Elisabeth Clerc, wo sind Sie geboren, wo aufgewachsen?
Ich bin in Bösingen aufgewachsen, im Kanton Freiburg, auch dort zur Schule. Mein Vater war Fabrikarbeiter bei der Rytz Grossbäckerei in Laupen, die später Chocolat Tobler gehörte, heute aber nicht mehr existiert. Wir hatten zuhause einen Kleinbauernbetrieb, um den sich auch unsere Mutter kümmerte, zusammen mit unserem Vater, nebst ihrer Arbeit als Hausfrau.
Sie sagen unsere Mutter und unseren Vater. Hatten Sie Geschwister?
Massenhaft! (Lacht grediuse) Ich hatte fünf Schwestern und… sieben Brüder.
Wie bitte?
Ja, darüber bleibt heute nur noch das grosse Staunen, auch, dass aus allen «öppis worde isch».
Wie fühlt man sich in einer solchen Grossfamilie?
Sie geben sich die Antwort gleich selber. Als Grossfamilie. Der Altersunterschied betrug 16 Jahre, ich war sozusagen in der Mitte dieser Familienpyramide. Wissen Sie, heute ist das undenkbar. Nun gut, auch damals war es nicht die Norm, aber in meiner Klasse hatte es durchaus Mitschülerinnen, die vier oder fünf Geschwister hatten.
Ist der Futterneid untereinander nicht gewaltig, mit so vielen Geschwistern?
Ich denke nicht mehr als anderswo, aber für Neid gab es in jener Zeit nicht viel Platz, zumindest nicht auf dem Land. Wir hatten überall mitzuhelfen, auf dem Bauernbetrieb oder auch untereinander; die Älteren halfen den Jüngeren bei ihren Hausaufgaben – und vieles mehr. Wenn ich zurückschaue: Ja, es war eine ungewöhnliche, aber auch einmalige Zeit. Vier meiner Geschwister leben nicht mehr, aber mit den anderen haben wir zweimal im Jahr ein Geschwisterntreff. Einmal im Jahr einen Familientreff mit «Chind u Chegu».
Was haben Sie nach der Schule gelernt?
Eine Ausbildung lag aus finanziellen Gründen nicht drin, also bin ich zuerst einmal für ein Jahr ins Welschland, um anständig Französisch zu lernen. Viel davon habe ich aber vergessen (schmunzelt), anschliessend in den Service für ein Jahr in den Adler in Fendringen. Danach konnte ich ein Jahr nach Istanbul, als Nanny beim Swissair-Manager.
Und haben nebenbei Türkisch gelernt. Günayden und so?
Was «guten Tag» heisst. Nein, ich konnte mich so lala verständigen, halt so für den Hausgebrauch. Danach habe ich vier Jahre bei der Nationalbank in Bern gearbeitet.
Und Goldbarren poliert.
Falsch. Ich habe Noten kontrolliert, sie gezählt, bevor sie gebündelt wurden. Aber die Goldlager habe ich schon gesehen. Eindrücklich, aber alles hinter Gittern, keine Möglichkeit, Arbeit mit nach Hause zu nehmen (lacht).
Anschliessend…
… bin ich wieder in den Service, in der Biberenbad-Bar. Zu jener Zeit hatte ich auch meine Tochter Tanja, um die sich meine Mutter als ihr vierzehntes Kind gekümmert hat, wie sie sagte. Auch Tanja hat ihren Weg gemacht, ich bin sehr stolz auf sie. In dieser Zeit habe ich auch bei Wander in Neuenegg gearbeitet, danach in der Waffenfabrik Bern.
Wie bitte? Von der Ovo zu den Waffen?
Ja, dort habe ich 33 Jahre lang gearbeitet, der heutigen Ruag an der Stauffacherstrasse in Bern. Ich war in der Spedition angestellt. Aber fragen Sie mich jetzt nicht, wohin Waffen und Munition gingen, ich habe eine Schweigepflichtvereinbarung unteschrieben. Voilà, das wäre meine Lebensgeschichte im Schnelldurchlauf.
Und was machen Sie jetzt im Ruhestand, ausser wie im Moment zusammen mit Ihrer Freundin Helene Jungo z’Käfele?
Ich geniesse meine Pension in Bösingen in vollen Zügen, habe vor allem keinen Stress. Klar, ich habe einen Haushalt, mache Einkäufe und so. Aber sonst verbringe ich viel Zeit mit Lesen. Am liebsten Romane mit historischem Hintergrund. Und am TV schaue ich gerne True-Crime-Sendungen, wo es um tatsächliche Verbrechen geht. Spannend.
Wenn Sie zurückschauen? Was bleibt Ihnen in Erinnerung?
Dass wir auf vieles verzichten mussten, das heute selbstverständlich ist, weil wir auch nicht die Möglichkeiten der jungen Leute von heute hatten. Aber geschadet hat uns das wirklich nicht.
Wie nehmen Sie die Schweiz heute wahr?
(Seufzer) Da läuft einiges falsch, vor allem politisch. Was mich nervt: Die Parteien zeigen vor Abstimmungen mit dem Mahnfinger auf uns: «Passt auf, was passiert, wenn Ihr so oder so abstimmt.» Reine Angstmacherei statt Sachpolitik.
Provokative Frage: AHV abschaffen und das Geld jenen als Ergänzungsleistung geben, die es wirklich nötig haben?
Wunschdenken, die Opposition wäre gigantisch, die reine Angstmacherei. Zudem: Es würde ein bürokratisches Monster entstehen, wenn sich die Leute um eine EL bewerben und sich bei den Behörden bis auf ihre Seele entblössen müssten. Vorschlag abgelehnt.