Spektakel mit Makel

Spektakel mit Makel

Es gibt etwas, das im Schwingsport noch mehr zählt als der Sieg. Nämlich genau das, was den Schwingsport ausmacht, was ihn von anderen Sportarten unterscheidet: Würde. Sie ist die grosse Gegnerin von krankem Ehrgeiz. Im Reigen der steigenden Beliebtheit des Schwingsports droht sie bei manchen Mitmenschen etwas in Vergessenheit zu geraten. Nun hat Michael Ledermann wieder alle daran erinnert, was Würde ist und wofür der Schwing-sport steht. Ohne Absicht, sondern einfach nur mit seiner Art.

Den Sieg am Kilchberger Schwinget mit über 30 Eidgenossen und dem Zusammengreifen der besten 60 Schwinger des Landes kann nur erkämpfen, wer Grosses leistet. Samuel Giger hat Grosses geleistet, und er ist ein verdienter Champion, der eindrücklich aus einer langen Verletzungspause zurückkehrt. Die folgenden Zeilen sollen in keinster Art und Weise diese herausragende Leistung schmälern. So viel vorneweg. Nur geschieht manchmal etwas, das ein ganzes Fest mitsamt seinem Sieger überstrahlt. In Kilchberg hat dieses «Etwas» einen Namen: Michael Ledermann.

1. Kapitel: Der potenzielle Schlussgänger
Der erste Gang am Kilchberger Schwinget hätte für die Berner kaum dümmer starten können: Topfavorit Fabian Staudenmann muss erneut König Orlik stellen. Wenn dieser nicht richtig mitschwingen will, wird es wohl für jeden Gegner schwierig. Das gleiche Schicksal ereilt Michael Moser. Die Berner haben Mühe mit ihren Startgegnern. Alle? Nicht ganz. Michael Ledermann besiegt Lars Voggensperger, notabene einen, der nur wenige Gänge verliert. Ledermann ist damit nur einer von drei Bernern, die den ersten Gang für sich entscheiden können. Anders der zweite Gang. Staudenmann und Moser gewinnen ihre Aufgaben souverän, dafür hadern andere. Und Ledermann? Mit Andy Signer bekommt er einen Verteidigungskünstler eingeteilt, dem er sieben Minuten lang alles abverlangt. Dennoch endet der Gang gestellt, wird aber mit der Note 9 belohnt. Vor dem Mittag folgt die Aufholjagd der Berner. Moser bodigt Lario Kramer und Staudenmann Joel Strebel. Auf Ledermann allerdings wartet mit Samuel Giger ein echter Brocken. Wer den 25-Jährigen kennt, der weiss: Nichts und niemand bringt ihn aus der Ruhe. Er macht seinen Gang, instinktiv, oft aus den Griffen und immer in der Lage, den Gegner aus dessen Angriff in die Bredouille zu bringen. So auch den grossen Samuel Giger, der sich plötzlich in einer solch misslichen Situation vorfindet, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Michael Ledermann bodigt einen Titelanwärter und avanciert zum Mitfavoriten, denn vor der Mittagspause steht bereits niemand mehr mit drei Siegen zu Buche. Ledermann grüsst zusammen mit drei weiteren Bernern von der Tabellenspitze.

2. Kapitel: Ostschweizer Gegenwind
Der verpatzte Start ist ausgemerzt und die Berner sind wieder vorne mit dabei. Das haben auch die Ostschweizer gesehen und beschlossen, in einem beispiellosen Teamauftritt den Bernern den Garaus zu machen. Davon ausgenommen ist Michael Moser, der mit Sinisha Lüscher einen zähen Nordwestschweizer serviert bekommt, diesen aber zu schlagen vermag. Staudenmann muss gegen Mitfavorit Damian Ott an die Zwilchhosen. Alles freut sich auf einen offensiven Schlagabtausch. Doch was ist mit Ott los? Dieser hat entschieden (oder entscheiden lassen), nicht mitzuschwingen, und setzt alles daran, Staudenmann zu stellen. Notabene in einem Moment, in dem es bei ihm selbst noch um eine allfällige Schlussgangteilnahme ging. Der Gang endet gestellt, und damit sind die Chancen auf einen Schlussgang für Staudenmann auf ein Minimum gesunken. Die Ostschweizer feiern dies wie einen Sieg. Die paar Unrühmlichen, die den Bernern gar den Mittelfinger zeigen, mögen sich wohl im Stadion geirrt haben. Währenddessen darf Ostschweizer Samuel Giger gegen einen Nichteidgenossen zusammengreifen. Die Einteilung ist an diesem Punkt sicherlich nicht unbedingt besonders hart gegen die Ostschweizer, um es einmal vorsichtig zu schreiben. Martin Roth heisst der Gegner von Ledermann. Der zähe Appenzeller ist kaum zu bezwingen, solange er nicht selbst an einem Sieg arbeitet. Und daran denkt er gegen einen fleissigen Ledermann keine Sekunde. Auch er vermag verbandsdienlich einen weiteren potenziellen Schlussgänger zurückzubinden. Auch dies feiern die Ostschweizer wie einen Sieg. Die Diskussionen sind lanciert, zumal sich zu diesem Ungemach auch noch ein verlorener Gang von Bernhard Kämpf dazugesellt, der nie und nimmer ein Resultat war, wie die Kampfrichter später selbst einräumen. Das kann passieren. Aber der Moment ist unglücklich, weil sich der Thuner wieder an die Spitze herangepirscht hat. Nick Alpiger freut’s fast schon diebisch, übernimmt er doch damit zusammen mit Orlik und Giger die Tabellenspitze.

