Linke Stadt und rechtes Land

Linke Stadt und rechtes Land

Die Agglomerationen haben die Wahlen entschieden. Doch Spannung erzeugt hat die Stadt Bern. Ausserhalb der Ballungszentren ist die SVP unangefochtene Siegerin mit sieben Sitzgewinnen. Im urbanen Raum legt die SP um drei Sitze zu.

15.15 Uhr, Wahlexperte Lukas Golder von gfs Bern präsentiert die erste Hochrechnung. Die bisherigen Regierungsräte Evi Allemann (SP), Astrid Bärtschi (Die Mitte), Philippe Müller (FDP) und Pierre Alain Schnegg (SVP) sitzen fest im Sattel. Dicht dahinter der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz (SVP). Die SVP hat ihre zwei Sitze sicher. Und die SP? Die muss noch zittern. «Es zeigt sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Reto Müller (SP) und Daniel Bichsel (SVP)», kommentiert Golder. Die SVP legt in den Landgemeinden trotz bereits vorhandener Mehrheit kräftig zu, der Zollikofner Daniel Bichsel liegt mit dem Stadtpräsidenten von Langenthal, Reto Müller, gleichauf. «Mit leichtem Vorteil für Müller», lässt sich Golder noch entlocken. Der Grund liegt in der Erfahrung. Noch ausstehend ist nämlich die Stadt Bern, und die ist ja bekanntlich eine der linkesten Städte der Schweiz. «Ein enges Rennen», meint Daniel Bichsel in der Rathaushalle und nippt gelassen an einem Kaffee. Doch die Ruhe trügt, er ist ein gefragter Mann in diesen Stunden, Kameras schwirren wie Fliegen um ihn herum.

16 Uhr, die zweite Hochrechnung steht an. Die Grossrätinnen und Grossräte erfahren, dass die SVP vermutlich satte sieben Sitze zulegt. Als stärkste Partei im Kanton baut sie ihre Position noch weiter aus. Gleiches gilt für die zweitstärkste Partei im Kanton: die SP. Drei Sitze mehr sollen es sein, besagt die Hochrechnung. Die Anspannung ist spürbar. «Ein wenig nervös bin ich schon», räumt Grossrat David Stampfli (SP) ein, der zusammen mit der Könizer Gemeindepräsidentin Tanja Bauer (SP) eintrifft. Sie sollte zwei Stunden später im Rampenlicht stehen, denn Bauer erzielt das beste Wahlresultat des gesamten Wahlkreises Mittelland Süd. Ihr gelingt die Wiederwahl genauso wie ihrem Mann jene im Wahlkreis Stadt Bern. Aus dem Verteilgebiet dieser Zeitung schafft auch die Schwarzenburgerin Sara Gabi Schönenberger (SP) die Wiederwahl.

Derweil betritt Janosch Weyermann (SVP) gut gelaunt die Rathaushalle und wird alsbald beschlagnahmt. Man redet gerne mit ihm. Ruhig, locker, ja fast schon lässig gibt er Auskunft. Sind die ersten Hochrechnungen aus den Landgemeinden, in denen die SVP vielerorts zulegt, auch für die Stadt Bern ein Zeichen? «Nicht unbedingt. Ich denke, dass Aline Trede (Grüne) viele Städterinnen und Städter zum Abstimmen motivieren konnte», sagt er. Doch je länger der Wahlsonntag läuft, desto klarer wird: Die SVP wird kräftig zulegen. Nicht einmal der Bart kann deshalb Reto Zbindens (SVP) Lachen verbergen. Auf der Fahrt von Mittelhäusern ins Rathaus konsultiert er die ersten Hochrechnungen und sieht, wie seine Partei auf dem Land kräftig zulegt. Für ihn hagelt es förmlich Stimmen. «In Oberbalm haben über 40 % abgestimmt», ist das Erste, das er erwähnen möchte. Zu Recht, denn vor vier Jahren waren es noch 30 %. Ist er noch Stunden vor der Auszählung als bisheriger Grossrat bereits sicher gewählt? «Ich glaube, es sieht ganz gut aus», lautet die bescheidene Antwort. Es sei an dieser Stelle vorweggenommen: Reto Zbinden wird mit dem zweitbesten Resultat des ganzen Wahlkreises Mittelland Süd wiedergewählt. Etwas unsicherer betritt Andreas Schlecht (SVP) die Rathaushalle. Im Wahlkreis Mittelland Nord will der ehemalige KMU-Laupen-Präsident den Sprung in den Grossrat schaffen. Nur, wie geht das mit dieser Rechnerei? Zbinden eilt herbei, und spätestens als die Gemeinde Mühleberg ausgezählt ist und er dort das beste Resultat aller Kandidierenden erreicht, steht fest: Er schafft es. Andreas Schlecht ist neu Grossrat im Kanton Bern.

