Die Sternenmacher

Die Sternenmacher

Fussball verbindet die Welt, sagte einst Nelson Mandela vor der Fussball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Den FC Sternenberg kannte er wohl zeitlebens nicht. Schade, dabei passt sein Spruch auch zum Jubilar FC Sternenberg. Wer hier Mitglied sein darf, der bleibt es oft ein Leben lang – und erzählt gerne, warum.

Spieltag. Doch das Matchblatt dieser Begegnung liest sich wie ein Querschnitt durch die Re­gion: Fabian Staudenmann, Matthias Aebischer, Nicolas Zimmermann, Lars ­Guggisberg, Sven Montgomery, Tanja ­Bauer, Thomas Binggeli … in einer Fussballmannschaft? Ja, das geht. Ein Allstar-Team des FC Sternenberg fordert Prominente aus Sport und Politik heraus, die unter dem Namen «Bern Selection» zusammengefasst sind. Es ist das Spiel der Spiele, und trotzdem geht es weder um Punkte noch um einen Pokal. Nein, es geht um etwas weitaus Wichtigeres: Kameradschaft. Gelebte Kameradschaft. Der FC Sternenberg bittet anlässlich des 60-Jahre-Jubiläums zum Tanz, und die grossen Namen der Region folgen. Kaum eine Familie im Grossraum Köniz, die nicht irgendwo mit jemandem aus dem FC Sternenberg verbandelt ist. Der Club ist beliebt und für seine Basisarbeit weitherum geschätzt. Deshalb lassen sich so viele Politikerinnen und Politiker sowie Sportlerinnen und Sportler nicht zweimal bitten und schnüren die ­Fussballschuhe.

Ein knapper Sieg dank Schützenhilfe

Für manche durchaus ein ungewohntes Schuhwerk. Doch mit diesen Schwierigkeiten werden Tanja Bauer und Fabian Staudenmann, die von der Seitenlinie aus den prominenten «Haufen» orchestrieren, gut fertig. Das Aufwärmen sieht professionell aus und besorgt die Zuschauenden im Clubhaus um die Kondition der neuen Mannschaft. Schliesslich brennt die Sonne unbarmherzig hernieder. Doch von Müdigkeit ist kurz nach Anpfiff nichts zu merken. Die Prominenten stürmen los wie Schwalben auf Mückenjagd. Erstaunlich gut formiert, mit Matthias Aebischer – für einmal eher am rechten Rand –, Lars Guggisberg hingegen deutlich am linken Rand des Spielfelds. Vor dem Tor der FC-Sternenberg-Allstars taucht immer wieder einer auf, den man eher im hinteren Teil des Spielfelds vermutet hätte: der kräftige Schwinger Nicolas Zimmermann. Nach rund vier Minuten wird auch klar, weshalb Staudenmann und Bauer den Schwinger mitten in den Sturm stellen: Wenn er schiesst, wird es für das runde Leder zu einer veritablen Belastungsprobe. Nur: Wer verteilt die Bälle immer wieder so präzise und lanciert die Angriffe? Die Gebrüder De Donno. Fussballkenner werden nun aufhorchen. Genau, es sind jene zwei Fussballprofis, die ihre Karriere auf diesem Platz beim FC Sternenberg begonnen haben und inzwischen den FC Vaduz verstärken, der in der kommenden Saison wieder in der Super League spielt. Schnell spielt sich Bern Selection dank aufopferndem Einsatz und einer perfekten Schaltzentrale im Mittelfeld eine komfortable Führung heraus. Die wenig später ins Wanken gerät. Denn die Allstars des FC Sternenberg sind erfahrene Männer und erschrecken nicht so schnell. Je länger das Spiel dauert, desto enger schnüren sie das prominente Ensemble ein. Schlussmann Reto Zbinden hat zwar mit Cap dafür gesorgt, dass ihn die Sonne nicht so blendet, muss nun aber trotzdem das eine oder andere Mal hinter sich greifen. Doch Bern Selection lässt sich nicht einschüchtern. Wacker läuft Zimmermann auch in der zweiten Hälfte an und zeigt Konditionsstärke. Es braucht zwar einen zweiten Anlauf, aber dann hämmert er den Ball zur neuerlichen Führung in die Maschen. Wenig später folgt der Schlusspfiff. 4:3. Ein knapper Sieg für Bern Selection, aber auch nur, weil sie sich mit den Gebrüdern De Donno eine Hilfe organisiert haben, die genauso gut auf der anderen Seite hätte spielen können. Im Clubhaus ist das Resultat Nebensache, Hauptsache ist, dass die wackeren Kämpferinnen und Kämpfer beider Seiten sich nach dem Spiel unter die Menschen mischen und mitfeiern.