3. Kapitel: Ehrenmann Ledermann
Der fünfte Gang ist also aus Berner Sicht so etwas wie die letzte Möglichkeit für den Schlussgang. Staudenmann erhält den offensiven Innerschweizer Michael Gwerder. Zumindest auf dem Papier. Auf dem Platz verwandelt sich Gwerder erstmals, seit er Eidgenosse ist, in einen Kampfverweigerer. Für Staudenmann eine Situation, die zum verhangenen Kilchberger Himmel schreit. Er muss den Gang stellen, und die Schwingerwelt reibt sich verdutzt die Augen. Die Chancen ruhen nun noch auf Moser und Ledermann, die auf Schlagdistanz mit der Spitze sind. Moser kann – anders als Ledermann – Samuel Giger nicht bezwingen und findet sich auf dem Rücken wieder. Giger steht derweil als Schlussgangteilnehmer fest. Also ruhen die allerletzten Hoffnungen auf Ledermann. Sein Gegner ist der Co-Führende Nick Alpiger. Das nimmermüde Rumpelstilzchen aus der Nordwestschweiz bringt den Berner zwar zu Boden, doch dieser hat die Situation sogar ein wenig gesucht, um daraus wieder einen typischen ledermannschen Gegenangriff zu starten. Dann das Zeichen der Kampfrichter: Alpiger ist auf dem Rücken, Ledermann gewinnt. Alpiger reklamiert. Ledermann hingegen ist bereits auf dem Weg zum Kampfrichtertisch und bestätigt, was Alpiger und feine Zuschaueraugen vermutet haben. Er hatte für einen Moment keinen Griff an der Hose. Damit zählt das Resultat nicht. Der vermeintliche Sieger nimmt das Resultat nicht dankend an (wie es einen Gang zuvor Alpiger selbst tat), sondern setzt ein Zeichen sportlicher Fairness, wie es in einem solch wichtigen Moment wohl nur die Wenigsten könnten. Das, geneigte Leserschaft, ist ganz grosses Kino. Denn der Rest ist schnell erzählt: Ledermann schwingt weiter, die Zeit verrinnt und Alpiger waltet nun mit mehr Vorsicht, um keine Niederlage mehr zu riskieren. Ledermann kann das Kilchberger nicht mehr gewinnen, hat aber in diesem Moment die Herzen von abertausenden Schwingerfreunden erobert und berührt.

4. Kapitel: Das Leben ist nicht immer gerecht
Der überraschend starke Marcel Bieri fordert Samuel Giger im Schlussgang heraus, der Rest ist, was die Tabellenspitze angeht, Geschichte. Samuel Giger gewinnt und zeigt mit seiner Leistung, dass seine akribische Vorbereitung auf dieses Fest gelungen ist. Staudenmann gewinnt seinen letzten Gang genauso wie Zaugg und Moser. Spitzenränge für Moser und Staudenmann. Und Ledermann? Er muss den Schwergewichtler Mario Schneider bodigen. Eine machbare Aufgabe, ist man an einem Tag geneigt zu sagen, an dem Ledermann sogar den späteren Festsieger Giger gebodigt hat. Ein versöhnliches Ende? Nein, ein tragisches. Ledermann zieht sich im Kampf einen schweren Muskel-Sehnen-Riss zu (Ruptur des Hamstrings). Das bedeutet einen Ausfall von rund einem halben Jahr, wie ein Sportarzt gegenüber dieser Redaktion bestätigt. Doch Ledermann ist bereits operiert und – typisch für ihn – wieder voller Zuversicht. Statt zu hadern, schreibt er seinen Fans: «Dieses Kilchberger-Schwinget wird mir lange in Erinnerung bleiben. Nach so einem Dämpfer solch herzerwärmende Nachrichten zu erhalten und ein solch unglaubliches Echo für eine Geste, die mir selbstverständlich vorkommt, rührt mich zutiefst.» Was für eine Einstellung für einen Schwinger, der schon nach einer Verletzung ans Eidgenössische Schwingfest vor einem Jahr zurückkehrte und alle begeisterte, in diesem Jahr im Wankdorf wieder verspätet in die Saison startete und erneut alle entzückte und nun zum dritten Mal verletzt ist.

Deshalb sei es dieser Redaktion für einmal gestattet, sich mit einigen Worten direkt an den Helden Ledermann zu richten: Ja, lieber Michael Ledermann, dieses unglaubliche Echo darf dein Herz erwärmen, so fest wie all die Herzen, die du deinen Fans nach gewonnenen Gängen ins Publikum schickst. Selbstverständlich ist es für dich, aber keineswegs für alle. In einer Zeit, in welcher der Schwingsport professioneller wird und die Verbissenheit da und dort etwas gar ausgereizt wird, bist du zum Botschafter des Schwingsports geworden. Du hast in einem unglaublichen Moment der Spannung, mitten in den Entscheidungen, an die für den Schwingsport so typischen Werte der Fairness und des gegenseitigen Respekts erinnert. Ohne es zu wollen, bist du zum Helden geboren. Und gerade weil du es nicht gesucht hast, bist du es. Was du zeigst, hat Vorbildcharakter für alle Jungschwinger. Wie du bist, begeistert all jene, die als Schwingerfamilie die Werte dieses Sports hochhalten. Und das sind viele, sehr viele sogar. Wir verneigen uns vor deiner Selbstverständlichkeit. Du hast das Kilchberger Schwinget nicht gewonnen. Aber du hast dem Schwingsport seine Würde zurückgegeben.

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