«Sehenden bleibt vieles … verborgen»

«Sehenden bleibt vieles … verborgen»

Sie sitzen nach dem Mittags­stress alle gemütlich beisammen, quasi am Runden Tisch. Weil zufällig in der Gegend, betrete ich das Restaurant zum Schloss Köniz, in der Hoffnung, eine Gesprächspartnerin oder -partner zu finden. Die anwesenden Damen betrachten mich skeptisch, geben mir allesamt einen Korb. Zu Glück erklärt sich ihr Chef, Ali Baghdady zum Interview bereit.

Ali Baghdady, woher stammen Sie?

Aus Ägypten. Ich bin in Luxor geboren und dort zur Schule gegangen Das Ägyptologie-Studium habe ich in Kairo abgeschlossen, bin danach nach Luxor zurückgekehrt.

Und haben was gemacht?

Ich war Reiseführer für deutsch- und englischsprachige Gruppen. Von lokalen Reisebüros, welche die Gruppen für eine Ägypten-Rundreise gebucht hatten, wurde ich jeweils angefragt, ob ich denn Zeit für die Betreuung hätte. Möglich wurde das nur, weil ich nach meinem Studium einen entsprechenden Fähigkeitsausweis hatte, ein Zertifikat.

Zwischenbemerkung: Kürzlich wurde ein fantastisches neues ägyptologisches Museum nahe den Pyramiden von Gizeh am Stadtrand von Kairo eröffnet.

Ich selber habe das Grand Egyptian Museum – wie es heisst – noch nicht besucht, habe aber Videos und Fotos davon gesehen. Ja, es ist fantastisch, die irischen Architekten haben Einmaliges geschaffen. Ebenso einmalig wie unsere jahrtausendealte Kultur, auf die wir Ägypterinnen und Ägypter stolz sind.

Zurück nach Luxor. Diesen Touristen haben Sie bestimmt auch das Tal der Könige gezeigt, das Grab von Tut-Ench-Amon, korrekt?

Korrekt. In ihren Pauschalarrangements war der Besuch von drei Königsgräbern inklusive, jener für Tutenchamon musste separat gelöst werden, nicht ganz billig … Es gibt in der Gegend jedoch viele andere Sehenswürdigkeiten, zum Beispiel den Tempel von Königin Hatschepsut.

Lustige Erinnerungen mit den Touris?

(Überlegt) Nicht unbedingt lustige, eine Gruppe indes bleibt mir in Erinnerung. Es handelte sich um Blinde. Wie aber konnte Reiseführer Ali diesen Menschen das alte Ägypten näherbringen?

Was haben Sie gemacht?

Ich habe – hoffentlich, ohne langweilig zu werden (schmunzelt) – ihnen die Geschichte Ägyptens vertieft erzählt, ihnen zu spüren gegeben, in welcher Umgebung und Tradition sie sich gerade befinden. Sehr rasch ist mir dabei aufgefallen, welches Gespür diese Leute entwickeln, etwas, das Sehenden verborgen bleibt.

Was für eine Feststellung. Etwas, was den Sehenden verborgen bleibt … Irgendwann haben Sie ja offensichtlich Ägypten verlassen. Weshalb?

Corona. Der Tourismus ist vollkommen zusammengebrochen, wir Reiseführer hatten nichts mehr zu tun, weshalb ich für drei Monate zu meinem Cousin nach Bern gereist bin.

Und haben was gemacht?

Ich bin in dieser Zeit in die Migros Klubschule gegangen, um mein Deutsch zu perfektionieren. Anschliessend bin ich für zwei Jahre zurück nach Luxor. Dort wartete meine Verlobte auf mich, wir haben auch geheiratet. Ich habe mich um eine Arbeitsbewilligung in der Schweiz bemüht, bin zuerst allein hierher geflogen. Im Kornhauskeller konnte ich im Service beginnen, bin 18 Jahre dort geblieben, zum Schluss als Chef de Service.

Und dann ist Ihnen Ihre Frau
gefolgt?

Ja, wenn wir diese Zeit im Zeitraffer sprunghaft betrachten. Inzwischen haben wir drei Kinder: Yara, Omar und Laïla. Meine Frau ist nicht berufstätig, hat aber eine tolle Möglichkeit gefunden, um ihre Deutschkenntnisse zu perfektionieren. Sie gibt deutschsprachigen Arabisch-Kurse, um anschliessend den Spiess umzudrehen: Diese Leute bringen ihr Deutsch bei. Eine Win-Win-Situation. Später möchte sie als Übersetzerin arbeiten.

Und seit einem Jahr sind Sie jetzt im Restaurant zum Schloss? 

Ja. Und wirklich glücklich hier, denn der Ort im Schloss Köniz ist extrem vielfältig, wovon wir als Gastronomen profitieren. Auch die Zusammenarbeit mit Roli Röthlisberger von Kulturhof ist vorbildlich.

Sagen Sie, was ist von uns Schweizern zu halten?

Ich kann mich wirklich nicht beklagen, die Leute sind freundlich, hilfsbereit.

Das müssen Sie ja fast sagen. 

Es ist aber die Wahrheit! Wenn ich mitbekomme, was Ausländer in anderen europäischen Ländern erleben, dann muss ich sagen, Schweizerinnen und Schweizer sind echte Vorbilder, eben im Vergleich zum Ausland.

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