Testen, testen, testen

Testen, testen, testen

Eine Tierseuche kommt nach neun Jahren erstmals wieder nach Europa. Obwohl in der Schweiz noch kein Fall aufgetreten ist, gilt es, wachsam zu sein. Im IVI wird bereits fleissig getestet.

Hüben und drüben machen sich die Landwirte bereit, um ihre Rinder auf eine Alp zu bringen. Doch 260 Betriebe müssen für ihre insgesamt rund 6000 Tiere kurzfristig neue Plätze suchen: Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen hat Mitte Februar die Sömmerung von Rindern in Frankreich für diese Saison untersagt.

Virus reist mit Fliege
Der Grund ist die hochansteckende Tierseuche Lumpy-Skin-Krankheit oder Lumpy-Skin-Disease (LSD). Die Viruskrankheit befällt Rinder, Büffel und Bisons – Menschen sind nicht gefährdet. Sie verursacht Fieber, Appetitlosigkeit, Augen- und Nasenausfluss und typische Knoten in der Haut – daher der Name. Wie bei Säugetieren üblich, geht bei schwereren Erkrankungen häufig die Milchproduktion zurück. LSD ist also vor allem ein wirtschaftliches Problem. Zumal sich die Krankheit unberechenbar verbreitet: Das Virus kann tagelang auf dem Mundwerkzeug von Stechmücken und Stallfliegen überleben, und diese fliegen unplanbar von Tier zu Tier. So kann der Erreger schnell auch auf Nachbarherden übertragen werden, ohne dass die Tiere direkten Kontakt haben müssen. Ein weiteres Problem: Bevor typische Hautsymptome sichtbar werden, können bei einem angesteckten Rind auch mal zwei bis seltener drei Wochen vergehen. Wird das Tier in dieser Zeit transportiert, reist auch das Virus mit. Bei einer flächendeckenden Verbreitung der Krankheit drohen deshalb massive Einbussen in der Rinderproduktion und Milchwirtschaft. So ist es kein Wunder, dass die Schweiz präventive Massnahmen beschlossen hat, selbst wenn LSD hierzulande bis heute noch nie nachgewiesen wurde. Da es im grenznahen Italien und besonders in Frankreich seit Juni 2025 zu vielen Ausbrüchen kam und Insekten keine Landesgrenzen kennen, wird bei verdächtigen Symptomen systematisch getestet.

Viele Tests im Referenzlabor
Sämtliche Proben kommen nach Mittelhäusern, ans Institut für Virologie und Immunologie IVI, das nationale Referenzlabor für zahlreiche meldepflichtige virale Tierseuchen wie LSD. Karin Darpel ist in der Abteilung Diagnostik und Entwicklung Leiterin des Fachbereichs hochansteckende Tierseuchen. «Wir führen derzeit jede Woche mehrere Ausschlussuntersuchungen durch – Tendenz zunehmend», erzählt sie Mitte April. «Das Virus ist in Afrika und Asien endemisch», erklärt sie. Das bedeutet, dass die Krankheit dort dauerhaft vorhanden ist. Im Gegensatz dazu war Europa nach früheren Ausbrüchen, zuletzt 2015–2017 in Griechenland und der Balkanregion, lange LSD-frei. Doch der Wind kann Insekten übers Mittelmeer transportieren; eventuell kam das Virus im vergangenen Juni auf diese Weise zuerst nach Sardinien und von da – via Rindertransporte – weiter nordwärts. Aber die Einschleppung über grössere Distanzen erfolgt nach aktuellem Kenntnisstand nicht primär durch Windverfrachtung von Insekten, sondern wird eher mit Tierverkehr in Verbindung gebracht. Die Anstrengungen waren und sind gross, um eine weitere Verbreitung zu verhindern. Bei einem Ausbruch müssen sämtliche Rinder des Betriebes getötet werden. Es gibt Einschränkungen im Tiertransport und Zonen mit Impfpflicht – es ist eine Notimpfung mit einem Lebendimpfstoff. In den letzten Monaten kam es grenznah zur Schweiz zu keinen neuen Ausbrüchen, doch mit zunehmender Aktivität der Fliegen, Mücken und Zecken könnte sich das wieder ändern. So hat auch gerade Sardinien nach mehreren Monaten ohne neue Ausbrüche wieder erneute Fälle gemeldet. Die Lage entwickelt sich dynamisch, deshalb hält sich das Diagnostik-Team des IVI bereit.

Aufruf zu Aufmerksamkeit
«Wir raten allen Tierhaltenden, aufmerksam zu sein und bei unspezifischen Symptomen zu reagieren. Bereits bei einem Rückgang der Milchleistung kann es sinnvoll sein, das Tier genauer anzuschauen und besonders auf Hautknoten zu achten», erklärt sie. Wünscht ein Tierhalter eine Ausschlussuntersuchung, setzt sich die Tierärztin oder der Tierarzt mit der Diagnostik am IVI in Verbindung. «Es ist wichtig, dass wir vor der Probeentnahme Rücksprache halten. Denn bei milden Symptomen ist die Viruslast im Blut oft noch nicht so gross», erläutert Darpel. Deshalb braucht es sowohl eine Blutprobe wie auch Serum, einen tiefen Nasenabstrich und bei Hautveränderungen eine Biopsie. Innerhalb von 48 Stunden nach Ankunft der Probe muss für einen Ausschluss ein Resultat vorliegen. Bei einem amtlichen Verdacht muss das Diagnostikteam gar Notdienst leisten, also die Proben auch nachts oder am Wochenende entgegennehmen und innert 8 Stunden Ergebnisse liefern. Bei einem Ausbruch greift der Notfallplan: «Wir müssten die Diagnostik so strukturieren, dass wir ein hohes Probenvolumen bewältigen können.» Sprich: Andere, weniger dringliche Arbeiten müssten warten, Forschende würden vorübergehend die Diagnostik unterstützen und Mitarbeitende müssten allenfalls Ferien verschieben. «Die Risikolage ändert sich ständig, wir passen uns immer wieder an», sagt sie.

In der Schweiz sowie in Europa erfolgt die Impfung gegen die Lumpy-Skin-Krankheit gezielt in definierten Zonen – gemäss behördlichen Vorgaben. So heisst es weiter: Die Transporte der Rinder im Auge behalten, aber noch viel mehr die Tiere selbst. Und sich lieber einmal zu früh als zu spät an die Diagnostik am IVI wenden und: testen, testen, testen.

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