Einen Treffpunkt gibt es noch im Dorf: das Combava Thai-Bistro. Um die alten Zeiten mit dem Hirschen nicht hochzustilisieren – an diesem verregneten Februarabend sind einige dankbar um ein Plätzchen. Die einen klopfen einen Jass, andere essen etwas, wiederum andere versenken ihre Nase in die Zeitungen. Oh, du beschauliches Dorfleben – mitten in einem Thai-Bistro. Kaum jemand nimmt Notiz davon, dass an einem Tisch vier Grossräte Platz nehmen. Das Einzigartige daran: Sie wohnen allesamt in Mittelhäusern. Es ist noch ein Stuhl frei. Zeit, Platz zu nehmen und den Grossräten Thomas Brönnimann (GLP), Jan Remund (Grüne), Reto Zbinden (SVP) und Benjamin Marti (SVP) zu lauschen.
Auf der Suche nach einer Antwort
«Strategisch habe ich wohl einen Fehler gemacht, hierherzuziehen», scherzt Benjamin Marti. Der langjährige Gemeindepräsident von Belp lebt noch nicht so lange in Mittelhäusern wie die anderen drei und staunt noch heute über die grosse Dichte an Grossräten hier. «Nein, nein, du bist hier genau richtig, Mittelhäusern ist eine Polithochburg», entgegnet Reto Zbinden. «Ja, hier wird man gewählt», ergänzt Jan Remund. Derweil macht sich Thomas Brönnimann schon daran, das Ganze analytisch zu beleuchten: «So viele Grossräte aus Mittelhäusern – das kann kein Zufall sein. Ich glaube, genau hier ist die Schnittstelle zwischen Stadt und Land. Hier wählt man noch jene, die man kennt.» Remund hingegen weist auf die unterschiedlichen Parteien der vier: «Dazu müssten die Wählerinnen und Wähler panaschieren, und wir waren, glaube ich, alle keine Panaschierkönige in den letzten Wahlen.» Doch Zbinden sieht darin keinen Widerspruch: «Wir haben unterschiedliche Meinungen im Dorf, und man darf nicht vergessen, dass auch im Könizer Parlament immer viele aus Mittelhäusern vertreten waren.» Die anderen nicken emsig bei dieser Feststellung. Marti teilt nun seine ersten Erkenntnisse aus seiner neuen Heimat: «In der Strassweid-Siedlung leben rund 300 Menschen, die eher einen urbaneren Lebensstil mitten auf dem Land pflegen. Das ist wichtig, sie bringen sich ein. So kommen hier in Mittelhäusern verschiedene Interessen zusammen.» Wie diese Feststellung, so die Zusammensetzung. Bedient man sich der Klischeekiste, darf man Zbinden und Marti als SVPler eher der ländlichen Bevölkerung zuteilen und Brönnimann sowie Remund als GLPler bzw. Grüner eher dem urbanen. Nur greift das bei diesen Vieren viel zu kurz. Brönnimann ist genauso ländlich, wie Marti urban denken kann, Remund hat eine Nähe zur Natur und Zbinden bespielt Agglomerationsthemen. Hier in Mittelhäusern koexistieren Stadt und Land nicht nur, sie greifen ineinander. Und die Wahlbeteiligung dürfte wohl auch ziemlich gut sein, möchte man anfügen.
Können sie bald eine Fraktion bilden?
Im Grossen Rat in Bern darf eine Partei eine Fraktion bilden, sobald sie fünf Sitze erreicht hat. Um ein Haar könnte Mittelhäusern im Parlament eine eigene Fraktion bilden. «Das würde ich sofort vorschlagen, es gäbe sogar einen Grundfinanzierungsbeitrag», witzelt Brönnimann. Derweil erinnert Zbinden daran, dass in diesem Jahr mit Mark Kobel (FDP) oder Andreas Hauser (GLP) zwei Mittelhäuserer für den Grossrat kandidieren. Wer weiss, ob sich die illustre Runde den Spass erlauben würde und den Kanton vor eine schwierige Aufgabe stellte, wenn sie eine parteiübergreifende Fraktion Mittelhäusern vorschlüge, die von den Grünen bis zur SVP reicht. Doch der Spass hat eine ernste Komponente: Wenn die vier Grossräte etwas vorleben, dann ihre Fähigkeit, über Parteigrenzen hinweg Themen miteinander zu besprechen. Typisch Mittelhäusern eben.
