Die einschlägigen Medien tippen sich die Finger wund, um das «Beizensterben» zu beweinen. Zurecht. Das Verschwinden der Restaurants in den Dörfern ist nicht nur ein Ausbleiben eines Angebots, es ist wie eine fehlende Schraube in einem Stuhl. Er hält zwar noch, aber wackelt bedrohlich. Draufsetzen will sich manch einer lieber nicht mehr. Den Gemeinden fehlt ein Treffpunkt, den Vereinen ein Lokal, den verschiedenen Generationen eine Begegnungsmöglichkeit und dem ganzen Dorf ein Ort des Zusammenkommens, des Sich-Zeit-Nehmens. Doch es geht auch anders. Statt die dahingerafften Restaurants zu bedauern, kann man die verbleibenden ins Zentrum rücken und von ihrer Bedeutung erzählen. Willkommen im Bären Frauenkappelen.
Moderne Grossküche
«Es ist immer schön, wenn ein Restaurant weiterbesteht – und nicht mehr selbstverständlich», weiss Chasper Lüthi. Der Bereichsleiter der Hotellerie im Landhaus Neuenegg bewirtschaftet seit einigen Monaten den Bären. Der gelernte Koch hat Erfahrung damit, denn im Landhaus wird die Gastronomie grossgeschrieben. Vor Ort betreibt man mit dem «Le Clou» ein weiteres Restaurant sowie ein Bistro im Haupthaus. Eine moderne Grossküche ermöglicht es, frische und saisonale Küche anzubieten, auszuliefern und die verschiedenen Restaurationsbetriebe gleichzeitig zu unterstützen. «Die modernen Systeme im Landhaus Neuenegg unterstützen die Küchen vor Ort», präzisiert er. Nur, wie passt da der Bären in Frauenkappelen dazu? Ein wenig schmunzeln muss Lüthi schon bei dieser Frage. Doch die Antwort hätte man auch stumm schalten können, sein Gesicht verrät genug. Mit leuchtenden Augen und stark gestikulierend beschreibt er den Weg durch den Forst von Neuenegg nach Frauenkappelen. In ihm lodert das Feuer der gastronomischen Leidenschaft. Diese Brücke zwischen einem Alters- und Pflegezentrum sowie der Gastronomie ist eine mit starken Pfeilern. «Essen bringt Lebensfreude und Wohlbefinden», bringt er es auf den Punkt. Und beides ist bekanntlich in jedem Alter möglich.
Das altehrwürdige Haus
Die Familie Zimmermann als Besitzerin des altehrwürdigen Bären stammt aus Frauenkappelen. Ihr Antrieb ist es, dem Dorf und seinen Vereinen weiterhin ein Wirtshaus zur Verfügung stellen zu können. «Welch wunderschöne Einstellung», freut sich Lüthi. Besitzer, welche die Bedeutung eines Restaurants verstehen, treffen auf einen Gastronomen aus Leidenschaft. Und was passiert, wenn Bewirtschafter und Besitzer die gleichen Werte teilen? Es entsteht die nötige Demut vor dem, was war. Statt alles umzustürzen und anders zu machen, geht es darum, Gutes und Rares wieder aufleben zu lassen. «Der Bären Frauenkappelen hatte lange einen grossen Namen. Dorthin soll es wieder gehen», sagt Lüthi überzeugt. Das Gasthaus ist weit mehr als nur ein Restaurant. Über Generationen hinweg war es einer der wichtigsten Treffpunkte des Dorfes. Hier wurde nicht nur gegessen und getrunken, sondern auch das Dorfleben gepflegt: Vereine trafen sich zu Sitzungen, Familien feierten ihre Feste, Nachbarn kamen ins Gespräch, und man erfuhr oft noch schneller als in der Könizer Zeitung | Der Sensetaler, was im Dorf gerade lief. Auch diese Aussage braucht niemand zu machen. Das Haus selbst erzählt diese Geschichte.
Detailverliebt und pflichtbewusst
Gastgeberin vor Ort ist Stefanie Notz. Sie achtet auf so manches Detail. Auf dem Tisch stehen frische Blumen, auf der Karte frische Speisen. «Wie schmeckt es?», will man während des Essens wissen. Und schon verwandelt sich das Gefühl des Gastes fast ein wenig hin zum Ehrengast. Es schmeckt übrigens ausgezeichnet. Und Lüthi weiss auch, weshalb: «Jedes Restaurant braucht einen Top-Koch. Darauf haben wir natürlich geachtet.» Das Menü ist ein Dreigänger für 20.50 Franken. Ein bisschen Frankreich in Frauenkappelen. Kehrten einst nicht viele in den Bären für das sogenannte «Pfännli» ein? Wieder muss er sein Schmunzeln etwas zügeln und verrät es dann doch: «Ja, wir arbeiten daran, dass wir die Klassiker von damals wieder aufleben lassen.»
Das Glück von Frauenkappelen ist das Pech anderer Orte. Man mag es sich im Verteilgebiet dieser Zeitung mit vielen traditionsreichen Wirtschaften im ländlichen Raum kaum vorstellen, aber in Köniz herrscht kulinarische Einöde. Während die ländlichen Teile der Gemeinde ihre Gasthäuser noch haben, muss der urbane Teil mit vier währschaften Restaurants auskommen. Vor 20 Jahren waren es mehr als zehn. Dafür wuchern Schnellimbisse wie Unkraut aus den Asphaltspalten. Eine gesellschaftliche Entwicklung, die genauso sicher eines Tages zur Einsicht gelangen wird, dass Essen bedeutet, sich bewusst Zeit zu nehmen und ein wenig innezuhalten. Nur, bis die Gesellschaft sich wieder erinnert, bleibt schon die Frage, wie viele Traditionshäuser überlebt haben? Es bleibt an Ihnen, geneigte Leserschaft, einzukehren und zu verweilen. Sie sehen, das funktioniert ganz ohne Yoga-Verrenkungen, Seminare und künstliche Treffpunkte. Gasthäuser wie der Bären sind wie soziale Medien, nur viel krasser: Sie sind echt. Was das Dorfleben in Frauenkappelen angeht, heisst es künftig nur das eine oder andere Mal: «Heute Ruhetag». Und das ist weitaus besser, als wenn man vor den altehrwürdigen Bären schreiben müsste: «Ruhe in Frieden.»