Der Seisler-Schreck

Der Seisler-Schreck

Es ist die vielleicht schönste Kulisse, die ein Schwingfest je gesehen hat. Direkt am Murtensee feuern 4000 begeisterte Zuschauende den Lokalmatadore Lario Kramer des Schwingklubs Kerzers an. Sein Auftritt? Genauso überzeugend wie jener von Michael Moser am Oberaargauischen oder am Oberländischen und von Fabien Staudenmann am Seeländischen Schwingfest. Die Sensler schickten einen nach dem anderen baden, bis Kramer und Borcard schliesslich zu den Bademeistern avancierten.

Und damit zum Seisler-Schreck. Noch nach drei Gängen führt Nicolas Baeriswyl gemeinsam mit Lario Kramer. Dicht auf den Fersen folgen Steven Moser, Leon Pellet und Dario Zbinden sowie Nicolas Sturny auf Rang drei. Der 22-jährige Silvan Zbinden kann ein wenig ausgebremst werden, indem er vor dem Mittag den Favoriten Lario Kramer serviert bekommt – und sich geschlagen geben muss.

Kramer-Festspiele

Es sollte nicht der einzige Sensler bleiben, den Kramer ausbremsen kann. Diesmal trifft es Nicolas Sturny. Auch der Tafersner unterliegt dem Eidgenossen. Kramer schwingt Gang für Gang mit einer Überzeugung, wie man sie in dieser Saison erst von Staudenmann und Moser bei ihren Kranzfestsiegen erleben durfte. Noch am Abendschwinget in Plaffeien hielt sich der Galmizer etwas verdeckt und verlor sogar einen Gang. Davon ist in Murten aber nichts mehr zu spüren. Die Entschlossenheit, mit der er jeden einzelnen Gang gewinnt, begeistert das Publikum und nötigt seinen Mitschwingern Respekt ab. Im Schlussgang steht er dem bis dato ungeschlagenen Greyerzer Johann Borcard gegenüber. Man weiss, dass der Routinier aus Estavannens clever schwingt und an guten Tagen jeden Bösen in die Bredouille bringen kann. Und heute ist so ein Tag. Aber nur, bis er mit Kramer zusammengreift. Der Eidgenosse macht mit Borcard nicht lange «Federlesis» und bodigt ihn nach nicht einmal drei Minuten. Keine Frage: Lario Kramer ist der alles überragende Mann am 101. Freiburger Kantonalen Schwingfest.

Christoph Baeriswyl

Ohne die Leistung von Borcard schmälern zu wollen, aber eine kleine Überraschung ist es schon, dass er im Schlussgang steht und nicht Christoph Baeriswyl. Der Schwinger aus St. Antoni begeistert in den ersten vier Gängen und bodigt einen nach dem anderen, darunter auch den Eidgenossen Steve Duplan im vierten Gang. Im entscheidenden fünften Gang bekommt er die Aufgabe Johann Borcard. Baeriswyl beginnt stark und ringt den Greyerzer zu Boden, einmal, zweimal, dann folgt ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, und Borcard nutzt die Chance schamlos aus. Baeriswyl geht überraschend zu Boden. Doch weil Baeriswyl den sechsten Gang erneut souverän gewinnt, belegt er am Schluss Rang zwei. Im Winter verriet der Sensler schon, dass er mit ein, zwei neuen Schwüngen in die Saison starten will. Nach dem Freiburger Kantonalen darf man feststellen: nicht nur das. Der 24-Jährige ist auch stärker als je zuvor.

Steven Moser

Hätte Steven Moser seinen sechsten Gang gewonnen, stünde er an zweiter Stelle. Doch der stark aufschwingende Sensler aus Rechthalten bekommt es zum Schluss mit dem Eidgenossen Romain Collaud zu tun. Und der ist in Form, für den Einzug in den Schlussgang fehlt nur wenig. Der Gang der beiden im Kampf um einen Spitzenplatz endet gestellt. So bleibt Moser der vierte Schlussrang.  Man muss allerdings einräumen, dass der 30-jährige Moser als Einziger im ganzen Teilnehmerfeld zwei Eidgenossen eingeteilt bekommt. Zwar bleibt er von Kramer verschont, aber mit Duplan und Collaud stellt er sich den anderen beiden Eidgenossen im Teilnehmerfeld. Sein Auftritt endet mit vier Siegen und zwei Gestellten.