Politik und Familie
Dieses gemeinsame Gespräch im Thai-Bistro gelangt inzwischen in den privateren Teil. Wer ist von wem und wie politisiert worden – zu Hause am Küchentisch? «Meine Eltern waren nicht politisch. Bei mir war es der Grossvater. Er war zwar in keiner Partei aktiv, hat aber Leserbriefe geschrieben», verrät Zbinden. «Bei mir war es nicht der Vater, der mich politisiert hat, sondern ich ihn. Mit 75 Jahren wurde er Parteipräsident der Grünen in Heimberg und blieb das, bis er 80-jährig war», bringt Remund seine Kameraden zum Staunen. «Bei mir war Politik am Tisch allgegenwärtig. Während des Nachtessens mussten wir ‹Echo der Zeit› hören. Selbst wenn es in einem Beitrag um El Salvador ging – das war wichtiger als all das, was bei mir in der Schule an diesem Tag passiert ist», erzählt Marti. Er habe das bei seiner Tochter besser machen wollen. «Ich habe die Politik nicht so oft nach Hause gebracht», ergänzt er. Seine Tochter hat den Weg in die Politik noch nicht gemacht. Wie sieht es bei den anderen Vätern aus? «Ich glaube, zwei meiner Kinder sind bei den Grünen», räumt Brönnimann ein. «Die Siedlung prägt die Jungen schon, da stehen ökologische Fragen im Zentrum.»
Zwei Grossprojekte – ein Dorf
Mittelhäusern ist in mehrerlei Hinsicht ein Phänomen. Das überschaubare Dorf wird mit seinem «Energieverbund Mittelhäusern» zum Schauplatz von nationalem Interesse, weil hier der Beweis angetreten werden soll, dass das ganze Dorf zu 100 % mit eigener, erneuerbarer Energie versorgt werden kann. Mitten drin in diesem Projekt ist Jan Remund: «Kürzlich gab es eine Versammlung dazu. Es kamen über 100 Leute aus Mittelhäusern. Vor allem die ländlichen Personen zeigen sich sehr interessiert. Es gab mir das Gefühl, dass es gut kommt mit diesem Vorhaben.» Die Bescheidenheit spricht mit, denn längst ist die BKW mit dabei, um aus diesem Pilotprojekt zu lernen. «Das ist eine Vision. Landwirtschaftsbetriebe können nicht nur Milchwirtschaft, sondern auch Energiewirtschaft. Da braucht es bald keine Kühe mehr», kommentiert Brönnimann. Nun rückt Zbinden seinen Stuhl zurecht und mit diesem die ganze Landwirtschaft: «Die grossen Dächer zu nutzen, ist sinnvoll. Das heisst aber nur, dass ein weiterer Zweig in der Landwirtschaft dazukommt: Milchwirtschaft, Energiewirtschaft – die Landwirte sind breiter aufgestellt.» Dann wendet er sich an Remund und meint: «Hut ab vor dem, was ihr geleistet habt. Dieses Projekt ist eine Brücke zwischen Land und Stadt – genau das brauchen wir.» Marti nickt und ergänzt: «Wir brauchen Innovationen. Wenn hier unterschiedliche Ausgangslagen in einem Bedürfnis zusammenkommen, dann ist das ideal.» Remund hat derweil eine eigene Zusammenfassung für die Landwirtschaft und deren Entwicklung: «Früher hat man Hafer gepflanzt für die Pferde, heute Energie für die E-Autos.» Und um die kürzeste Zusammenfassung für dieses Projekt zu finden: typisch Mittelhäusern.
Etwas am Rand des Dorfes wartet eine andere Vision darauf, realisiert zu werden: Die Schwarzwasser-Arena soll dereinst überdacht werden. «Es wäre dringend nötig, ein solches Sportzentrum zu haben, keine Frage. Aber die Hürden sind gross, nicht zuletzt jene vom Kanton. Da wäre es doch gut, noch ein fünftes Grossratsmitglied aus Mittelhäusern zu haben», schmunzelt Zbinden. «Wir reden schon lange davon. Ist das nun ein Zeichen, dass wir schlechte Politiker sind, weil wir das noch nicht hinbekommen haben?», scherzt Brönnimann. Mitnichten. Vielmehr ist das Vorhaben auch ein finanzieller Kraftakt. Müssen sich die Gemeinden Köniz und Schwarzenburg noch stärker daran beteiligen? «Die Gemeinden müssen mithelfen, das steht für mich aus-ser Frage», meint Brönnimann und zitiert die Erfolgsgeschichte der Weissensteinhalle als Beispiel, wie das funktionieren könnte. «Und nicht zu vergessen: Die Lage der mittlerweile maroden Schwarzwasser-Arena ist geradezu ideal», ergänzt Remund. Zbinden fasst es so zusammen: «Man darf nicht vergessen, dass es hier in Mittelhäusern nicht so viel Infrastruktur gibt. Es wäre deshalb bitter nötig. Sonst haben wir dann wirklich nur eine Tierkadaverstelle zu bieten», sagt er mit einem Lachen.
