Auswirkungen, welche die Bauern bestens kennen: Sie kämpfen einmal mehr um faire Lebensmittelpreise. Wobei das Problem schon im Wort steckt: Ein Mittel ist bekanntlich verbunden mit einem Zweck. Bei Nahrung ist das die Ernährung. Nun ist die Schweiz nicht gerade ein Land, das am Hungertuch nagt, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Zu verdanken hat dies unser kleines Alpenland den Umständen, dass die Schweizer Bauern in Sachen Effizienz, also um aus wenig Land viel Ertrag zu generieren, in allen Statistiken auffallen. Zudem verfügen sie über die nötigen Finanzen, um genügend solcher «Mittel» zu importieren; ob Futter oder menschliche Nahrung.
Getreide als Chance
Importe sind aber eine zweispitzige Heugabel: Sie können einerseits die Landwirtschaft unterstützen oder aber konkurrenzieren. Letzteres akzentuiert sich gar, wenn mit dem Krieg in der ukrainischen Kornkammer die Getreidepreise explodieren. Der Berner Bauernverband schreibt: «Die Schweiz kauft lieber auf dem Weltmarkt Getreide ein, welches dann für ärmere Länder fehlt, anstatt mit einer fairen Preiserhöhung den Brotgetreideanbau in der Schweiz zu fördern.» Der Krieg und damit die grossen Ernteausfälle in der Ukraine haben Auswirkungen auf die Ernährungssituation weltweit, vor allem bei den Menschen in ärmeren Regionen. Während der Weltmarkt auf den Krieg mit massiv steigenden Getreidepreisen reagiert und die Schweiz teuer einkauft, erhalten die inländischen Getreideproduzenten selbst weniger Geld als noch vor einem Jahr. Das mag erstaunen, denn eigentlich hat die Politik seit der Coronapandemie und dem Krieg erkannt, dass die Selbstversorgung der Schweiz gefördert werden müsste. Das Getreide ist die Probe aufs Exempel. Laut Bundesamt für Landwirtschaft produzieren unsere Bauern einen Grossteil des Weizens selbst, nur 1,4% beziehen wir aus der Ukraine. Trotzdem sind die regionalen Lieferanten knapp bei Kasse. Deshalb fordert der Berner Bauernverband «faire Getreidepreise und dass die Mehrkosten auf die gesamte Wertschöpfungskette verteilt werden. Es sei – laut Verband – fraglich, wie viele Betriebe in Zukunft noch Getreide anbauen, wenn die Preise nicht angepasst werden; um 8 Franken mehr pro Dezitonne (100kg) lautet die Forderung.
Bio als Mittel
Regionalität statt Importwahn – beim Getreide könnte das gelingen, wenn die Politik mitzieht. In vielen anderen Bereichen ist die Unabhängigkeit aber nicht gegeben. Seit dem 2. Juli essen wir quasi nur noch dank Importen. Die Schweizer Landwirtschaft schafft es, uns sechs Monate zu ernähren. Wie es gelingen könnte, diesen Anteil zu erhöhen, ohne den Boden auszubeuten oder den zunehmenden Wetterextremen zum Opfer zu fallen, davon verstehen die Biobauern eine Menge. Die «Bärner Bio Bure» feiern ihr 30-jähriges Bestehen mit einigen offenen Hoftoren und Besuchen bei Betrieben, die aufzeigen, wie sie mit minimalem Einsatz von Dünger oder Pestiziden auf einen hohen Ertrag kommen. Oder etwas knackiger ausgedrückt: wie sie mit weniger mehr machen. Am 4. September unter anderem auf der Horbermatt in Oberbalm bei der Familie Ramser. Der Ukrainekrieg, die Getreidepreise und das Jubiläum der «Bärner Bio Bure» stehen in einem Zusammenhang: Krisen und Klimawandel unterstreichen die Wichtigkeit einer hohen Selbstversorgung, regionale Produktion wiederum sorgt für geringeren CO2-Ausstoss und biologische Anbaumethoden für nachhaltigere und widerstandsfähigere Ernteerfolge und letztendlich mehr Selbstversorgung. Soweit die Theorie. In der Praxis aber schwitzen und schuften die Landwirte oft am Existenzminimum und in Konkurrenz mit dem Ausland, trotz Schutzzöllen und Importbeschränkungen. Es ist an der Zeit, das Wort «Mittel» aus den Lebensmitteln zu streichen. Es geht in der Landwirtschaft um Ernährung und nicht um Lebensmittel. Die Landwirte sind also keine Lebensmittelmacher, sondern viel mehr «Lebensmacher». Bio wäre dann das klare Bekenntnis zum Leben oder Lebensraum und seit 30 Jahren ein erprobter Weg dahin.