«Die braune Lisel kenn‘ ich ab Geläut»

«Die braune Lisel kenn‘ ich ab Geläut»

Es ist Seppli, der in der ersten Szene von Schillers «Wilhelm Tell» davon berichtet, dass er Kuh Lisel allein am Klang ihrer Glocke erkennen kann. Urs Kohler aus Neuenegg hat im Laufe seiner Militärzeit Ähnliches erlebt. Aber lesen Sie selbst die neueste Folge unserer Serie «Zufällig getroffen».

Urs Kohler, einige Angaben zu Ihren ersten Lebensjahren.
Geboren wurde ich in Zofingen AG. Aufgewachsen bin ich dann in Köniz und ging auch hier zur Schule. Zuerst in die Primarschule Buchsee, ab der 5. Klasse in die Primarschule Hessgut. Gelernt habe ich danach Installateur bei der Firma Kläger AG – existiert heute nicht mehr – und Spengler bei Ramseyer & Dilger in Bern.

Nach einem Besuch beim Berufsberater?
Tatsächlich, Sie haben es erraten. Grund dafür war, dass ich farbenblind bin, sodass meine gewünschte Tätigkeit als Elektriker nicht möglich war, weil ich die Farben der Kabel nicht erkannt hätte. Sie wissen schon, was das unter Umständen bedeutet hätte (lacht) … Das Schnuppern hat mir gefallen. Die Lehre konnte ich mit Erfolg abschliessen, danach wechselte ich zur Firma Schiess & Co. AG im Berner Murifeld-Quartier. Auch dieses Unternehmen gibt es als solches nicht mehr, es wurde übernommen. Danach habe ich 14 Jahre bei Oppliger und Söhne AG in Neuenegg gearbeitet, als Projektleiter Sanitär. Die letzten zehn Jahre war ich ebenfalls als Projektleiter Sanitär bei ENGIE in Bern tätig.

Was uns in Zusammenhang mit der Farbenblindheit interessiert: Konnten Sie Militärdienst leisten?
Ja, konnte ich. Ich wurde als Luftbeobachter eingeteilt, das war seinerzeit eine Spezialeinheit.

Hoppla … Noch nie gehört.
Historisch wurden bei den Fliegertruppen und bereits in der Frühzeit der militärischen Luftfahrt neben Piloten auch Beobachter ausgebildet. Ihre Aufgabe war die Luftaufklärung, Zielbeobachtung, Artilleriebeobachtung und das Melden von Truppenbewegungen. Daneben wurde der Begriff «Luftbeobachter» für Angehörige der Armee verwendet, die von Beobachtungsposten am Boden aus den Luftraum überwachten und Meldungen an die Luftverteidigung weitergaben. Solche Beobachtungs- und Meldedienste waren besonders vor der flächendeckenden Einführung moderner Radarsysteme wichtig. Die spätere Entwicklung der Schweizer Luftverteidigung verlagerte diese Aufgaben zunehmend auf Radar- und Führungssysteme. Der Luftbeobachter ist längst Geschichte.

Sie mussten also Flugzeuge erkennen. Auch zivile?
Nein, unsere Aufgabe war es, militärisch genutzte Maschinen zu erkennen und zu melden.

In der Schweiz waren das seinerzeit wohl …
(Lacht) Venom, Vampire, Hunter, Mirage 3S – was für ein schönes Flugzeug –, Pilatus Porter und Tiger. Bei späteren Modellen war ich ausgemustert.

Und diese Beobachtungen haben Sie mit dem Feldstecher gemacht.
Jein, nicht bloss die Schweizer Kampfjets, auch Flugzeuge aus westlicher Produktion haben wir allein an ihrem Geräusch identifizieren können.

Zu hören und zu sehen waren jedoch Mig & Co. kaum …
Nein, natürlich nicht. Filme, Fotos und Modelle haben uns für den Fall der Fälle weitergeholfen.

Jede Kampfflugzeugbeschaffung war und ist in der Schweiz ein Drama, jetzt auch in Zusammenhang mit dem F-35 von Lockheed Martin.
Weshalb das?
Es war und ist eine Frage nach den Finanzen und der Parteizugehörigkeit, dadurch verliert man die Gesamtübersicht.

Wie meinen Sie das? Was haben uns die letzten Jahre gelehrt?
Dass der Luftraum nicht mehr von Kampfjets dominiert wird, sondern von Drohnen. Das Erste, was bei einem Angriff passiert: Die Landebahnen der Flugzeuge werden unbrauchbar gemacht. Was wir meiner Meinung nach benötigen, das sind Abwehrdrohnen, und zwar schnell, keine endlosen Diskussionen um die F-35. Und die Drohnen sollten nicht «Made in USA» sein. Die Patriots-Abwehrsysteme, die bestellt, aber angeblich wegen Eigenbedarf nicht geliefert werden, sollten uns Warnung genug sein.

Hut ab. Klare Worte, wie sie aus der Politik Mangelware sind. Haben Sie Hobbys?
Sicher doch. Zusammen mit meiner Partnerin Annemarie Scheiwiller reise ich gerne. Wir kommen gerade von einer 14-tägigen Tour quer durch Korsika zurück.

Quer durch: Mit dem Auto?
Nein, mit meiner 1000er Kawasaki Versys, Annemarie auf dem Sozius. Wir geniessen diese Art der totalen Freiheit.

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