Ende letzten August gesellte sich ein besonderer Stein zur Sammlung. Wir waren am Ufer der Gürbe, die Füsse im kühlen Nass. Wir Erwachsenen am «schifere», die Kinder ins Spiel mit den Steinen vertieft. Plötzlich zog meine mittlere Tochter, 7, einen länglichen Stein mit einem gut daumengrossen Loch in der Mitte aus dem Wasser. Warum der ein Loch habe, fragte sie mich. Ich gab irgendeine Antwort, wie sie Eltern halt so geben, wenn man es selbst auch nicht genau weiss. Der Stein kam natürlich mit nach Hause, ab und zu spielte meine Tochter damit. Bis sie ihn kürzlich meinem Vater zeigte. Der stutzte sofort und vermutete, das Objekt mit der rauen, speziell geformten Oberfläche könnte einen historischen Wert haben – und schickte Fotos an den Archäologischen Dienst. Dieser reagierte innert weniger Stunden: Es scheine sich um eine endneolithische Axt zu handeln und sie wäre somit an die 5000 Jahre alt. Es sei «ein eher ungewöhnliches Exemplar von wissenschaftlichem Wert». Man möge es bitte sorgfältig verpacken und einschicken oder vorbeibringen. Die Aufregung war gross im Hause Guida. Meine Tochter war zuerst traurig, dass sie ihren Lieblingsstein abgeben muss. Aber dann auch stolz, dass gerade sie ihn gefunden hat. Das Alter von 5000 Jahren machte allen Eindruck. Der Stein wurde von Menschen bearbeitet, lange bevor zum Beispiel Abraham lebte. Was monatelang einfach ein Stein im Kinderzimmer war, wollten wir plötzlich nur noch sachte anfassen. Nicht nur wegen der Axt an sich. Aber sie in der Hand zu halten, verändert den Blick: Das eigene Leben schrumpft zu einem kleinen Abschnitt auf dem grossen Zeitstrahl der Menschheitsgeschichte.