Das grosse Finale
Das Sportzentrum und das Energieprojekt zeigen auf, wo die Schnittstellen liegen zwischen regionalen Bedürfnissen und kantonalen Aufgaben. Doch sind Grossräte nun für die Region zuständig oder für den Kanton? «Man ist schon regional geprägt, das spürt man in den Debatten immer wieder», räumt Brönnimann ein. «Man denke nur an die Oberländer, die sogar ihren eigenen Rat haben und vor den Sessionen vorberaten. Solche Bestrebungen fangen in Köniz gerade erst langsam an», gibt Zbinden zu bedenken. «Ja, und deshalb sagt man ja auch oft, das Oberland bekomme alles, was es will», stört sich Remund an dieser Situation. Es ist Marti, der nun die Sache ordnet: «Unsere Aufgabe als Grossräte ist es zweifelsohne, kantonal zu denken und zu handeln. Das verliert der Grossrat oft ein wenig aus den Augen.» Wo er recht hat, hat er recht, pflichten ihm die anderen bei. Also ein Spagat zwischen regionalen Interessen und kantonalen Herausforderungen? Das ist Politik: ein Spannungsfeld zwischen Innovation, Tradition, gesellschaftlichem Wandel und fairen Bedingungen. Hier auf engstem Raum im Thai-Bistro vorgelebt.
Nur, weshalb tut man sich diese Herausforderungen an? Die Besoldung als Grossrat ist ja nicht unbedingt üppig. «Wahrlich nicht. Wenn man es ausrechnet, verdienen wir weniger als eine Reinigungskraft», schiesst es aus Brönnimann heraus. «Aber wir haben das so gewollt und werden entschädigt. Mich treibt die Demokratie an. Die gibt es nur, wenn sich Menschen daran beteiligen», sagt Remund. Zbinden pflichtet ihm bei: «Ich habe die Möglichkeit, an der Schweiz teilzunehmen. Wir haben das beste politische System der Welt, davon bin ich überzeugt. Als normaler Bürger könnte ich in keinem anderen Land in ein solches Parlament gewählt werden. Zudem sollte man nicht nur ausrufen, was nicht gut läuft, sondern etwas tun. Was mich aber stört, ist die schwierige Vereinbarkeit mit dem Beruf. Deshalb hat es zu wenig Unternehmer im Parlament. Es sind eher Verwaltungsangestellte, die es sich zeitlich leisten können, im Grossrat zu sein. Wir sind also offen für alle und doch nicht.» Brönnimann ergänzt: «Ich glaube, die meisten Grossräte nehmen einen Einkommensverlust in Kauf und reduzieren ihre Arbeit entsprechend.» «Ja, zum Beispiel ich», nickt Jan Remund. «Ich würde es schade finden, wenn die Entlöhnung und der Zeitfaktor zu wichtig werden. Wir sind entschädigt. Wir haben aus freien Stücken entschieden, in unserer Freizeit zu politisieren, uns hat niemand gezwungen. Es hat uns Befriedigung gegeben, darum haben wir weitergemacht. Deshalb treten wir wieder an», meint Marti.
Längst hat die Dunkelheit Mittelhäusern in tiefes Schwarz gehüllt. Im Thai-Bistro könnten die Gespräche mit Thomas Brönnimann, Jan Remund, Reto Zbinden und Benjamin Marti noch lange weitergehen – Unterhaltung inklusive. Doch das Wichtigste ist längst bekannt: Diese vier Grossräte sind nicht gewählt, weil sie aus Mittelhäusern kommen, sondern weil viele Menschen in ihnen gute Vertreter ihrer Interessen sehen. Und siehe da, vielleicht spielt Mittelhäusern dann halt doch noch eine Rolle – als Ort, der sie geprägt hat. Ein Dorf zwischen Stadt und Land, wo man noch zusammensitzt, einander kennt und miteinander nach Lösungen sucht. Im Thai-Bistro und anderswo. So kommt es, dass man in Mittelhäusern sagt: «Wir haben vier auf einen Streich.»