Es ist noch nicht ganz so, wie es mal sein sollte. Das Gebäude ist teilweise von einem Baugerüst umgeben, das Parterre mit dem grossen ehemaligen Aufenthaltsraum ist derzeit leer. Die Kinderwagen und Laufräder im Eingang lassen aber vermuten, dass neues Leben in das Gebäude eingekehrt ist. Im ehemaligen Alterspflegeheim fand die Berner Organisation Meliso eine geeignete Bleibe, um ihren Auftrag – Eltern und Kinder in herausfordernden Lebenssituationen zu begleiten und ihre Beziehungen nachhaltig zu stärken – wahrzunehmen.
«Dass hier vorher ein Altersheim mit separaten Wohnungen und Studios war, ist für uns perfekt», erklärt der Geschäftsführer Roman Rech. Dadurch, dass nun ein Grossteil des Angebots an einem Ort stattfindet, macht die Organisation und Betreuung wesentlich einfacher. Während vorher viele externe Wohnungen über die Stadt Bern verteilt gemietet wurden und der Platz knapp war, kann die Organisation nun 18 Systemplätze (ein System = eine Familie) anbieten. Somit gehört sie zu den wenigen Orten im Kanton Bern, die Eltern-Kind-Plätze zur Verfügung stellen können.
Gegründet wurde der Verein Meliso (ehemals Heilpädagogische Lebensgemeinschaft) 1986 und feiert in diesem Jahr also nicht nur einen Umzug in ein grösseres und praktischeres Gebäude, sondern auch sein 40-jähriges Bestehen. Im Ursprung stand eine heilpädagogische Lebensgemeinschaft mit einem Standort in Bern. Über die Jahre hinweg erweiterte sich die Unterstützung über das stationäre Angebot hinaus, 1998 wurde über den Verein das Marte-Meo-Zentrum, eine
videobasierte Beratungsmethode, in Bern gegründet. 2018 formierte sich der Vorstand neu, wodurch eine weitere Professionalisierung und Vergrösserung des Angebots möglich wurde. 2021 folgte ein Rebranding unter dem neuen Namen Meliso. Gleichzeitig wurden Familycare Sidebärg in Gümligen und die Kita Seestärn in Thun Teil des Angebots. Die inzwischen geschlossene Kita wurde zuletzt unter dem Namen Kita Grabenstrasse geführt. Der Ansatz blieb aber über all die Jahre immer der gleiche: Eltern und Kinder gemeinsam zu unterstützen, Beziehungen zu stärken und Familien im Alltag zu begleiten.
«Wir sind eigentlich immer voll belegt und können, sobald ein Platz frei ist, diesen sehr schnell wieder vergeben», sagt Roman Rech und veranschaulicht damit, wie wichtig das Angebot der Organisation ist. Dieses ist nicht gewöhnlich: Während bei vielen anderen Einrichtungen die Kinder von den Eltern getrennt werden, wenn das Familiensystem ein Zusammenleben nicht ermöglicht, kann beim Angebot von Meliso die Kernfamilie zusammenbleiben und zusammen betreut werden. Dieser Ansatz hilft, dass durch eine Trennung möglichst keine zusätzlichen Traumata entstehen, beispielsweise durch den Verlust des Kindes oder der Eltern. Meliso bietet aber nicht nur in Extremsituationen Unterstützung, sondern hat auch niederschwellige Angebote: Ergänzt wird das stationäre Angebot durch verschiedene ambulante Unterstützungsangebote für Familien. So gibt es zum Beispiel das Angebot «Glanzzeit», bei dem Familien in akuten, vorübergehenden und langfristigen Belastungssituationen, wie zum Beispiel einer schweren Krankheit, praktische Unterstützung im Alltag erhalten.
Neben dem Alltagsbetrieb tüftelt die Organisation auch weiter an neuen Konzepten. So startete sie im Vorjahr das Pilotprojekt «Mobile peripartale Krisenbegleitung» zur Unterstützung von Familien rund um die Schwangerschaft und Geburt und entwickelte das Konzept für die Kindergruppe Faro, eine stationäre sozialpädagogische Kindergruppe, in der Kinder von der Geburt an bis zum Alter von sieben Jahren ein vorübergehendes Zuhause finden. Dieses Angebot startet nun am neuen Standort in Wabern im August dieses Jahres. Mit diesen Innovationen möchte Meliso vorhandene Versorgungslücken schliessen, die im Betreuungsnetz für Familien in schwierigen Situationen weiterhin bestehen. Es gibt bislang noch sehr wenige Angebote zur Unterstützung von Familien, die bereits vor der Geburt des Kindes in einer schwierigen Lage sind.
«Genau deshalb sind wir auch auf die Solidarität der Bevölkerung angewiesen», erklärt Simon Grünig, Verantwortlicher Kommunikation und Fundraising. Denn während der Alltagsbetrieb des Vereins Meliso zu einem Teil über einen Leistungsvertrag mit dem Kanton Bern abgerechnet werden kann, gibt es keinen Zustupf aus der Kantonskasse für das Austüfteln und Prüfen von neuen Ideen. Die letzten 40 Jahre hat der Verein immer wieder kleinere und grössere Zuwendungen erhalten und so das Angebot erweitern können. In der Hoffnung, dass dies auch in den nächsten 40 Jahren möglich bleibt.