Wir waren noch nie so weit weg», verrät seine Mutter. Indes trägt der Vater stolz ein T-Shirt, das er eigens für diesen Erfolg hat bedrucken lassen. Nicht nur die Eltern, nein, ein ganzer Tross ist mit dem jungen Carrosseriespengler nach China geflogen. Auch Urs Boss, der Geschäftsführer von G&G. «Es ist dort schon ganz anders, die ständigen Kontrollen, man fühlt sich permanent observiert.» Und für ein Schweizer Sackmesser haben sie in China ganz und gar kein Verständnis, wie es scheint.
Kulturschock
Die Anekdoten über das ferne Land häufen sich. Jede und jeder hat so seine Erfahrungen gemacht und zeigt sich glücklich, wieder in der Schweiz zu sein. Und Gilles Glauser? «Es war schon ziemlich extrem und alles so riesengross», räumt er zwar ein und ergänzt ziemlich gelassen: «Aber ich habe einfach versucht, mich auf meine Aufgaben zu fokussieren.» Wenngleich auch das nicht so einfach schien, denn da standen plötzlich neue Maschinen herum, die der Carrosseriespengler noch nie gesehen hatte. Doch statt sich davon übermässig nervös machen zu lassen, entschied er sich, «mit dem Material zu arbeiten, das ich kenne.»
Wie Franjo von Allmen
Ist er so ein cooler Typ? Eine Frage, die seine Brüder und seine Freundin, die allesamt ebenfalls nach Shanghai gereist sind, wohl am besten beantworten können. «Ja, er ist schon eher cool», lautet die einhellige Meinung am Stehtischchen mit seinen Engsten. So gelassen und locker wie der Dreifach-Olympiasieger Franjo von Allmen? «Ja genau, ich glaube, das trifft es ziemlich gut», meint der ältere Bruder und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Derweil ist Gilles Glauser noch immer damit beschäftigt, mit allen Gästen ein paar Worte zu wechseln. Unwissend, was da so über ihn gesagt wird. Doch diese Coolness – plötzlich übermannt einen das Gefühl, sie nun in seinem Gesicht lesen zu können. Vielleicht sogar ein wenig Schalk dazu.
Ungleiche Spiesse
Den musste er aber für die anstehenden Aufgaben in Shanghai für eine Weile gut verstauen. Denn da war eine Konkurrenz am Start, die mit ganz anderen Voraussetzungen antrat als der Schweizer Meister aus dem Jahre 2025. «Die Chinesen trainieren bis zu vier Jahre lang nur für diesen einen Event», erzählt er. Während also Schweizerinnen und Schweizer ganz normal im Beruf arbeiten und dafür jede Minute ihrer Freizeit für das Training opfern, machen gleichaltrige junge Menschen aus China und Japan nichts anderes mehr, als diese Prüfungsaufgaben zu üben. Einer, der diese ungleich langen Spiesse kennt, ist Dominik Bartlome. «Das ist definitiv ein grosser Unterschied und es ist schwer, gegen diese Konkurrenz anzukommen», erinnert er sich an seinen Auftritt im Jahr 2022, als er im selben Beruf die Silbermedaille gewann. Der Rüschegger ist eigens für die Ehrung von Glauser nach Niederwangen gekommen. Und das bedeutet dem in Albligen Wohnhaften viel. «Er ist mein Vorbild», sagt Glauser ohne Umschweife. Beide haben ihre Ausbildung bei G&G gemacht. Ein Riesenerfolg für das Könizer Unternehmen, der unbedingt Erwähnung finden muss, denn: Welches KMU hat schon mehrere Weltmeisterschafts-Medaillengewinner in seinen Reihen ausgebildet?
Die Einordnung
Doch zurück zum Helden des Tages. Inzwischen dröhnt ein Song durch die Boxen, der eigens für Gilles Glauser getextet wurde. Hoch die Gläser, auf den Helden von Shanghai. «Und meine Trainerin», ergänzt er plötzlich. Diana Schlup sei für diesen Erfolg von grosser Bedeutung gewesen, erfahren die Gäste. Nicht zum ersten Mal. Schlup ist eine regelrechte «Meistertrainerin», versichert Boss. Sie weiss, wie man die jungen Talente zu Höchstleistungen bringt, auch wenn die asiatische Konkurrenz haushoch überlegen scheint. Nicht nur Gilles Glauser, sondern auch elf weitere Schweizerinnen und Schweizer gewinnen Medaillen. Die Schweiz ist klar das erfolgreichste Land Europas, wenn es um Lehrberufe geht. Nirgends wird der Erfolg des dualen Bildungssystems so ersichtlich wie an den WorldSkills.
Die Bedeutung
Inzwischen drehen die Räder mit dem Käse. Genüsslich tauchen die Gäste ihre aufgegabelten Brotstücke in den zarten Schmelz. Es ist ruhiger geworden. Nicht, weil alle essen, sondern weil einige Worte der Branchenvertreter nachhallen. Sie haben die Leistung von Gilles Glauser nicht nur gewürdigt, sondern auch deren Bedeutung herausgestrichen. Die Aufopferung, mit der Glauser trainiert und vieles diesem Auftritt untergeordnet hat. Die Fähigkeit, sein Bestes am Tag X abzurufen. Oder fast immer das Beste. «Ich habe bei einer Aufgabe einen Fehler gemacht, dann dachte ich, es reicht nicht mehr für eine Medaille, und habe versucht, weiterhin mein Bestes zu geben», meint der Carrosseriespengler. Dann kam die Rangverkündigung. «Und wir wurden mal wieder zuletzt aufgerufen», scherzt er. Dass er eine Medaille gewinnt, musste er anhand der Schweizer Fahne auf dem Bildschirm erahnen, denn seinen eigenen Namen vermochte er, mit chinesischem Akzent ausgesprochen, wahrlich nicht zu erkennen. Doch die anschliessende Freude kennt bekanntlich keine Sprache. Ausser vielleicht jene der Botschaft, die damit einhergeht. Gilles Glauser beehrt nicht nur sich selbst, sondern eine ganze Berufsgruppe, ebnet den Weg, um selbst einmal wieder starke Lernende auszubilden, und steht für heranwachsende Profis, welche das Schweizer Erfolgsmodell hinaus in die weite Welt tragen. Gilles Glauser ist nicht nur ein Medaillengewinner einer Weltmeisterschaft. Nein, er ist ein Botschafter der Lernberufe, ein Vorbild für junge Menschen, so wie es Dominik Bartlome für ihn ist.
Inzwischen hat sich die Dunkelheit über das Wangental gelegt und der Abend scheint noch lange nicht zu Ende. Es ist halt schön hier, nicht so wie in Shanghai, hört man immer wieder. Und nun, nachdem jeglicher Druck von Glausers Schultern gefallen ist, wagt auch er, etwas zum grossen Land zu sagen. «Ich bin froh, wieder weg von diesen ständigen Kontrollen und dieser nervösen, lauten Welt zu sein. Nun will ich einfach nur noch die Kuhglocken in Albligen hören.»