Silvan Zbinden

Unmittelbar dahinter auf Rang fünf taucht schon der nächste Sensler auf: Silvan Zbinden. Ihn dürfte die Niederlage gegen Marc Gottofrey im sechsten Gang geärgert haben. Vier Siege und die Niederlage gegen Kramer bedeuten, dass ein Sieg im sechsten Gang ihn plötzlich auf Rang zwei spediert hätte. Doch der Gang gegen den 32-jährigen Routinier endet gestellt. Trotzdem: Nur wenige Tage nach seinem ersten Festsieg am Regionalschwinget in Le Mouret schwingt er sich erneut auf einen Spitzenplatz. Der Mann aus St. Silvester ist erst 22-jährig und sichert sich bereits seinen zehnten Kranz. Und legt am Jurassischen und am Walliser Kantonalschwingfest gleich die Kränze elf und zwölf nach.

Nicolas Sturny

Doch Silvan Zbinden ist nicht der einzige Sensler auf diesem fünften Rang. Auch Nicolas Sturny darf sich über diesen Spitzenplatz freuen. Grundstein des Erfolgs ist der erste Gang, in dem er den starken Marc Gottofrey stellen kann, und im dritten Gang den nicht minder starken Hugo Schläfli bodigt. Er hat diesen Rang nicht gestohlen, im Gegenteil. Der 28-jährige Landwirt aus Tafers bereitet dem frenetischen Publikum in Murten viel Freude und dem Schwingklub Sense obendrein.

Leon Pellet

Ein Augenmerk gilt es auf einen 19-Jährigen zu werfen. Leon Pellet, Sohn der Schwingerlegende Hans-Peter Pellet, macht schon in Plaffeien und in der Wislisau auf sich aufmerksam. Er bekommt reihenweise die Brocken serviert, namentlich die Eidgenossen Dominik Gasser (in Plaffeien), Severin Schwander (Wislisau), Fabian Staudenmann (Wislisau) und Lario Kramer (Murten). Obschon er – wenig überraschend – nicht gerade viele andere Schwinger überragt, sind sein Kampfgeist und seine Schnelligkeit geradezu spektakulär. Am Freiburger Kantonalen muss er sich im sechsten Gang von Thomas Stoll auf den Rücken legen lassen. Ärgerlich, denn sonst wäre er ebenfalls im Bereich von Moser, Zbinden und Sturny gelandet. So aber bleibt ihm Rang neun. Kränze gibt es aber wenig später. Es scheint, als hätte er seine Lehren aus den Brocken gezogen. Am Jurassischen Kantonalschwingfest prescht er auf Rang drei vor und wird bester Sensler noch vor Baeriswyl und Zbinden, die erneut Spitzenplatzierungen und Kränze ergattern.

Perfektes Publikum

Dass der Schwingsport am Freiburger Kantonalen hochkarätig ist, auch ohne dass Berner, Nordostschweizer oder Nordwestschweizer ins Geschehen eingreifen, das muss an dieser Stelle unterstrichen werden. Getragen von einem Publikum, das der Kulisse in Sachen Superlative in nichts nachsteht. Noch lange vor dem Schlussgang singen die Schwingfreunde im weiten Rund minutenlang «Richi» von der Stubete Gäng. Der Kanton Freiburg mag zwar noch keinen Schwingerkönig in seinen gegenwärtigen Reihen wissen – aber das verkraftet man noch eine Weile dank dem HC Fribourg-Gottéron und dessen Schweizer Meistertitel. Man darf nämlich gelassen die These in den Raum stellen, dass der Kanton Freiburg mit dem Schwarzsee-Schwinget und einem Schwingfest in Murten vielleicht die schönsten beiden Arenen des Jahres 2026 stellt. Und was den Wunsch eines Schwingerkönigs aus dem Kanton Freiburg angeht, da ist es gut möglich, dass Baeriswyl, Zbinden und Co. schon sehr bald in den Kreis der Mitfavoriten rutschen können. Doch bis es so weit ist, heisst es, weiter hart zu trainieren und erst einmal Lario Kramer zu bodigen. Denn im Jahr 2026 gilt er noch ein wenig als «Sensler Schreck».

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