«Ich bin gespannt. Ein Vortrag in dieser Form und zu diesem Thema ist eine Premiere an unserer Schule», sagt Co-Schulleiterin Milena Spycher im Vorfeld. Die Idee entstand nicht zufällig: Sie und eine Kollegin besuchten vor einiger Zeit selbst einen Vortrag von Pauchard. Inhalt und Art überzeugten so sehr, dass sie die Referentin nach Riggisberg einluden. Zunächst richtet sich der Abend an die Lehrpersonen. Im Zentrum steht die Frage, wie wir in einer zunehmend belastenden Welt psychisch gesund bleiben und was Kinder stark macht.
Esther Pauchard weiss, wovon sie spricht. Als Psychiaterin mit 25 Jahren Erfahrung begegnet sie täglich Menschen in Krisensituationen. Gleich zu Beginn macht sie eine klare Aussage: «Krisen nehmen zu. Resilienz, also psychische Widerstandskraft, ist zu einem Schlüsselthema geworden. Doch das Problem ist: Unsere Krisenmuskeln sind in den vergleichsweise ruhigen Jahrzehnten, die wir erleben durften, geschrumpft. Jetzt müssen wir sie wieder auftrainieren.» Ein zentraler Begriff des Abends ist die Selbstwirksamkeit. Gemeint ist das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, schwierige Situationen zu meistern.
Die Macht der Gedanken
«Welche Geschichte erzähle ich mir über mich selbst?», fragt Pauchard und verrät: «Rund 70’000 Gedanken rauschen täglich durch unseren Kopf. Doch entscheidend ist nicht, ob sie wahr sind, sondern ob sie uns weiterbringen.» Auch die Angst bekommt ihren berechtigten Platz. «Angst ist eine gute Mitarbeiterin im mittleren Kader, aber sie sollte nicht im Chefsessel sitzen», sagt sie augenzwinkernd. Sie hilft, Gefahren zu erkennen, und das ist wichtig, aber sie sollte nicht das Steuer übernehmen.
Wie belastbar wir sind, erklärt die Psychiaterin und Autorin anschaulich an dem sogenannten Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Jeder Mensch bringt eine eigene Grundspannung mit. Ist diese hoch, reicht oft wenig, um an die Grenze zu kommen. Umso wichtiger sind einfache Dinge wie Schlaf, Bewegung und Pausen. «Höchst banal, aber enorm wirksam.» Und was hilft, wenn es doch zu viel wird? Pauchard empfiehlt Strategien wie Bewegung, Musik oder Achtsamkeitsübungen. Wichtig sei, diese nicht erst im Krisenmoment auszuprobieren, sondern früh einzuüben.
Zwischen Schutz und Selbstständigkeit
Im zweiten Teil stossen die Eltern dazu. Der Fokus verschiebt sich auf Kinder und Jugendliche. Rund 60 Mütter und Väter sind an diesem Abend dabei und lauschen gespannt den Worten der Referentin. Pauchard schildert eindrücklich ihre Erfahrungen aus der Psychiatrie für Jugendliche: «Viele junge Menschen sind schon lange krank, wenn sie zu uns kommen», sagt sie nachdenklich. Gerade deshalb sei es so wichtig, den Kindern nicht alles abzunehmen. Hilfe müsse zur Selbsthilfe werden. Der Wunsch, Kinder zu schützen, sei verständlich, könne aber nach hinten losgehen. «Wenn wir unseren Kindern alles abnehmen, schwächen wir sie unbewusst.» Kinder sollen ausprobieren, scheitern und merken: «Ich kann das selbst.»
Drei Geisseln unserer Zeit
Auch beim Thema Diagnosen plädiert Pauchard für einen differenzierten Blick. Sie geben Orientierung und entlasten. «Für manche ist eine Diagnose wie eine Erlösung.» Problematisch wird es, wenn sie zur festen Grenze wird. Entscheidend bleibt, Kinder im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu fördern. Kritisch blickt Pauchard auch auf gesellschaftliche Entwicklungen. Sie spricht von «drei Geisseln unserer Zeit»: dem übersteigerten Bedürfnis nach Sicherheit, der Vermeidung von Herausforderungen und der Abgabe von Verantwortung. All das schwächt langfristig die Selbstwirksamkeit.
Ein Balanceakt
Die Fragen aus dem Publikum zeigen, dass das Thema Eltern und Lehrpersonen gleichermassen beschäftigt. Für alle bleibt es eine Herausforderung, Kinder und Jugendliche auf dem Weg ins Erwachsenwerden zu begleiten. Ein Patentrezept gibt es nicht. Gefragt sind Verständnis, Geduld, Dranbleiben und vor allem Kommunikation. Am Ende zeichnet Pauchard ein treffendes Bild von der psychischen Gesundheit als Seiltanz. Sie sagt, es werde immer Herausforderungen geben. Entscheidend sei, diese zu erkennen, zu akzeptieren und zu lernen, damit umzugehen. So zeige man auch den Kindern, dass Druck, Stress und Probleme zum Leben dazugehören. Schulleiterin Milena Spycher zieht nach dem Vortrag ein positives Fazit. Ihre Hoffnung ist, dass Eltern und Lehrpersonen aufeinander zugehen, auch einmal die Perspektive wechseln und den Blickwinkel des Gegenübers einnehmen. Weg von Schuldzuweisungen, hin zu einem gemeinsamen Ziel, dem Wohl der Kinder.