Kein Platz im System, aber voller Potenzial

Kein Platz im System, aber voller Potenzial

Wenn Schule zu einer schier unüberwindbaren Herausforderung wird: Nicht jedes Kind passt in das öffentliche Regelschulsystem. Deshalb braucht es alternative Lernorte. Die Gründe, weshalb Kinder eine Privat- oder besondere Volksschule besuchen, sind vielfältig. Die Geschichten drehen sich um Mobbing, Leistungsdruck, Neurodivergenzen, Einschränkungen oder grundlegende Schwierigkeiten beim Abrufen und Ausführen alltäglicher Tätigkeiten.

In der Schweiz gibt es rund 1355 Privatschulen (Stand 2020/2021). Etwa jedes 20. Kind besucht eine solche. Privatschulen verfolgen oft spezifische pädagogische Konzepte: Manche sind auf Kinder mit besonderen Bedürfnissen ausgerichtet, andere ermöglichen Jugendlichen, die obligatorische Schulzeit über eine längere Spanne zu absolvieren. Köniz beheimatet zwei solche Schulen – über die eine erschien im letzten Monat ein Bericht. Die andere, die SIM (Systemisch – Intrinsisch – Motiviert), hat die Könizer Zeitung | Der Sensetaler für diese Ausgabe besucht.

Von Rückschlägen, neuer Motivation und Neuanfängen
Ein Schüler erzählt, was Lernen in der SIM für ihn bedeutet: «Nach vielen Rückschlägen entdecke ich die Freude am Lernen wieder. Ich habe im positiven Umgang neue Fähigkeiten und Interessen gefunden.» Dieses positive Lernen sollen die Schülerinnen und Schüler der SIM-Schule wieder kennenlernen dürfen, denn wer hier den Unterricht besucht, hat oftmals eine lange und schwierige Schullaufbahn hinter sich. Vielleicht war wegen des Lehrkräftemangels nicht genügend Personal vorhanden, um Schülerinnen und Schüler richtig zu unterstützen und aufzufangen, oder ein bereits zugesprochener Leistungsausgleich war nicht ausreichend. Die Gründe können unterschiedlich sein. «Ich fühle mich sehr wohl. Meine Kompetenzen werden gefördert, und ich lerne, dass jeder Mensch unterschiedlich ist und mit seinen Unterschieden genauso wertvoll wie alle anderen», erzählt eine andere Schülerin.

Damit diese Kompetenzen und Fähigkeiten individuell gefördert werden können, hat jedes Kind einen auf sich abgestimmten Stundenplan. So ist eine Förderung im Rhythmus des Kindes möglich, und es kann als eigenständiger Teil des Ganzen mitbestimmen. Die Schülerinnen und Schüler müssen nach einem Übertritt in die SIM-Schule erst wieder lernen, sich selbst zu vertrauen und darauf zu vertrauen, dass ihr natürliches Interesse an gewissen Dingen hier unterstützt wird. Lernen soll etwas Schönes und Positives sein. In jedem individuellen Stundenplan gibt es obligatorische Fächer wie Mathematik, Deutsch oder Französisch sowie eine grosse Auswahl an Wahlfächern. Ob handwerkliches Geschick (Arbeiten in der Holzwerkstatt), Kreativität (Gestalten, Digital Design), Kulinarik (Kunst des Kochens) oder Bewegung (Klettern, Segeln, Bush Crafting) – sie alle vermitteln Wissen. Am besten ganz ohne Druck und im Tempo des Kindes.

Die Idee einer anderen Schule
«Eigentlich war ich mit der richtigen Idee zur richtigen Zeit am richtigen Ort», beschreibt Xaver Mueller die Gründung seiner Schule. «Nach vielen Jahren als Lehrkraft in verschiedenen Schulen wollte ich etwas Neues machen. Der Plan: Eine Schule, in der Kinder und Jugendliche – egal mit welchen Verhaltensauffälligkeiten – ihre eigenen Begabungen entdecken und sich entfalten können.» «Systemisch – Intrinsisch – Motiviert» heisst der namensgebende Leitspruch, und natürlich war das Ganze dann doch nicht so einfach. Die Räumlichkeiten in der alten Gurtenbrauerei waren zwar bereits gefunden, aber es musste auch ein gutes Konzept her, und über weitere Punkte wie passende Lehrkräfte will man gar nicht erst nachdenken.

Vom ursprünglichen Plan, hier etwa 20 Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, ist Mueller weit entfernt. «Eigentlich kann man sagen, dass die SIM-Schule etwa 60 Regelschulklassen entlastet, denn hier besuchen mittlerweile 60 Kinder und Jugendliche den Unterricht, und kein einziges dieser Kinder kommt aus derselben Klasse.» Eine Aufnahme in die SIM-Schule erfolgt nur durch Zuweisung der Erziehungsdirektion oder eines Schulinspektorats und erfordert den Nachweis besonderer Bedürfnisse eines Kindes.

Lernen in der alten Brauerei
Es sind riesige, hohe Räume, die hier nahe der Gurtenbahn als Schulhaus dienen. Räume, die Geschichten erzählen. Durch all die Kinder und Jugendlichen, die hier zur Schule gehen, werden noch viele weitere Geschichten geschrieben. Ehemalige, welche die Schule bereits bei ihrer Gründung im 2020 besucht haben, kommen immer wieder hierhin zurück. Beim Mittagessen tauschen sie sich mit den aktuellen Schülerinnen und Lehrkräften aus, und manche von ihnen arbeiten mittlerweile sogar hier im 45-köpfigen Team.

Der Pausengong erklingt, und im Gewusel breitet sich ein Gedanke aus: Was wäre, wenn wir unseren Kindern etwas mehr Flexibilität schenken könnten?

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