So klein, und doch so divers

So klein, und doch so divers

Kürzlich habe ich meine Masterarbeit über kulturelle Identität geschrieben. Zwar nicht über die der Schweiz, sondern über die der Insel Puerto Rico, deren Realität bis heute kolonial geprägt ist. Dies führte mich wieder einmal zur Frage, die ich mir schon oft gestellt habe: Was ist eigentlich mit der kulturellen Identität der Schweiz? Gibt es die überhaupt? Ich weiss – Neutralität, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Präzision, Bodenständigkeit. Diese Werte schreiben wir uns gerne zu. Doch was verbindet uns, was treibt uns an, was macht uns als Gemeinschaft wirklich aus? Was spüren wir als Schweizer Volk im Kollektiv, wo gehören wir dazu und wovon grenzen wir uns ab? Ich fand (noch) keine schnelle Antwort auf diese Fragen. Denn es ist kompliziert – schon nur aufgrund der vier Landessprachen und -regionen mit unterschiedlichen Mentalitäten. Wir leben zwar alle im selben Land. Sprechen wir etwa in den Ferien von der Schweiz, meinen wir aber oft nur den Teil, den wir selbst kennen – ein Bruchstück unseres eigenen Landes. Wir teilen keine gemeinsame Sprache – neben Musik eine der wichtigsten Grundlage für kulturelle Identität. Auch haben wir keinen Musikstil, mit dem wir uns alle identifizieren können. Jodel oder Handorgel gehören zwar zur Kultur, sind jedoch für viele längst kein Teil des Alltags mehr. Ein allgemeines Zugehörigkeitsgefühl wird dadurch eingeschränkt. Es ist paradox: Die Vielfalt unseres Landes, auf die wir so stolz sind, erschwert, dass wir eine gemeinsame Identität entwickeln können. So fühlen wir uns meist stärker mit unserer Region verbunden als mit der Schweiz als Ganzes. Vielleicht sind es aber gerade diese Unterschiedlichkeiten, die zusammen die Identität unserers Landes bilden. Dass diese im Vergleich zu anderen Staaten weniger stark ausgeprägt ist, könnte auch an der Geschichte liegen. Wir waren nie gezwungen, uns sprachlich und kulturell von Kolonialherrschaften abzugrenzen, um uns als unterdrückte Gruppe Gehör zu verschaffen und um weiter existieren zu können. Vielleicht ist das Fehlen einer nationalen, klar ausgeprägten Identität also kein Mangel, sondern ein Privileg.

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