Zehn Jahre hat Raemy das Amt geprägt. Zehn Jahre, die er selbst als «lang und intensiv» beschreibt. Und doch begann der Gedanke an den Abschied nicht erst gestern. Bereits im vergangenen Jahr setzte ein Prozess des Abwägens ein. Denn so erfüllend seine Aufgabe auch war – «die schönste und spannendste Zeit, die ich beruflich je gehabt habe», wie er sagt – so brachte sie auch Herausforderungen mit sich, die nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sind.
Ideen statt fixer Pläne
Der 53-Jährige blickt auf drei klar gegliederte Lebensabschnitte zurück: zehn Jahre als Lehrer, zehn Jahre in der Regionalentwicklung, zehn Jahre als Oberamtmann. Eine Struktur, die fast programmatisch wirkt. Und nun stellt sich die Frage: Was folgt? Noch einmal zehn Jahre – aber womit? Die Antwort kennt er selbst noch nicht. Was er hat, sind Ideen. Viele Ideen. Und die bewusste Entscheidung, sich Zeit zu nehmen: zwei, vielleicht drei Monate, um zu prüfen, wohin die Reise gehen soll.
Bündelung und Entlastung
Seine Bilanz indes kann sich sehen lassen. Besonders ein Projekt hebt Raemy hervor – fast schon mit stillem Stolz: die Stärkung der überkommunalen Zusammenarbeit im Sensebezirk. Mit dem Mehrzweckverband hat er ein Konstrukt mitgeprägt, das weit mehr ist als ein administratives Gefäss. Es ist Ausdruck eines Verständnisses von Politik, das auf Kooperation statt Konkurrenz setzt. Denn die Realität in den Gemeinden hat sich fundamental verändert. Wo vor 30 Jahren zwei Delegiertenversammlungen pro Jahr genügten, sind es heute deren 28, an denen die Gemeinderäte teilzunehmen haben. Steigende Zusatzbelastungen für Miliz-Politikerinnen und -Politiker. Vierzehn Verbände, zahlreiche Vorstände, unzählige Kommissionen und Arbeitsgruppen – ein Geflecht, das gewachsen ist und wenig einladend wirkt. Für viele wird dieses Engagement zur Herausforderung. Die steigende Zahl an Demissionen ist ein deutliches Zeichen. Raemys Antwort darauf war nicht die grosse Fusion, sondern die kluge Bündelung. Weniger Strukturen, mehr Übersicht, effizientere Zusammenarbeit. Bis 2029 soll sich die Zahl der Gemeindeverbände im Sensebezirk deutlich auf unter zehn reduzieren – ein Ziel, das er mit Nachdruck verfolgt hat. Kritik, er wolle zu viel zentralisieren, nimmt er gelassen hin. «Damit kann ich gut leben», sagt er. Entscheidend sei, dass die Gemeinden entlastet werden und gemeinsam stärker auftreten können.
Lösen statt bewirtschaften
Dabei blieb Raemy stets in einer besonderen Rolle: parteilos, aber politisch wach. Seine Position erlaubt ihm Einfluss – gerade weil er nicht parteipolitisch gebunden ist. Doch auch er spürt die Veränderungen im politischen Klima. Die «Problembewirtschaftung» nehme zu, sagt er. Es fehle oft die Zeit, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Vielleicht ist es genau diese Beobachtung, die seinen Abschied mitprägt. Der Wunsch nach frischen Köpfen, nach neuen Ideen. Raemy macht Platz – nicht aus Müdigkeit, sondern aus Überzeugung, dass neue Kräfte auch neue Ideen und Entwicklungen bringen können.
Belastungen und Freuden
Und doch ist da auch die andere Seite seines Amtes. Die weniger sichtbare, die fordernde. Täglich ein Polizeijournal, Einsätze rund um Sicherheit und öffentliche Ordnung. Ein Pikettdienst, 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Ereignisse, die plötzlich eintreten, die erschüttern – wie die Nachricht von einem Suizid im Bezirk, die mitten in dieses Gespräch platzt. Es sind Momente, die Energie kosten, die nachwirken. Dazu kommen lange Tage, geprägt von Terminen an Randzeiten, angepasst an das Milizsystem. Und gleichzeitig die repräsentative Rolle, die Nähe zu den Menschen, die Raemy stets geschätzt hat. «Gerne unter den Leuten sein» – dieser Satz wirkt fast wie ein Leitmotiv seines Wirkens.
Im Herbst 2026 wählen die Bezirke im Kanton Freiburg erneut ihre Oberamtfrauen und -männer. Manfred Raemy tritt nicht mehr an und beendet in wenigen Monaten seine Arbeit. Sein Vermächtnis lässt sich nicht in Fakten allein messen. Es liegt in der Art, wie er Menschen zusammengebracht hat. Wie er Brücken gebaut hat zwischen Gemeinden, zwischen Interessen, zwischen Perspektiven. Der Mehrzweckverband ist dafür ein sichtbares Symbol – aber nicht das einzige. Wenn er nun geht, dann hinterlässt er einen Bezirk, der besser vorbereitet ist auf kommende Herausforderungen. Und vielleicht ist genau das die leise Grösse dieses Abschieds: nicht der Blick zurück, sondern der Blick nach vorn. Denn eines ist klar – dies ist kein Ende. Es ist ein Übergang, Erfahrung macht Platz für die Zukunft – das ist der Abschied von Manfred Raemy.