschegg gemacht und ich glaube, Markus Hirschi konnte dabei gleich noch das eine oder andere erledigen.» Die Tour verriet dem Stadtberner übrigens auch noch einige andere Dinge über Rüschegg: «Seit dem Besuch kenne ich auch das Rüschegger Matterhorn, bestiegen habe ich es allerdings nicht. Hingegen durfte ich als Highlight Franz und Maria Gertsch in ihrem Atelier in Rü-schegg besuchen.»
Engagiert
Doch auch Hirschi scheint von den Fähigkeiten des Stadtpräsidenten beeindruckt und meint rückblickend: «Ich lernte Alec von Graffenried als sehr engagierte Persönlichkeit mit einem strengen Tagesprotokoll kennen.» Zwei Präsidenten, die sich für die Sorgen ihrer Gemeinden interessieren. Einzig bei der Problemlösung scheint Rüschegg die Nase ein klein wenig vorn zu haben, zumindest wenn es darum geht, sie rasch und unkompliziert zu lösen. Das sind die kleinen Vorteile einer kleinen Gemeinde mit dem Vorurteil, etwas gemächlicher zu sein.
Wobei klein eben nicht ganz stimmt: «Rüschegg ist vielleicht – was die Einwohnerzahl angeht – deutlich kleiner, aber flächenmässig ist es grösser als die Stadt Bern.» 1700 Einwohner auf 57km² in Rüschegg versus 135’000 Einwohner auf 51km² in Bern. In diesem einen Bereich darf man sagen grosses Rüschegg und kleines Bern. Alec von Graffenried hat dank dem Jobtausch einen blinden Fleck weniger, Markus Hirschi die Gewissheit, dass die Leitung der Stadt Bern mit einem Milizamt wie bei ihm nicht mehr stemmbar wäre und eine grosse Schuhnummer darstellt. Die regionale Identität von Rüschegg und jene von Bern bleiben dank diesem Tag und zweier engagierter Präsidenten miteinander verbunden.