Enttäuscht und besorgt klingt das Klagelied mancher Unternehmung. Sie wissen es. Ohne Lernende keine Zukunft. Doch was, wenn die Suche nach einer freudigen und willigen Person so schwer wird wie die Suche nach Wasser in der Khandahar-Wüste? Es frustriert nicht nur, nein, es macht Angst um die Zukunft. Noch ist das Phänomen kein Normalfall. Die Mehrheit der Jugendlichen entzückt nach wie vor die Betriebe, davon legen die acht Seiten mit «Guet gmacht»-Inseraten in dieser Zeitung Zeugnis ab. Aber das Problem wächst und mit ihm die Sorge.
Liebe Eltern
Zeitsprung: Am Ende des Tages waren die Hände dreckig, das Haar zerzaust und die Augen leuchtend. So ähnlich klingen die Kindheitserinnerungen vieler älterer Mitmenschen. Getreu dem Motto von Pipi Langstrumpf: «Das habe ich noch nie gemacht, also geht es sicher gut», eroberten viele lustvoll die Arbeitswelt. Pünktlichkeit ist Ehrensache, Zuverlässigkeit selbstverständlich und Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber gegeben. «Du hast diesen Gast noch nicht begrüsst, würdest du das bitte noch nachholen», sagte kürzlich ein Gastronom seiner Lernenden im Service. «Irgendwann wird sie verstehen, dass das Trinkgeld einen direkten Zusammenhang hat mit ihrem Auftreten am Tisch», schmunzelte er. In besagtem Fall hat der Ausbildner eine klare, mitunter strenge Linie, wer seine «Schule» durchgeht, schliesst oft mit Bestnoten ab und die beruflichen Perspektiven liegen ihr zu Füssen. Doch es gibt auch jene, deren Gleichgültigkeit für Unverständnis sorgt. Um zu verhindern, dass man gewissen pädagogischen Konzepten die Schuld gibt, um sich nicht auf das eisige Terrain der Bildung zu begeben, seien die Eltern aber umso mehr einbezogen. Jugendliche, denen kaum beigebracht wird, zu grüs-sen, das Gegenüber zu respektieren oder sich an Abmachungen zu halten, denen wird die Zukunft zünftig erschwert.
Wertschätzung
Nochmals. Die Rede oder die Schreibe ist hier nicht von der Mehrheit der Jugendlichen. Sehr wohl aber einer stetig wachsenden Gruppe. Was ist passiert? Wie ist es so weit gekommen? Gewandelt hat sich die Einstellung zur Arbeit. Das glauben viele Studien über die Generation Z. Arbeit wird weniger wichtig, Freizeit wertvoller als Lohn. Grundsätzlich nachvollziehbar. Die Jugend von heute streift auf Sinnsuche durch die Welt, liegt den Eltern oder dem Staat auf der Tasche, anstatt in Zeiten von Krise und Arbeitskräftemangel zur Wirtschaftsleistung beizutragen. So oder so ähnlich ist es derzeit häufig in Kommentarspalten oder auch Meinungsartikeln zu lesen. Doch das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. «Ich sehe oft, dass Betriebe die Lernenden auch als billige Arbeitskräfte benutzen», sagt eine Ausbildungsverantwortliche, die im regen Austausch mit Jugendlichen und anderen Betrieben steht. Wertschätzung gegenüber dem jungen Menschen, der einen neuen Lebensabschnitt betritt, ihm die Lust am Beruf zu vermitteln und ihm beiseite zu stehen sollte genauso selbstverständlich sein wie die oben angeführten Voraussetzungen in Sachen Höflichkeit und Zuverlässigkeit bei den Jugendlichen. Viele kommen bereits mit 15 Jahren aus der Schule. Sie sind jung, sehr jung. «Vielleicht wäre da ein erstes Jahr nur in der Schule nicht ganz so verkehrt», meint dieselbe Frau.
Neu denken
Lösungen sind gesucht und es wird nicht die eine patente geben, sondern es muss an verschiedenen Hebeln gezogen werden. Elternhaus und Schule müssen gemeinsam die jungen Menschen möglichst ideal auf die Arbeitswelt vorbereiten. Betriebe müssen in der Lage sein, mit jungen Menschen, die sich in einer pubertären Phase gerade viele grosse Fragen stellen, umzugehen. «Wir finden kaum noch Lehrlinge und, wenn sich jemand meldet, dann ist das eine Person, die wir früher niemals genommen hätten», räumt ein anderer Lehrbetrieb ein. Eine Momentaufnahme, die zeigt, wie wichtig die oben genannten Veränderungen sind. Die Boomer hatten viel Konkurrenz, da konnten sich die Arbeitgeber die besten Lernenden aussuchen, der Rest guckte in die Röhre. Diese Konkurrenz fehlt heute, und das merkt man. Man muss nehmen, was man bekommen kann. Insbesondere bei unbeliebten Berufen. Die Wahl haben nicht mehr die Arbeitgeber, sondern die Arbeitnehmer. Statt Klagen bräuchten junge Menschen positive Utopien vom Arbeitsleben. Denn so anspruchsvoll sind sie gar nicht. Sie wollen, wie die Generationen vor ihnen, Sinn in ihrer Arbeit finden. Auch die Erkenntnis, dass Produktivität keine lineare Grös-se ist und gesunde Arbeitnehmende mit einem funktionierenden Sozialleben weniger krank und weitaus produktiver sind, scheint in Vergessenheit geraten zu sein.
Doch zurück zu all den Rückmeldungen der vergangenen Wochen. «Ich nehme nur noch Lernende vom Land und nicht mehr aus der Agglomeration oder Stadt. Es waren immer Jugendliche aus dem städtischen Umfeld, welche nicht zur Lehre erschienen oder abgebrochen haben», kommentiert ein Lehrmeister aus der Baubranche. Nicola Spirig hat jüngst in einem Vortrag in Wünnewil die Arbeitswelt mit dem Sport verglichen. Und darin keimt viel Hoffnung auf Besserung auf. Work-Life-Balance hin oder her, wer beruflich etwas erreichen will, muss dafür hart arbeiten, wie im Sport. Wer aber zufrieden ist, einfach mitzuschwimmen, hat das gute Recht dazu, sollte sich aber nicht wundern, wenn nach der demografischen Freundlichkeit der nächsten zehn Jahre der Arbeitsmarkt plötzlich wieder dreht und das Leben erschwert. Bis es soweit ist, hört man aber noch vielerorts das Klagelied der Gleichgültigkeit.