Am 23. Mai beging Ueberstorf sein 800-Jahre-Jubiläum mit Zaubershow, musikalischer Unterhaltung und kulinarischer Verpflegung. Denn die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes datiert von 1226 – oder etwa nicht? «Sind es 800 Jahre oder erst 799?», fragt Historiker Beat Hayoz im Gespräch zum Jubiläum rhetorisch und setzt an zum Erklären: «Der römische König Heinrich VII., Sohn des Kaisers Friedrich II., schenkte die ‹capella Jeberinsdorf›, zusammen mit der Kirche in Köniz, dem Deutschen Orden. In der Urkunde dazu, die er im Staatsarchiv Bern eingesehen hat, ist eine handschriftliche Korrektur von 1226 zu 1227 zu erkennen.» Möglicherweise liegen der Urkunde zwei verschiedene Kalender zugrunde, wodurch beide Jahreszahlen möglich wären. Die Gemeinde richtet sich nach dem 750-Jahre-Jubiläum von 1976.
Adelsgeschlechter und Mädchenpensionat
«Jeberinsdorf ist sicher älter als 1226», sagt Hayoz, «aber es gibt sehr wenige schriftliche Quellen.» Man nimmt an, dass am Standort der heutigen Kirche bereits seit dem 11. Jahrhundert ein Gotteshaus stand – was bedeute, dass die Gegend besiedelt gewesen sein müsse. «Anhand von Siedlungs- und Flurnamen geht man davon aus, dass Alemannen das heutige Ueberstorf wohl zwischen dem 7. und dem 9. Jahrhundert besiedelten.» 1143 wurden die «Herren von Mettlen» erwähnt. Wahrscheinlich habe es in Obermettlen eine Burg gegeben. Aus dem 13. und 14. Jahrhundert sind Spuren weiterer Adelsgeschlechter überliefert, etwa der Velga in Hostettle. Der dortige Flurname «Lärcheberg» stamme wohl von einem «Lehen» der «Herren von Hostettle». Eine weitere wichtige Familie waren die Englisberger. Dietrich von Englisberg erbaute 1505 das grösste der drei heute noch bestehenden Schlösser. «Es ist das älteste freiburgische Schloss, das nicht der Wehrhaftigkeit gedient hat», weiss der Ueberstorfer Historiker. 1881 errichteten die Ingenbohler Schwestern dort ein Mädchenpensionat für gutbürgerliche Töchter. Es war bis 1910 in Betrieb und eine bis über die Landesgrenzen hinaus bedeutende Institution. Die beiden anderen noch heute stehenden Schlösser sind das Ratzéschloss und das Techtermannshaus.
Zwischen Bern und Freiburg
1226 oder 1227 gab es die Schweiz im heutigen Sinn noch lange nicht. Politische Gemeinden gibt es im Kanton Freiburg erst seit 1831. «Alle Aufgaben, welche die Gemeinden heute übernehmen, waren damals bei den Pfarreien», erklärt Hayoz. Ueberstorf gehörte zum Bistum Freiburg und bis zur Reformation zum Dekanat Bern. Auch Albligen war damals Teil der Pfarrei und wehrte sich anfänglich gegen die Reformation. Doch schliesslich war der Druck aus Bern zu gross. Albligen wurde reformiert und 1538 von Ueberstorf getrennt. Die Berner liessen die Kirche Ueberstorf erweitern; 1739 wurde der Bau eingeweiht. In der alten Sakristei erkennt man noch das Berner Wappen, ebenso beim Pfrundspeicher. 1889 gab Bern nach einem Bundesgerichtsurteil alle kirchlichen Rechte und Pflichten an Ueberstorf.