Anekdoten, die verbinden

Die Schlatt-Arena macht wieder Platz für die ordentlichen Ligaspiele, doch in der Bar und im Clubhaus ist man bereits in Feierlaune. Mitten unter allen der wohl wichtigste Ehrengast weit und breit: Hartmann Jäger. Vor 60 Jahren hat er zusammen mit Gleichgesinnten den FC Sternenberg mitbegründet. Ganz nebenbei, denn er war jahrzehntelang der beliebte Bäcker in Oberscherli. Immer wieder muss er seine Sätze unterbrechen, weil kaum eine Minute vergeht, ohne dass jemand Halt macht und ihn begrüsst. Sein freundliches Gesicht strahlt weit über die Festbänke hinaus. Nicht wegen der Anekdoten von einst, sondern weil er jene Kameradschaft, die es einst möglich gemacht hat, mitten in der Natur eine Fussballarena aus dem Boden zu stampfen, noch heute vorfindet. Inzwischen dunkelt es langsam ein, und wie es sich für dieses Jubiläum gehört, leuchten die Sterne am Firmament heute auch ein wenig zu Ehren des FC Sternenberg. Seit 1966.

Das Clubgeheimnis

Bliebe noch das Geheimnis zu lüften, weshalb der FC Sternenberg einen derartigen Kitt untereinander hat. Eine Spurensuche, die sich so einfach gestaltet wie das Binden der Fussballschuhe. Hier die junge Teenager-Fussballerin, die bei YB spielen könnte und es doch nicht tun möchte, weil der Zusammenhalt im Team so besonders sei. Dort der grauhaarige Festbesucher, der seine jahrzehntelange Mitgliedschaft damit begründet, dass der FC Sternenberg wie eine grosse Familie funktioniere. Und hinten am Tresen stehen Präsident Markus Schlatter sowie Sportleiter Peter Rieder, die vorleben, was soeben gesagt wurde: für jede und jeden ein freundliches Wort, ein witziger Spruch und jede Menge Gastfreundschaft. Schlatter blickt immer wieder auf die Seitenlinie des Fussballplatzes. Mit gutem Grund, denn während die Mannschaften auf dem Spielfeld um Meisterschaftspunkte kämpfen, üben sich Dreikäsehochs am Spielfeldrand fleissig mit. Wie sagte es der ältere Herr doch gerade kurz zuvor: wie eine grosse Familie. Nun mag man behaupten, dass auch andere Clubs diese Eigenschaften ihr Eigen nennen können, wohl wahr. Aber das Besondere am FC Sternenberg ist, dass es nirgends geschrieben steht. Man beschwört keine Werte, sie stehen nirgends in grossen Lettern. Nein, sie leben immer dann, wenn Sternenbergler zusammenkommen – auf solch verständliche und natürliche Art und Weise, dass es mal jemand niederschreiben muss.

