Dass er Schweizer Eishockeygeschichte schreibt, verdankt dieses Land seinem grösseren Bruder. Klein Fischer mimte alles nach, was sein Vorbild von Bruder unternahm. So auch den Gang ins Eisstadion. «Zum Glück wurde ich nicht Eiskunstläufer», meint er zu Beginn seines Auftritts.
Gross denken
Schallendes Gelächter erhellt das Zelt. War noch wenige Minuten zuvor «der Pegel hoch», wie es Bankleiter Daniel Hauert zu sagen pflegt, so verwandelt sich das Zelt in eine Kathedrale des Zuhörens. Mal mucksmäuschenstill, mal lachend, mal nachdenklich ruhig, dann wieder kraftvoll zuhörend, ja fast schon auf den Bänken rutschend, bereit zu grossen Taten. Wie macht das dieser Patrick Fischer? Er erzählt von seinem Leben und seinen Erkenntnissen auf eine solch eine ehrliche Art und Weise, dass alle Fischers Worte auf sich herunterbrechen können. Um in die fast schon heilige NHL, welche «wie die Bank Gantrisch das Beste ist», zu gelangen, lernte er, was man erreichen kann, wenn man aus der Komfortzone kriecht: «Mut haben, gross zu denken.»
Inspirieren
Dass der Stürmer zum Trainer wird, verdankt er einer Verletzung. Sie stoppt die Karriere, um eine neue zu eröffnen. Für einmal verlässt Fischer das Eis und tauscht es gegen den Dschungel aus. Seine Begegnung mit den Indianern öffnet seinen Geist und Horizont. Egal, was man tut, es wird für gewisse Mitmenschen falsch sein. Also verschiebt Fischer seinen Fokus auf sich selbst und die Frage, was er eigentlich sonst noch kann, ausser Tore zu schiessen. Die Antwort folgt auf den Kufen: Tore schiessen lassen. «Mir gefällt es fast noch mehr, wenn ich jungen Menschen helfen kann, Tore zu schiessen.» Oder ganz einfach: zu inspirieren. Und das tut er nicht nur anfänglich an der Bande des HC Lugano und ab 2009 für die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft. Nein, das gelingt ihm genauso gut an diesem Sommerabend im August in Schwarzenburg für die Menschen aus dem Gantrischgebiet. Ohne geschwollene Sprache, dafür mit treffsicheren Ansichten. Da reden Fischer, die Bank Gantrisch und die Bevölkerung diesseits der Aare genau dieselbe Sprache.
Stärke aus dem Sturm
Wie ist es dem Erfolgstrainer gelungen, aus einer im Jahr 2009 ziemlich guten Nationalmannschaft ein Weltklasse-Team zu formen? Indem er all seine Erkenntnisse aufs Eis wirft. Wieder heisst es, die Komfortzone zu verlassen, gross zu denken – «Ich sprach von der Vision, Weltmeister zu werden» – und eine Identität zu finden. «Man weiss, wie die Schweden, die Finnen, die Kanadier Hockey spielen. Aber wie tun dies die Schweizer?» Die «Eisgenossen» vermengen typische Attribute der Schweiz mit dem Sport: Qualität, Fleiss, Belastbarkeit, Zuverlässigkeit, Cleverness und Zusammenhalt. «Einer für alle und alle für einen» steht auf dem Logo, das er hierfür kreiert hat. Immer wieder spricht er von «Mindset (Einstellung) und Spirit (Teamgeist)». Ein Team, das daran glaubt, das gross denkt. Die immer zahlreicher werdenden Schweizer Stars, die in der NHL spielen dürfen, bezeichnet er dabei als jene, die keine Marge haben: «Sie kurbeln diesen Spirit an oder verunmöglichen diesen.» Die anderen Spieler hingegen «sind jene, die man kaum sieht und die dabei doch besonders viel Wert haben – die schwierigste Aufgabe: Sie geben alles und müssen immer bereit sein.» Der Rest ist Geschichte: Die Schweiz überrollt Gegner um Gegner, egal wie die heissen und was sie tun. Fischer ist aber kein Zauberer. Wenn etwas die Vision vernebelt – so etwa, als man nicht über die Viertelfinals hinauskam –, holt er sich Hilfe. Vom Mentalcoach bis zum Hypnotiseur: Er holt das ganze Team wieder zurück zur Vision, hin zu Mindset und Spirit. «Alles ausblenden, was von aussen kommt.» Kaum einer kennt diese Lektion so gut wie er: hochgelobt, tief kritisiert zu werden. «Einen Sturm muss man aushalten und darin das Potenzial für Wachstum erkennen. Daraus entsteht Akzeptanz.» Was für Worte.
Ruhig zu bleiben ist eines der wichtigsten Dinge, die man im Leben lernen kann. Genau das lehrt der 51-Jährige nicht nur, nein, er lebt es gleich vor. So inspiriert er heute keine Stockkünstler, sondern Menschen wie dich und mich. Noch lange nach dem «Verwöhnprogramm» des Löwen Riffenmatt, als «der Pegel» wieder hochschnellt, fliegen die Wortfetzen des Referats über die Tische. Patrick Fischer inspiriert. Als Coach der Bevölkerung.