Vom Traumtänzer zum Baumpflanzer

Vom Traumtänzer zum Baumpflanzer

Schweizweit bekannt wurde er 1999 mit dem Tierlieder-Bild- und Tonalbum «Xenegugeli». Zu seinem 75. Geburtstag wirft die Könizer Zeitung | Der Sensetaler einen Blick auf das umfangreiche Schaffen von Roland Zoss, dem grossen Berner Songpoeten für Kleine.

Yellow Submarine
13 Jahre alt ist klein Roland, als er im Sommer 1964 mit den Berner Sängerknaben auf Konzert-Tournee quer durch England unterwegs ist. Ermöglicht hatte das Abenteuer sein Singlehrer Albert Steiner an der Sek Munzinger. Im Mundartroman «Hippie Härz» beschreibt Zoss später, wie er auf der aufregenden Tour die grassierende Beatlemania miterlebt hat: «Crazy isch das gsi, wie d’Untertane vor Queen Elisabeth usgflippt sy wäge vier Pääggicheibe mit so Pilzfrisure. Mi hets o verwütscht und i bi nach em Singe vom Vreneli abem Guggisbärg im ne Liverpooler Beatchäller verschwunde.»

Die Suche nach der Trauminsel
Nach dem Maturaabschluss folgen weitere Reisen mit dem Ziel, irgendwo im Mittelmeer einen Platz an der Sonne für sein kreatives Schaffen zu finden. Fündig wird er 1972 auf einer kleinen liparischen Insel im Norden Siziliens. Er kauft und saniert eine zerfallene Ruine mitsamt Felsgrotte, die ihm bis heute als Kraftort und Rückzugsklause dient.

Going to San Francisco
Eine lebensverändernde Reise führt ihn on the road von San Francisco über Mexiko nach Rio de Janeiro. Sie beginnt 1976 an der kalifornischen Westküste. In West Hollywood besucht er den legendären Music-Club «Troubadour», der neben Auftritten von Stars wie Bob Dylan und Joni Mitchell weltweit bekannt ist für seine «Hootenany Nights». Zoss bewirbt sich spontan für einen Auftritt und wird prompt verpflichtet. So kommt es zum Auftritt des wohl ersten Berner Mundartsängers im Epizentrum der US-amerikanischen Folk- und Rock-Szene. Im Roman «Hippie Härz» schildert er später, wie er mit poetischen Liedern im Stil der neuen deutschen Romantik das Publikum in seinen Bann gezogen hat.

Mit der Familie zum Erfolg mit Kinderliedern
Zurück in Bern nimmt er im Sinus Studio die erste LP auf, merkt aber bald einmal, dass er von den Auftritten als deutschsprachiger Liedermacher kaum wird leben können und er weiterhin auf die Stelle als Deutschlehrer am Berner KV angewiesen ist. Ein Wendepunkt war die Begegnung mit Nicole, mit der er im Alter von 40 Jahren eine Familie gründete, wie er heute rückblickend erklärt: «Unsere 4-jährige Tochter Lea übte im Kindergarten das Schreiben einzelner ABC-Buchstaben. Das brachte mich auf die Idee, Tiere in Liedern und Bildern in einem Buchstaben-Alphabet von A wie Adler bis zu Z wie Zebra zu verbinden. Dank dem Erfolg des multimedialen «Xenegugeli Tier-ABCs» wagte ich es, mit 50 meinen Job als Sprachlehrer am Berner KV an den Nagel zu hängen und ganz auf die Karte Musik zu setzen.»
Das Xenegugeli wird bis heute von Roland Zoss mit der legendären Xenegugeli-Band aufgeführt und als ABC-DINO-App weltweit an Schulen verwendet. Das nächste Konzert geht am 29. November im «Rössli» Uetendorf über die Bühne.

