Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit

Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit

Die Veranstaltungsreihe «Heimspiel – Wissenschaft vor Ort», eine Zusammenarbeit der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften und der Stiftung Science et Cité, will Forschung fern der grossen Zentren erlebbar machen: Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kehren an ihren Herkunftsort zurück und erzählen von ihrem Werdegang in der Forschung. Die Politologin Rahel Freiburghaus war im November gerngesehener Gast im Schul- und Sportzentrum Allenlüften

Dort, wo sie vor Jahren Vortragsübungen am Klavier vorgespielt hatte, nimmt die Politikwissenschaftlerin Rahel Freiburghaus einleitend Schwachstellen der Schweizer Demokratie unter die Lupe. Längst nicht alle in der Schweiz wohnhaften Menschen haben politische Rechte. So werden bei Abstimmungen immer häufiger die Jüngeren durch die Älteren überstimmt, wodurch die Volksherrschaft zur Herrschaft der Wenigen zu werden drohe. Gemäss dem Bibelspruch «Wer hat, dem wird gegeben» haben gut Verdienende bei Wahlen nachweislich mehr Gewicht als Stimmberechtigte mit bescheidenem Einkommen. Zudem seien Schweizer Parlamentsmitglieder als Halbberufspolitisierende zur Bewältigung komplexer Dossiers auf Informationen von Verbänden und Lobbyistinnen angewiesen, was in einem «Tauschhandel» zu nachweislichem Einfluss auf die Gesetze führen könne.

Familienwahlrecht und Mehrfach-Fragen-Abstimmung als Reformideen
Nach Aufzählung dieser Schwachstellen stellt Freiburghaus eine Reihe von innovativen Reformideen vor – zum einen das «Familienwahlrecht», bei dem die Eltern für ihr Kind das Wahl- und Stimmrecht treuhänderisch ausüben, bis das Kind selbst wählen will, zum anderen die «Mehrfach-Fragen-Abstimmung», die eine differenziertere Stimmabgabe als nur ein «Ja» oder «Nein» ermöglicht. Ein Gesetz wird dabei in seine Einzelteile aufgeteilt, wie Freiburghaus anhand eines fiktiven Beispiels zur Volksabstimmung über das CO2-Gesetz aus dem Jahr 2021 ausführt: «Die Stimmberechtigten hätten so unter anderem die beiden Teilfragen ‹Wollen Sie die Einführung einer Flugticketabgabe annehmen?› und ‹Wollen Sie die Einführung eines Klimafonds annehmen?› separat beantworten können, statt nur über das Gesamtpaket zu entscheiden.»

Buchprojekte in der Pipeline
Im Gespräch mit dieser Zeitung äussert sich Rahel Freiburghaus über zwei bevorstehende Buchprojekte, an denen sie zurzeit als Co-Autorin arbeitet: «Das eine Buch handelt von der Demokratiereform in der Schweiz. Es geht um die wichtigsten politischen Grundpfeiler wie etwa den Föderalismus oder die direkte Demokratie. Die Veröffentlichung im Verlag ‹NZZ Libro› ist für 2026 geplant. Im zweiten Buchprojekt werden rund ein Dutzend Bundesrätinnen und Bundesräte porträtiert. Jedes Portrait bildet zugleich eine Epoche des Schweizer Bundesstaates seit 1848 ab. Anhand von Gesichtern soll also die Geschichte auf zugängliche Weise nacherzählt werden.»

Prof. Dr. Rahel Freiburghaus
Die 31-jährige Politikwissenschaftlerin wächst in einer Bauernfamilie in Buch b. Mühleberg auf. Nach der Primarschule im Schulhaus Mühleberg wechselt sie für die Mittel- und Sekundarschule ins Schul- und Sportzentrum Allenlüften. Während ihrer Zeit am Gymnasium Bern-Neufeld erfährt sie beim Pendeln zwischen Mühleberg und Bern den Stadt-Land-Graben hautnah, wie sie später in einem Radio-Interview mit SRF2 betont: «Das waren zwei sehr unterschiedliche Welten. Die Distanz in unseren Köpfen ist tatsächlich viel grösser als die Distanz von Mühleberg nach Bern.» Nach der Matura mit Schwerpunktfach «Englisch» und Ergänzungsfach «Geschichte» startet sie 2012 ihr Studium der Geschichte und der Sozialwissenschaften an der Universität Bern. 2014 wird sie zunächst Hilfsassistentin, dann ab 2018 Assistentin am Lehrstuhl von Prof. Adrian Vatter am Institut für Politikwissenschaft. Für ihre im Jahr 2023 abgeschlossene Dissertation «Lobbyierende Kantone: Subnationale Interessenvertretung im Schweizer Föderalismus» wurde sie mit dem Preis für Föderalismus- und Regionalforschung ausgezeichnet. Seit August 2025 forscht und lehrt Rahel Freiburghaus als Assistenzprofessorin für Schweizer und Vergleichende Politik am Institut d’études politiques an der Universität Lausanne.

Teilen Sie diesen Bereich

Beitrag:
«Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit»

Die meistgelesenen Artikel

Kontakt

Datenupload

Der einfachste Weg uns Ihre Daten zu senden!

Werbeberatung

Schritt 1 von 2