Treicheln gehören zur Schweizer Bergwelt, wie die Löcher in den Emmentaler. Dank ihnen findet man verschollene Tiere – auch bei schlechtem Wetter. Klar ginge es modern mit GPS, die analoge Kuhtreichel ist und bleibt aber ein Kulturgut. Was wären Alpabzüge ohne Tiere mit imposanten Treicheln an schön bestickten Riemen? Aus diesem Grund haben Schmiede, die diese spezielle Kunst beherrschen, immer noch viel zu tun. Wenn auch im letzten Jahr weniger, da keine Almabtriebe mit Publikum stattfinden konnten. Im Kanton Bern gibt es vier grössere Schmieden, welche die bekannten Schweizer Treicheln herstellen. Eine davon ist die der Familie Bartenbach in Oberbalm.
Geschichte
1966 erwarben Eduard Bartenbach und seine Frau die Huf- und Wagenschmiede in Oberbalm. Durch die fortschreitende Mechanisierung der Landwirtschaft sahen sie sich gezwungen, einen zusätzlichen Erwerbszweig aufzubauen. So entstand 1972 die Treichelschmiede. Sein Sohn Jürg lernte bei ihm den Beruf des Hufschmieds und ist heute der Inhaber. ««Sein künftiger Lehrmeister wurde kurz vor Lehrbeginn krank und ist dann leider auch verstorben, daher hat er die Ausbildung bei seinem Vater gemacht. Später war es ein fliessender Übergang, bis mein Opa in Rente gegangen ist», erklärt Nick Bartenbach die Geschichte. Für ihn selbst war schon früh klar, dass er die Familientradition des Treichelherstellung fortsetzen wird, aber Pferde waren so gar nicht seins. Ausserdem hat er eine Allergie, weshalb er eine Metallbaulehre (Fachrichtung Schmied) machte. «Für mich war es keine Option, diese bei meinem Vater zu machen, er selbst hat mir auch davon abgeraten. Ich sollte meinen Horizont erweitern sowie Neues lernen und entdecken», so der 21-Jährige. Die beiden älteren Bartenbachs seien offen gewesen und fragten immer nach, was er in der Ausbildung gelernt hat. «Ich wollte auch schauen, ob es wirklich das Richtige ist. Man hat einen ganz anderen Bezug, als wenn man zu Hause ist», meint der Schwinger.
Als Kind schon dabei
Von klein auf war er in der Werkstatt unterwegs und an festen Tagen half er mit. «Es war aber nie ein Müssen und es gab keine Erwartungshaltung, es hat mir einfach Spass gemacht», stellt der Oberbalmer klar und ergänzt: «Es war auch ein gutes Gefühl zu wissen, dass immer jemand da war, wenn ich mich oben in der Wohnung befand, dann wusste ich, Papa ist untendrunter.» Seine Schwester sei zwar ebenfalls im Metier daheim und ist ein grosser Landwirtschafts- und vor allem Kuh-Fan, aber es habe nie zur Diskussion gestanden, dass sie in den Familienbetreib einsteigt: «Sie hat eine KV- und Landwirtschaftslehre gemacht.»
Verschiedenste Formen
Beim Schmieden ist die Belastung hoch, je nach Grösse arbeitet man zwischen 5 und 15 Stunden an einer einzelnen Treichel. Aus dem speziellen Blech werden die Treicheln in reiner Handarbeit geschmiedet. Wenn die zwei Rohlinge aufeinandergesetzt sind, verschweisst man diese, damit sie dicht bleiben. «Dann ist es quasi noch der Rohzustand. Um die Hammerschläge auszugleichen, wird mit Sandstrahlen gearbeitet», erläutert Nick Bartenbach. Je nach Kundenwunsch wird die Treichel dann verkupfert, silbrig glänzend oder raugebürstet. Auch bei den Riemen wird individuell auf den Kunden eingegangen: «Es wird geschnitzt oder gestickt, vom Foto der Kuh über Namen oder Initialen ist alles möglich.» Einige solcher Werke kann man in der Ausstellung in Oberbalm bewundern. Da das «Urchige im Trend ist», konnte Jürg Bartenbach in den letzten fünf Jahren kaum «auf Lager arbeiten». Sein Sohn sagt: «Im Februar war das erste Mal, seit ich mich erinnern kann, dass wir hier sämtliche Grössen aller Treicheln auf Lager haben.» Am Beeindruckendsten ist wohl die 85 cm grosse Treichel, die man zu zweit schmieden musste. Wer eine Weide- oder Zügeltreichel braucht oder ein Geschenk sucht, der kann sich bei Bartenbachs umschauen. «Die Leute sind willkommen, sich die Ausstellung anzuschauen, sollten sich aber bitte vorher anmelden, damit jemand von uns da ist und ist Zeit nehmen kann. Oft kommen Touristen vorbei, die von uns gehört haben», meint der Hobby-Eishockeyspieler. Wer also schon immer mal einen Blick hinter die Kulissen einer Treichelschmiede werfen wollte, dem sei – nach Anmeldung – ein Besuch im 900-Seelen-Dorf nahegelegt
Kirstin Burr