Jimmy Flitz vom Münsterspitz erobert die Herzen der Kinder
Auch das nächste Kinderlieder-Projekt mit Jimmy Flitz, der Maus im rot-weiss gestreiften Pulli, wird am Familientisch ausgeheckt. Sohn Laurin hört als Erster am Bettrand Papas neuste Geschichten. Auf gemeinsamen Wanderungen durchs Märchenland Schweiz bekommt die Hörspielreihe ihre Konturen. «Jimmy-Flitz, e Reis dür d’ Schwyz» mit insgesamt sechs Alben und einem Buch soll Kinder ermuntern, die magischsten Orte im Land zu erkunden. Ab 2001 bringt die Jimmy-Flitz-Band in der boomenden Kinderkonzertszene die Mäusefans auf der Bühne zum Tanzen.

Beim Jimmy-Flitz-Projekt, das diverse Mundarten und Musikerinnen umfasst, sprechen, jodeln und singen u. a. Büne Huber, Hanery Amman, Steff la Cheffe und Christine Lauterburg. Im Schlussteil 6 «E chlyni Muus im Bundeshuus» ist zudem Pedro Lenz als Asylant-Elefant dabei und verlangt gleiche Rechte für Mensch und Tier. Und fürs Hörspiel Teil 4 namens «Jimmy Flitz-Wiehnachts-Musical» heimst die Maus für Bern die bedeutendste Auszeichnung im Kinderliederbereich ein: Bestes Kinderalbum 2015. In der modernen Weihnachtsgeschichte bringen Tinu Heiniger als Moudi de Meuron, Steff la Cheffe als Roboterchen und Kirchenmaus Jimmy Flitz dem Christkind ein Stück Schweizer Käse. Das Familienmusical, das im kreativen Austausch und in Zusammenarbeit mit seiner Frau entstanden ist, wird heuer an Schulen aufgeführt und an Heiligabend, dem 24. Dezember, ab 16.45 Uhr im Schweizer Fernsehen SRF 1 gezeigt. Das Besondere daran: Es umfasst religionsübergreifend Rock, Rap, Jodel und Kinderchöre.

«Das Unsichtbare sichtbar machen»
Nach dem Grosserfolg der Jimmy-Flitz-Saga ist Roland Zoss‘ dritte Lebensphase angebrochen, in der er es etwas ruhiger angehen lässt. Heute dauern seine Aufenthalte auf den Liparischen Inseln etwa gleich lang wie diejenigen am Wohnort der Familie in Mittelhäusern – wobei die Pflege seiner subtropischen Bäume im 2000m² grossen Garten den Hauptanteil seines Alltags auf der Insel einnimmt, wie er im Gespräch ausführt: «Auf der Insel werde ich zum Naturmenschen. Manchmal kommen Workawayer (reisende Freiwillige) vorbei, die mir bei der Pflege der Bäume helfen, die ich über all die Jahre herangezogen habe. Im Garten zwischen Himmel und Meer sind auch meine beiden Alben mit Baumliedern, einer Art Hymne an die Natur, entstanden. Bei den Studioaufnahmen haben mich viele langjährige Weggefährten unterstützt: darunter bekannte Musiker wie Jean-Pierre von Dach, Peter von Siebenthal, Wolfgang Zwiauer (Züri West) oder Sängerinnen wie Christine Lauterburg und Corinne Curschellas. Nach diesem Hitzesommer, der unsere Buchen absterben lässt, wird die Empathie zu Bäumen ein (über-)lebenswichtiges Thema werden. Denn Bäume sind als Luftgeber die Basis unserer Existenz. Deshalb widme ich 27 Baumarten zwei Liederalben – ganz im Sinn von Paul Klees Aussage: ‹Das Unsichtbare sichtbar machen›, die mich mein Leben lang geleitet hat.»

Und apropos Klee – Mitte September veröffentlichte Roland Zoss sein jüngstes Projekt. Auch dies mit Verbindung zu seinem Lebenswerk: «Auf meiner Insel im Reich von Windgott Aiolos wurde mir auch die neuste Idee zugeweht, ein Bilderbuch und eine App über den weltbekannten Maler aus Bern.»

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