Das Schweigen von Menschen in Not

Das Schweigen von Menschen in Not

Cartons du Coeur Sense beschenkt Menschen in Not mit Lebensmittelpaketen, um ihnen kurzfristig und unbürokratisch zu helfen, eine unverschuldete Notlage zu überbrücken. Die gemeinnützige und ehrenamtliche Institution verteilt die Spenden gerecht und gleichmässig, in der Regel mit einer zweimaligen Lieferung von Lebensmitteln und Hygieneartikeln pro Haushalt und Jahr. Ihr kleines «Verteilzentrum» befindet sich im Sensegebiet. Wir haben uns umgesehen.

«Über zwei Umstände sind wir dankbar», sagt Anna, die seit 10 Jahren das Telefon von Cartons du Coeur Sense betreut, «zum einen, dass wir hier sozusagen im Untergrund unsere kleine Warenzentrale führen dürfen, zum anderen, dass wir bei Coop und Migros im Sensegebiet zweimal im Jahr deren Kundinnen und Kunden nach Vorankündigung um Spenden bitten dürfen.»

Anonymität oberstes Gebot

Alleinstehende, Menschen in wirklicher Not oder am Rande der Gesellschaft, Ausgesteuerte und/oder im Existenzminimum lebende Menschen können von Cartons du Coeur profitieren. Was Anna ganz wichtig ist: die Anonymität der Empfänger, die Diskretion, niemand soll im Rampenlicht stehen. Das ist auch der Grund, weshalb wir für diese Reportage keine Hilfslieferung zum Empfänger begleiten. Anna berichtet sogar von einem Fall, bei welchem der Empfänger «fuchstüfelswild» geworden sei, weil er von einer Lieferung nichts wusste. Er hätte nirgends nach Hilfe gefragt – ein gutmütiger Nachbar hatte das getan, stillschweigend, ohne ihm etwas zu sagen oder zu fragen. «Es ist oftmals schwierig, wirklich Bedürftige auszumachen, weil diese Leute sich für ihre Armut schämen», sagt die ehemalige Lehrerin an verschiedenen Schulen im Sensegebiet.

Feingliedrige Logistik

Der Platz in diesem Bericht reicht bei Weitem nicht aus, um die Lieferkette von der Spende via Warenlager bis zu den Bedürftigen zu beschreiben. Sie ist eindrücklich und nur durch ein engmaschiges System aufrechtzuerhalten, von den Spendern über viele freiwillige Mitarbeitende und das Warenlager bis hin zum Transport der Hilfslieferung an ihren Bestimmungsort.

Das Gebiet von Cartons du Coeur umfasst drei Zonen: Unterland, Mittelland und Oberland im Sensebezirk. Bei unserem Besuch sind die Gestelle nicht überfüllt. Das ist jedoch dann der Fall, wenn die Spendenaktionen von Coop- und Migros-Kundinnen und -Kunden eintreffen und sortiert werden müssen. «Ohne die vielen Freiwilligen wäre unsere Arbeit undenkbar.»

Missbrauch?

Werden die Cartons du Coeur auch missbraucht? Anna fällt es nicht leicht, über dieses Thema zu sprechen, obwohl es nur eine Minderheit ist, die das Hilfswerk bewusst täuschen will, sei es zum Beispiel, dass man die Adresse von Nachbarn angibt, um mehr als zweimal von den Lieferungen profitieren zu können. In der Regel fliegt der Schwindel ziemlich schnell auf, so dass man seinen Namen auf einer Sperrliste findet. Gut sei auch, dass die Lieferungen zur Haustür gebracht werden, so dass man einen wenn auch nur oberflächlichen Eindruck von den Leuten bekommt. «Einmal kam unserem Freiwilligen beim Öffnen der Wohnungstüre ein Rauchschwall entgegen, begleitet von einem Alkoholgeruch.» Damit sei klar gewesen, wofür finanzielle Zuwendungen des Sozialamts gebraucht wurden, nämlich nicht für notwendige Lebensmittel. Selbstverständlich steht Anna im ständigen Austausch mit den verschiedenen Sozialämtern des Bezirks.

Ein Journalist als Initiant
Der Neuenburger Journalist Laurent Borel machte im Dezember 1992 als Betreuer einer Fussballmannschaft von sehr jungen Spielern die erstaunliche Feststellung, «dass einige dieser Kinder, die aus sozial benachteiligten Familien stammten, nicht regelmässig zu essen bekamen.» Daraufhin organisierte er zusammen mit seiner Mannschaft eine grosse Aufräumaktion entlang dem Seeufer. Das dabei gesammelte Geld verwendete er dann, um Lebensmittelpakete zu kaufen für ein paar Familien, denen es wirtschaftlich schlecht ging. Die Idee von Cartons du Coeur war geboren. Hilfe, die von Herzen kommt.

Pfarrer De Roche aus Murten brachte an der Delegiertenversammlung der Vinzenzvereinigung vom 26. Mai 1996 das Anliegen einer zu gründenden Sektion von Cartons du Coeur vor. Das Echo? Mässig. Schliesslich nahmen einige Mitglieder des Vinzenzvereins Schmitten diese Idee auf und begannen mit dem Aufbau von Cartons du Coeur im Sensebezirk. Nach und nach konnten freiwillige Helferinnen und Helfer gefunden werden. Nebst Mitgliedern der verschiedenen Vinzenzvereine trugen auch Mitglieder der Landfrauenvereine und des Samaritervereins viel dazu bei, dass Cartons du Coeur innerhalb des Sensebezirks Fuss fassen konnte. Heute gibt es im Kanton Freiburg 8 Sektionen.

cartonsducoeur-sense.ch

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