Wenn Sorgen schneller wachsen als das Gras

Wenn Sorgen schneller wachsen als das Gras

Beschwerden im psychischen Bereich nehmen zu. Betroffen sind alle Altersgruppen, und das auch auf dem Land. Einen Hoffnungsschimmer bieten neue Angebote im niederschwelligen Bereich.

Wie gehen Landwirtinnen und Landwirte mit Überlastung und schwierigen Lebenssituationen um? Wo gibt’s Hilfe? Ein Projekt auf privater Ebene will die oft überlasteten Angebote ergänzen. Der Informationsabend vom 20. März in Schwarzenburg zeigte Möglichkeiten auf.

«I ha nümm witer gwüsst»
Eingeladen zum Vernetzungsanlass hatte Stefan Löhr aus Hinterfultigen. Seine Erfahrung: «Es ist wunderschön hier. Aber es gibt viel Leid, so viel Trübsal.» Kürzlich wandte sich eine ältere Frau an ihn: «Mein Mann trinkt und ist depressiv. Das Schlimmste ist, dass er nicht anständig zu mir ist.»

Es sind vor allem generationsbedingte Meinungsverschiedenheiten, die Nachfolgeregelung, behördliche Vorgaben oder mangelnde Zukunftsaussichten, die sich belastend auswirken (können). «I wüsst nid, wo’s Hiuf sött gäh», bekennt Florian Meister (Name geändert), ein jüngerer Landwirt und mehrfacher Vater, am Informationsabend. Nach diversen Bestrahlungen wird er psychologisch begleitet. «Meine Frau war nie akzeptiert auf dem Betrieb», sagt er mit belegter Stimme. Nach zwei Todesfällen von Verwandten und Bekannten wurde es ihm «einfach zu viel».

Ernst Bärtschi (Name geändert), kurz vor der Pensionierung, erklärt: «Die Arroganz von Behörden und Städtern macht mir zu schaffen, etwa beim Wolf.» Diese Gefahr werde «sträflich» unterschätzt. «Wer schon mal ein gerissenes Schaf sah, dem bricht es fast das Herz.» Herdenschutzhunden steht er skeptisch gegenüber: «Sie sind für Schutzeinsätze trainiert und haben null Toleranz, auch gegenüber Menschen.» 50’000 Franken beträgt sein Schaden bisher. Als Single fühlt er sich allein. Aber zur Waffe greifen und das Problem so beseitigen wolle er dann doch nicht.

Und Florian Meister? «Dank der Gespräche geht es mir besser. Vor allem kann ich meine Aufgaben als Landwirt und Vater wieder akzeptieren.» Nicken in der Runde im Gasthof Bühl. Nachdem über die beiden Berichte ausgetauscht wird, schildert ein ebenfalls anwesender Psychiater aus Thun verschiedene Problemstellungen sowie Therapie- beziehungsweise Lösungsansätze. Er bedauert, dass die Wartezeiten teilweise sehr lang sind. Austauschabende und niederschwellige Hilfe findet er wichtig und wertvoll.

Auf Augenhöhe
Eingeladen zum Anlass hatte Stefan Löhr, ausgebildeter Mechaniker mit diversen Weiterbildungen im medizinisch-therapeutischen Bereich und seit 15 Jahren selbständig. Der Pflegefachmann ist überzeugt: «Ambulante Dienstleistungen fördern den positiven Wandel in Lebenskrisen und können stationäre Aufenthalte in Kliniken vermeiden.» Dabei sind ihm persönliches, aktives Zuhören und die Unterstützung im Arbeits- und Lebensalltag wichtig. Er möchte Menschen in ihrer Ganzheit erkennen und auf Augenhöhe mit ihnen arbeiten. «Es geht darum, Möglichkeiten für Ausgleich und Entlastung zu finden, sich von Erschöpfung zu erholen sowie den Wert von körperlicher und seelischer Gesundheit zu erkennen.»

Innovatives Präventionsprojekt
Der Informations- und Vernetzungsanlass war ein erster Schritt in diese Richtung. «Die Idee ist, dass es je nach Bedürfnis regelmässige Treffen geben wird», betonte Stefan Löhr in Schwarzenburg. Die konkrete Nachfrage bestimmt also über die nächsten Schritte dieses Projekts. Sicher ist ein gewisses Mass an Offenheit gefragt. Erfahrungen zeigen aber, dass es sich bei einem Lieblingsgetränk im vertraulichen Kreis von Mitbetroffenen gut reden lässt. «Probleme aussprechen ist ganz wichtig. Oft lässt sich im Austausch von anderen lernen. Oder es zeigen sich Möglichkeiten, an die man vorher gar nicht gedacht hat», ist Stefan Löhr überzeugt.

Ganz im Sinne seines Mottos: «Auf dem Weg zu mehr Lebensfreude und Lebensqualität.»

Hier gibt’s Hilfe
– Netzwerk Mediation im ländlichen Raum: 031 941 01 00
– Landfrauenvereinigung: 056 441 12 63
– Bäuerliches Sorgentelefon: 041 820 02 15
– Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft AUL: 079 200 00 44, hc.eb-lua@ofni
– Ambulante psychiatrische Pflege: Krisenintervention, psychiatrische Entlastung im Alltag, Beziehungsgestaltung, Vorsorge bei Eigen- oder Fremdgefährdung, Training von sozialen und emotionalen Kompetenzen, Vermittlung/Kooperation. Es gibt verschiedene Anbietende.

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