Inzwischen ist es 19 Uhr, die Resultate der Regierungsratswahlen trudeln ein. Astrid Bärtschi Mosimann (Die Mitte) wird mit dem besten Wahlresultat aller wiedergewählt. 138’672 Stimmen legen ein eindrückliches Zeugnis davon ab, dass die Bevölkerung mit der Arbeit der Finanzdirektorin mehr als nur zufrieden ist. Mit dem zweitbesten Resultat wird Evi Allemann (SP) wiedergewählt. Der Jubel ist laut im Saal. Auch Philippe Müller (FDP) schafft die Wiederwahl souverän. Dann folgt die erste Überraschung. Raphael Lanz (SVP) gelingt der Sprung in den Regierungsrat noch vor Pierre Alain Schnegg (SVP), der aber ebenfalls wiedergewählt wird. Noch lauter wird es im Saal, als der Name Aline Trede (Grüne) fällt. Die Nationalrätin schafft den Sprung in den Berner Regierungsrat und sichert den Grünen damit den Sitz. Und das Kopf-an-Kopf-Rennen? Es nimmt das bessere Ende für die SP. Reto Müller (SP) setzt sich knapp vor Daniel Bichsel (SVP) durch. Die Stadt Bern hat mit ihrer starken linken Mehrheit den Unterschied ausgemacht. «Und Aline Trede hat sicherlich gut in der Stadt mobilisiert», ergänzt derweil Dominique Bühler (Grüne), Gemeinderätin aus Köniz. Der SVP-Sieg entlockt ihr trotz glanzvoller Wiederwahl eine Bemerkung: «Wenn man stärkste Partei ist, muss man mehr Verantwortung übernehmen.» Die Grünen können trotz eines Sitzverlusts im Kanton Bern ihre beiden Sitze im Wahlkreis Mittelland Süd halten. Jan Remund schafft die Wiederwahl ebenfalls souverän.

So langsam gibt es wieder ein wenig Luft zum Atmen in der Rathaushalle, die Blumensträusse sind verteilt, die Kameras und Blitzlichter werden weniger. Es ist wieder Warten angesagt. Für die Grossratswahlen. Nach und nach trudeln auch die Resultate der letzten Gemeinden ein. Die Stadt Bern beschliesst den Reigen der 334 Gemeinden. Die Würfel sind gefallen, alle Wahlcouverts sind ausgezählt. Überraschungen inklusive. Die SVP legt im Wahlkreis Süd einen Sitz zu (neu 7), muss jedoch zukünftig überraschenderweise auf Benjamin Marti verzichten. Dafür schafft Leana Waber als Neue ein Glanzresultat. Neben Reto Zbinden sind auch Verena Aebischer und Roland Iseli aus dem Verteilgebiet dieser Zeitung wiedergewählt. Einen Sitz mehr verzeichnet die SVP auch im Wahlkreis Mittelland Nord, und zwar jenen von Andreas Schlecht (SVP). Die Neuenegger Gemeindepräsidentin Marlise Gerteis verpasst den Sprung in den Grossrat. Im Wahlkreis Mittelland Nord schafft Anita Herren-Brauen (Die Mitte) die Wiederwahl, ganz im Gegensatz zum Waberer Philip Kohli (Die Mitte). Keine Selbstverständlichkeit, denn Die Mitte verliert kantonal gleich drei Sitze. Fest im Sattel sitzt auch Katja Streiff (EVP) im Wahlkreis Mittelland Süd. Als einzige aus ihrer Partei vermag sie den Sitz zu halten. Denn die EVP verliert sogar vier Sitze kantonal und schrumpft auf fünf Sitze. Federn lassen muss auch die GLP, aber weitaus weniger, als dies gfs Bern zu Beginn in Aussicht gestellt hat. Casimir von Arx (GLP) verbringt viel Zeit vor dem Computer und bleibt deshalb gelassen. Ihm gelingt nicht nur die Wiederwahl, sondern seine Prognose stimmt ebenfalls, wonach die GLP nur einen Sitz verlieren werde. Es ist aber jener aus dem Wahlkreis Mittelland Süd, und zwar derjenige von Thomas Brönnimann. Mittelhäusern hat also gleich zwei Grossräte verloren. Die FDP bestätigt ihre Position in diesen Wahlen und hält ihre 18 Sitze. Im Wahlkreis Süd jedoch kann niemand den Sitz von Hans Peter Kohler (FDP) beerben. Tatjana Rothenbühler verpasst die Wahl nur ganz knapp. Gemeinderat Dominic Amacher scheitert ebenfalls.

In den Gassen kehrt langsam Ruhe ein. Die Welt dreht sich weiter, und der Kanton Bern erwacht in der neuen Legislatur mit der nach wie vor für ihn typischen Parteienvielfalt. Doch etwas wird anders sein. Es sind die Mitte-Parteien, welche insgesamt acht Sitze einbüssen. Die Spatzen zwitschern vom Rathausdach die Vermutung in die Lande, dass dies keine gute Nachricht für Lösungen sein könnte. Es braucht Brückenbauer zwischen den Polen. Doch die sind rar geworden. Bleibt der Auftrag an die beiden grossen Parteien SP und SVP, dass sie die Verantwortung tragen, denn eines haben sogar die Tauben auf dem Rathausdach begriffen: Stadt und Land verstehen sich immer weniger und ärgern sich übereinander. Die Wahlen 2026 haben gezeigt, was diese Zeitung im Vorfeld vermutet hat: Der Stadt-Land-Graben wird zur Zerreissprobe für den Kanton Bern. Eine zwischen linker Stadt und rechtem Land.

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