Der vielleicht bekannteste Friedhof der Schweiz

Der vielleicht bekannteste Friedhof der Schweiz

Der «Alte Friedhof» in Wabern ist mit den Berühmtheiten Mani Matter und Jean Gebser verbunden. Ein Ort zum Verweilen und Nachdenken. Dies zeigte eine stündige «Hereinspaziert»-Führung des Vereins Wabern-Leist.

Das Geleut der Kirchenglocke, ergänzt von Hundegebell dringt an jenem Herbstabend durch Mark und Bein. Mächtige Wolken kündigen einen Wetterwechsel an. Davon lassen sich Wabern-Leist-Vorstand Markus Gilomen, der Könizer Gemeinderat Hansueli Pestalozzi und Iris Hergarten, Zuständige für die Friedhöfe in Wabern, kaum beirren. Sie stehen vor dem Eingang des Alten Friedhofs zusammen mit rund 16 Personen, die am Anlass «Hereinspaziert: …von Gebser bis Matter» teilnehmen.

Als musikalische Einstimmung ertönt «D Strass won i dran wohne» aus einem Bluetooth-Lautsprecher. «Zwar heisst die Führung von Gebser bis Matter, doch Matter beginnt und Gebser beendet», begrüsst Pestalozzi die Anwesenden. Danach fügt er schmunzelnd an: «Matters grosse Begabung war es, philosophische Sachen einfach auszudrücken. Gebser hingegen ist schwere Kost.»

Ein Park für Biodiversität 

Der 1939 geborene Berner Liedermacher zog im Jahre 1965 nach Wabern in die Weidenaustrasse 15, wo er die Inspiration für das obengenannte Stück fand. Zusammen mit seiner Familie lebte er hier bis zu seinem Tod 1972. Das mit Efeu stark bewachsene Haus hebt sich klar von den restlichen Fassaden ab. Die Weidenaustrasse führt direkt zum Eingang des 1948 entworfenen Friedhofs. Inzwischen hat sich einiges auf dem Gelände getan. 2019 entstand ein Spielplatz mitsamt angrenzendem Park, der sich in ferner Zukunft weiter ausbreiten soll. Dieser Prozess dauert eine Weile, weil gesetzlich eine Totenruhe von 50 Jahren gilt und manche Gräber deswegen noch nicht aufgehoben werden dürfen.

Für Pestalozzi ist es ein «Ort des Lebens». Er bezeichnet ihn dank des anfangs abgespielten Liedes als den «bekanntesten Friedhof der Schweiz». Es gäbe «kaum ein Kind, das nicht schon einmal davon gehört habe». Allerdings wurde die Persönlichkeit nicht in Wabern begraben, sondern auf dem Bremgartenfriedhof. «Es ist unklar, ob das Grab noch dort ist», merkt Hergarten an. Pestalozzi wirft die Frage in die Runde: «Ist dies ein Ort der Lebenden oder der Toten?» Schlussendlich kam ihm der Gedanke, dass dies ein Platz sowohl für die Lebenden als auch für die Biodiversität sei. Davon zeugen diverse gepflanzte Bäume und Sträucher, die von hellblau gefärbten Tischen zusammen mit Stühlen flankiert werden. Die Besucher sollen sich innerhalb dieser «kleinen Oase» erholen können.

Philosophie auf dem Fussballfeld

Im Park lassen sich einige verbliebene Grabsteine entdecken. Das laut Pestalozzi schönste Exemplar liegt am Wegrand ausserhalb eines Zaunes. Die Inschrift verweist auf Mitglieder des Geschlechts «De Quervain». Dabei handelte es sich um Hugenotten, stark verfolgte französische Reformierte, die den Fluchtweg unter anderem nach Holland sowie in die Schweiz fanden. Auch ein gewisser Francis De Quervain (1873 bis 1964) liegt hier begraben. Es handelt sich anhand der Jahresdaten jedoch nicht um den 1984 verstorbenen gleichnamigen Geologen. Pestalozzi nutzt die Namensähnlichkeit, um von den Jugenderinnerungen seines Grossonkels zu erzählen, dessen Eltern Hotelzimmer vermieteten. Ein Gast von ihnen war der Schweizer Geologe Alfred De Quervain, der zu diesem Zeitpunkt eine Polarexkursion plante, um Grönland zu durchqueren.

Nach dieser kurzen Anekdote folgt der letzte Teil der Besichtigung. In der Nähe des «Tschutti-
platzes» steht die Gedenkstelle des am 14. Mai 1973 verstorbenen Philosophen Jean Gebser. Der grosse Denker soll laut des Einwurfs eines Teilnehmers am Rand des Feldes begraben sein. Zum Kern von Gebsers Denkweise gehörte das Strukturmodell der Bewusstseinsgeschichte. Das Memorial weist auf der Front unterhalb der Lebensdaten auf das  Hauptwerk «Ursprung und Gegenwart» hin. Zitate seines Schaffens finden sich auf der rechten und hinteren Seite. Die Theorien zum «integralen Bewusstsein» beeinflussten angeblich unter anderem auch den US-amerikanischen Schriftsteller Ken Wilber und den südafrikanischen Bürgerrechtler Nelson Mandela. 

Inzwischen beginnt es, wie erwartet, zu regnen. Grund genug für die Organisatoren, um im «Schärme» zum anschliessenden Apéro einzuladen, damit nicht nur die Seele, sondern auch der Leib etwas zu verdauen habe. 

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