In drei Wochen von Wabern nach Lwiw

In drei Wochen von Wabern nach Lwiw

Wenn Betroffenheit zum Handeln führt: Frédéric Corpataux erläutert im Gespräch mit dieser Zeitung Ziel, Verlauf und Resultat seiner Backpacking-Tour in die Stadt Lwiw im Westen der Ukraine.

Bikepacking – eine Form des Radreisens – kombiniert grössere Reichweite und höheres Tempo mit Fahrspass auf einem wendigen Fahrrad. Voraussetzung ist eine minimalistische, direkt am Fahrrad befestigte Ausrüstung, womit Touren von 100 km pro Tag ohne weiteres möglich werden.

Fundraising mit Backpacking und Social Media

Frédéric Corpataux hatte 2015 seine Frau Liliya, mit der er heute an der Funkstrasse in Wabern lebt, anlässlich eines Studienjahrs in Vilnius, der Hauptstadt von Litauen, kennengelernt. Bei einem Besuch der Familie seiner Frau wurde er im Herbst 2025 Zeuge eines verheerenden russischen Luftangriffs auf die Stadt Lwiw im Westen der Ukraine. Dieses Erlebnis wurde zum Auslöser seines Entschlusses, mit einer medial begleiteten Bikepacking-Reise auf den seit vier Jahren wütenden Krieg aufmerksam zu machen und dabei Geld für ein ukrainisches Aufbauprojekt zu sammeln. Bald wurde aus dem spontanen Entschluss ein konkreter Plan, wie er rückblickend ausführt: «Ich hatte von einem Projekt gehört, das von der Non-Profit-Organisation UA Brokers Without Borders geleitet wird. Diese Non-Profit-Organisation ist auf Notfallreparaturen an sozialer Infrastruktur spezialisiert. In meinem Fall ging es um eine kriegsversehrte Schule in Mykolajiw, die Kindern Unterricht in einer unterirdischen Schutzanlage ermöglichte.» Hierzu mussten die Infrastruktur für fliessendes Wasser und eine funktionierende Lüftung instandgehalten werden. Für dieses Notfallprojekt sind die gesammelten rund 5000 Schweizer Franken eingesetzt worden. «Die auf meinem Bike angebrachten Schweiz- und Ukraine-Flaggen haben mir geholfen, mit den Leuten in Kontakt zu treten. Dabei habe ich den Leuten mein Projekt erklärt, ohne sie jedoch explizit um eine Spende zu bitten. Die 5000 Franken ergaben sich in erster Linie durch Spenden von meiner Familie, Freunden und Arbeitskollegen sowie durch Kontakte auf Social Media wie Instagram, Facebook oder Linkedin», ergänzt Corpataux.

Rollende Planung unterwegs

Auf einschlägigen Internet-Blogs wird geraten, eine Bikepacker-Tour im Voraus minutiös zu planen. Etwas, das Corpataux kaum beachtet hat: «Ich habe unterwegs jeweils am Morgen geplant, wie weit ich an diesem Tag fahren will. Im Durchschnitt legte ich pro Tag rund 100 km zurück, bei regnerischem Wetter mitunter nur 60 km. In Deutschland habe ich die Buchung für die nächste Übernachtung mit Hilfe der Website «Bike&Bed» vorgenommen. Etwas weniger Möglichkeiten gab es danach in Polen und in der Ukraine, wo ich meistens in Motels oder Herbergen übernachtete. Doch schon am vierten Tag hatte ich plötzlich mit hartnäckigen Knieproblemen zu kämpfen und war gezwungen, ab Günzburg die nächsten 200 km im Zug zurückzulegen.»

Heimatgefühle

Auf der letzten Etappe seiner Reise wehten Corpataux bei unzähligen Gelegenheiten ukrainische Flagge entgegen. Diesen omnipräsenten Patriotismus wusste er richtig einzuschätzen: «Für viele Menschen in der Ukraine ist Heimat etwas, das zurzeit verteidigt werden muss. Dank meiner Reise habe ich verstanden, dass Heimat nicht nur nationale Zugehörigkeit bedeutet, sondern auch Verantwortung füreinander. Durch meine Frau und unsere Freunde aus der Ukraine ist mir bewusst geworden, dass Mitgefühl und Solidarität ebenfalls eine Form von Heimat schaffen können.»

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