Ganz ehrlich: Beim ersten Gedanken flüstert ein Stimmlein auf der Schulter: «Diese Konsequenz würde anderen Politikerinnen und Politikern auch guttun.» Oder wie es Katja Streiff (EVP) sagt: «Gewisses darf man nicht vermischen. Mein Naturell verlangt nach dieser Trennung.» Das wichtige Wort dabei ist «ihr Naturell». Es ist – Verzeihung, war – in der Könizer Politlandschaft einzigartig.
Herz statt Kampf
Streiff gehört zu den politischen Schwergewichten der Gemeinde. Nicht weil sie so viele Voten hielt, nicht weil sie so viele Motionen einreichte, nicht weil sie strategische Schachzüge inszenierte – nein: Wenn sie ans Mikrofon tritt, dann mit wehenden Haaren und einer gehörigen Portion Herzblut. Das ist ihr Naturell. Dazu gehört ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn oder, wie sie selbst sagt: «Das zieht sich bei mir durch das ganze Leben. Wenn ich Ungerechtigkeit erkenne, dann muss ich handeln.» Und dabei legt sie auch schon mal das Blatt mit den vorbereiteten Worten beiseite. Ein weiterer Wert, der sie fast ans Mikrofon zwingt, sind polemische Debatten. «Es ist eine Frage des Anstands und des Respekts, dass wir Politikerinnen und Politiker uns um Sachfragen kümmern und Probleme lösen, statt sie zu bewirtschaften.» Doch es sind auch die leiseren Nuancen, welche die ehemalige höchste Könizerin und Parlamentspräsidentin des Jahres 2022 antreiben. «Unsere Gesellschaft strebt zu stark nach mehr, schneller, höher, weiter. Das ist schade. So kommt uns die Dankbarkeit abhanden – auch für die kleinen, vermeintlich selbstverständlichen Dinge im Leben. Diese gilt es zu schätzen.» Ihre Worte offenbaren diese Ehrlichkeit, den Anstand und den Respekt. Streiff am Mikrofon – das bedeutet stets Herz statt Kampf.
Grande Dame, ohne es zu wollen
Mit diesen Werten wird schnell klar: Da verlässt eine Grande Dame die Könizer Politbühne. Nicht nur, weil ihre Körpergrösse, nun ja, sagen wir mal, nicht ganz klein ist. Aufmerksame Leserinnen und Leser werden sich nun sagen: Moment einmal. Den Begriff «Grande Dame» gab es doch schon einmal in dieser Zeitung. Stimmt – sogar als Artikeltitel zum Rücktritt von Marianne Streiff (EVP), die 1991 im Könizer Parlament begann und später zwölf Jahre im Nationalrat wirkte. Wie die Mutter, so die Tochter? Nicht ganz. Katja Streiff geht ihren eigenen Weg, teilt aber viele Werte mit ihrer Mutter, die im Nationalrat als beste Brückenbauerin ausgezeichnet wurde. Doch gedanklich zurück in den Rossstall, die Wirkungsstätte des Könizer Parlaments: Einige grosse Namen sind nicht mehr zugegen. Casimir von Arx (GLP), Heidi Eberhard (FDP) und nun Katja Streiff (EVP). Wahrlich, die vielen neuen Parlamentsmitglieder erhalten viel Gestaltungsfreiraum. An sie gerichtet meint Streiff: «Die Parlamentsarbeit kann viel Freude bereiten. Wichtig ist, dass man einander wirklich zuhört und verstehen will – genauso, wie es die amtierende Parlamentspräsidentin Christine Müller (Grüne) fordert.»
Sie bleibt Grossrätin
Auch in diesen Worten klingt ihr Herz wieder mit. Kann Streiff überhaupt ohne Politik sein? «Nein», lautet die prägnante Antwort. Muss sie auch nicht, denn als Grossrätin bleibt die Oberwangenerin weiterhin im Amt. Wo sieht sie Handlungsbedarf auf kantonaler Ebene? Überall dort, wo sie auch in Köniz den Hebel angesetzt hat. Ungerecht findet sie etwa, dass Glaube und Kirche in den Hintergrund gedrängt werden. Aus sozialer Sicht: «Wenn man sieht, wie viel Ehrenamtlichkeit die Kirche leistet – ohne Gegenleistung – dann sind das gewaltige Beträge. Viele soziale Stellen, die vom Kanton und von Gemeinden geschaffen werden, nur damit sie konfessionsfrei sind, könnte man einsparen, wenn man diese Leistungen der Kirche wieder mehr schätzen würde. Die christlichen Werte gehören zu uns. Ich glaube, viele wissen gar nicht, wie viel Engagement die Kirche hier leistet.» Ein weiterer Punkt, an dem das Herzblut spürbar wird: Doppelspurigkeiten.
Nach über zehn Jahren hielt Katja Streiff (EVP) in der Parlamentssitzung ihr letztes Votum – für einen Kunstrasen beim FC Wabern. Auch das eine Herzensangelegenheit, und nicht nur, weil ihre Tochter erfolgreich beim FC Sternenberg mitspielt. In ihre Fussstapfen tritt aller Voraussicht nach Sven von Gunten (EVP). Ihr Schwager ist nach ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihr selbst nun die vierte Person aus der Familie Streiff, die im Könizer Parlament Einsitz nimmt. Wer den Weggang der «Grande Dame» ebenfalls spüren wird, ist das Wangental. Kathrin Gilgen (SVP) ist nun Gemeinderätin, und Streiff (EVP) fehlt ebenfalls im Parlament. Aber fehlen tut sie nicht wirklich. Als Verwaltungsrätin bei «careköniz» und als Grossrätin wird sie weiterhin ihre Brückenbauerfähigkeiten einbringen. Spürbar für alle. Wahrlich, eine Frau mit seltenen Gaben.