Die Sache mit den Sternen

Der Club mag Sternenberg heissen, weil der gleichnamige Burghügel bei der Scherliau dazu gedient haben mochte, doch bei einem 60-Jahre-Jubiläum darf man dem Namen aus Zeitungssicht vielleicht eine weitere Bedeutung angedeihen lassen: ein Wegweiser, eine Orientierungshilfe, ein Fixpunkt. Dienten die Sterne seit jeher auf offenem Meer und in fremden Gefilden der Orientierung, bleibt diese Symbolik bis heute erhalten. Und passt zum FC Sternenberg wie ein Ball, der im gegnerischen Netz zappelt. Für wie viele Jugendliche mag der FC Sternenberg wohl schon zu einer Orientierungshilfe abseits von Bildschirmen und der eigenen Familie geworden sein? Als erster Schritt in das eigene Leben? Für viele schwere Momente einzelner Vereinsmitglieder mag die gelebte Kameradschaft im Club schon zum wichtigen Fixpunkt geworden sein? Und um noch eine Flanke zu schlagen: Als manche regionale Fussballclubs beim Mädchenfussball noch die Nase rümpften, stellte der FC Sternenberg ein Team auf und lud zum Training ein. Die Zahl der Mädchen wuchs von Einheit zu Einheit – lange bevor Frauenfussball «Mode» wurde und zu einem gut geführten Club gehören musste. Das war und ist wegweisend für eine ganze Region. Wenn also seit 60 Jahren die Menschen in die Schlatt-Arena pilgern, um den FC Sternenberg zu unterstützen, dann muss man hierzulande nicht nach den Sternen greifen, sondern feststellen: Einer brennt im Schlatt – für ehrliche und gelebte Kameradschaft.

Solcherlei Gedanken mögen an den Feierlichkeiten selbst aber keinerlei Rolle spielen, denn statt endlosen Reden und langatmigen Zeremonien hat der FC Sternenberg für sein 60-Jahre-Jubiläum ganz einfach ein Fest gemacht, das von seinen Menschen lebt. Von jung bis alt. Ohne grosses Aufsehen, dafür mit umso mehr Herz. Die Mitglieder des FC Sternenberg, sie sind die Sternenmacher der Region.

Fokus auf Nachwuchs
Während drei Jahren fehlte dem FC Sternenberg ein Präsidium. Nach dieser Vakanz und der überstandenen Pandemiezeit schaut der Verein unter Präsident Markus Schlatter wieder nach vorne. «Wir sind stolz auf unsere Juniorenbewegung», erwähnt Schlatter einen der aktuell wichtigsten Pfeiler des Clubs. «Wir haben sowohl bei den ‹Modi› wie auch bei den ‹Giele› eine grosse Breite hinbekommen.» Die Verantwortlichen setzen auch langfristig auf den Nachwuchs: «Wir wollen allen, die aus dem Juniorenalter kommen, die Chance bieten, in einem Aktivteam weiterzuspielen.»

Gesucht: Trainerin/Trainer
Doch gibt es genügend Trainerinnen und Trainer für all die jungen Spielenden? «Das ist eine der grössten Herausforderungen», gibt Schlatter zu. «Aber es geht fast allen Clubs so», ergänzt er. Der Vorstand macht sich regelmässig Gedanken darüber, wie der Club die ehrenamtlich wirkenden Juniorentrainer besser unterstützen kann. Bereits heute rüstet er sie mit Material aus, z. B. mit einheitlichen Trainingsjacken. Angedacht ist zudem eine Pool-Lösung: «Das ist aber nicht von heute auf morgen umzusetzen.»

Herausforderung Infrastruktur
Wo viele Teams kicken, braucht es genügend Garderoben und Trainingsmöglichkeiten – auch dies eine Herausforderung bei vielen Sportvereinen. «Wir möchten aufgrund der Vereinsentwicklung mit unserer Infrastruktur nachziehen können», bestätigt der Präsident. Ein Kunstrasen und eine Erweiterung der Garderoben wären wünschenswert. Diese können Buben und Mädchen bzw. Herren und Damen nämlich nicht gleichzeitig benutzen, da es nur einen Duschtrakt gibt. Markus Schlatter weiss, dass solche Projekte Zeit brauchen, und rechnet mit einem Zeithorizont von bis zu zehn Jahren

Neu zwei 4.-Liga-Teams
Und sportlich? Mitte Juni ist klar: Die 1. Mannschaft steigt in die 4. Liga ab. Unter der neuen Betreuung von Trainer Fabian Schmid und Assistent Bruno Binggeli wird der direkte Wiederaufstieg angestrebt. Das 2. Aktivteam schaffte den Ligaerhalt in der 4. Liga; die Trainer Nils Bernhard und Raphael Barbier führen ihre Arbeit weiter. Langfristig will der FCS die beiden Teams in der 3. und 4. Liga etablieren. «Wir möchten das, was wir heute haben, nachhaltig sichern und weiterentwickeln», erklärt Markus Schlatter.

Salome Guida

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