Dass die Berner und Freiburger am 6. Juni 1341, nach der Schlacht bei Laupen, im Gasthof zum Schlüssel Frieden geschlossen haben sollen, ist weit herum bekannt. «In der Quelle steht, dass sie den Bund Bern-Freiburg in der Kirche erneuert haben», präzisiert Hayoz, «wahrscheinlich feierten sie dies anschliessend im ‹Schlüssel›.» Ab Mitte des 15. Jahrhunderts gehörte Ueberstorf der «Alten Landschaft» an und war somit direktes Untertanengebiet der Stadt Freiburg. Ueberstorfer kämpften in den Burgunderkriegen mit – in den Schlachten bei Grandson und Murten. Auf Letzteres geht eventuell der rote Löwe im Wappen zurück – wobei auch die Englisberger einen roten Wappenlöwen hatten, wie Hayoz weiss. Die blauen und weissen Streifen stammen von den Herren von Mettlen. Als 1798 die alte Eidgenossenschaft unterging und die Helvetik Freiheitsbäume aufstellte, hielten die Ueberstorfer zur konservativen Führung in Freiburg. Deshalb plünderten und verwüsteten helvetische Truppen das Dorf. In der darauffolgenden Neuordnung gehörte Ueberstorf zunächst dem Distrikt Freiburg an, ab 1848 dann zum Sensebezirk.
Vom Bauerndorf zur Pendlergemeinde
Im 19. Jahrhundert kam es vermehrt zu Spannungen zwischen den Katholiken und den Reformierten, die mehrheitlich aus dem Bernbiet Zugezogene waren. Die Kinder dieser Familien besuchten nicht die katholische Dorfschule, sondern die öffentlichen Schulen im Chessibrunnholz und in Obermettlen. Die Schule im Chessibrunnholz bestand von 1936 bis 1983, jene in Obermettlen von 1834 bis 1972. Auch beerdigten die Reformierten ihre Toten auf einem anderen Friedhof. Verbindend wirkten Vereine und Genossenschaften sowie das Waldfest im «Chessiholz». Geheiratet wurde hingegen grossmehrheitlich innerhalb der eigenen Konfession.
Bis in die 1990er-Jahre war die Landwirtschaft der wichtigste Arbeitszweig. Viele Ueberstorfer arbeiteten zudem in Bümpliz, auf dem Bau und in Fabriken. Der Bau der Autobahn mit dem Anschluss Flamatt verstärkte das Pendeln nach Bern. 1952 baute die Gemeinde für 850’000 Franken ein Wasserreservoir auf der Höhi – ein visionäres Projekt. 1962 entstand der erste Wohnblock. Gleichzeitig fanden viele Berner hier bezahlbares Bauland. Ein «leidiges Kapitel» waren die wilden Bauten an der Sense, die erst in den 1980er-Jahren geräumt wurden. Seit 1979 hat die Gemeinde eine vom Staatsrat genehmigte Ortsplanung.
Von Boschung bis Bulliard
Aus Ueberstorf kommen auch nationale Figuren. Der berühmte Rennfahrer Jo Siffert war ein Bürger der Gemeinde. Zu den einflussreichsten Ueberstorfern gehörte Franz Boschung (1868–1938): Landwirt und Wirt, Bankpräsident, Richter, Oberleutnant, Ammann, Grossrat und Nationalrat. Alt-Bundesrat Joseph Deiss hat Wurzeln in Ueberstorf, Staats- und Ständerat Pierre Dreyer war hier Bürger, und mit Christine Bulliard-Marbach hat die Gemeinde wieder eine Vertretung im Bundeshaus. Bis heute prägen alteingesessene Geschlechter wie Götschmann, Grossrieder, Brülhart, Hayoz, Siffert, Spicher und Waeber das Dorf.
Ebenso typisch für Ueberstorf sind die vielen Weiler – zwischen Bauernhäusern, Schlössern, Wohnquartieren und Gewerbebetrieben. Man unterstützt Gottéron in Freiburg und YB in Bern. Ueberstorf ist seit Jahrhunderten eng mit den beiden Städten verbunden, aber auch mit den umliegenden Gemeinden. Ob die Jubilarin nun vor 799 oder vor 800 Jahren erstmals urkundlich erwähnt wurde, lässt sich nicht abschliessend klären. Sicher ist: Die Geschichte Ueberstorfs wird weiterhin von den Menschen geprägt, die hier leben und sich engagieren.
Der Name «Ueberstorf»
«Jeberinsdorf» ist als Name wohl auf einen alemannischen Bauern zurückzuführen. Damals gab es jeweils verschiedene Schreibweisen für denselben Namen. Es könnte «das Dorf des Iburin» gewesen sein. Nach «Jeberinsdorf» wurde es «Ibrisdorf», «Ybrisdorf», «Hybrisdorf». Das «Y» wurde zu «Ü». Heute schreibt sich die Gemeinde mit «Ue».