Der Wankdorf-Held

Der Wankdorf-Held

Fünf Gänge, fünf Siege. Nur Fabian Staudenmann und Werner Schlegel gelingt dieses Kunststück. Doch schon vor dem Schlussgang dieser beiden Bösesten im weiten Rund ranken sich vor 27'000 Zuschauerinnen und Zuschauern unzählige Geschichten. Jene vom chancenlosen Schwingerkönig, jene zweier wahrhaftiger Überraschungsmänner und die aufreibende Jagd der Schwarzenburger nach den Kränzen.

Fünf Schwinger aus dem Schwingklub Schwarzenburg haben nach dem fünften Gang Chancen auf den begehrten Kranz, respektive dem zweiten Sternchen neben dem Namen. Vorneweg Fabian Staudenmann, der mit seinem fünften Sieg, jenem gegen Sandro Galli, das Ticket für den Schlussgang löst. Um seine Klubkollegen auf der Rangliste zu finden, muss man bis auf Rang 9 schauen. Dann aber lauert ein ganzes «Knäuel» mit Chancen auf den Kranz: Tobias Lauper, Lukas Renfer, Nicolas Zimmermann, Joel Zimmermann und Michael Ledermann. Sie alle trennt nur ein halber Punkt. Für alle fünf gilt: Mit einem Sieg im sechsten Gang ist der Kranz so gut wie sicher.

Harte Einteilung
Die letzten Treichelklänge der Oberbalmer sind gerade am Schluss des Festakts verklungen, als die Paarungen für den sechsten und letzten Gang erscheinen. Dem Einteilungsgericht ist nicht entgangen, dass die Schwarzenburger gleich reihenweise «kranzen» könnten. Allesamt bekommen sie regelrechte Brocken serviert.
Den Anfang macht Tobias Lauper. Sein Gegner: der Eidgenosse Patrick Schenk. Der Routinier spielt seine Erfahrung gekonnt aus und weist den jungen Oberbalmer in die Schranken. Doch mit 19 Jahren ist Laupers Schwingerkarriere noch jung, und der Weg wird für einen solch engagierten Schwinger noch viele schöne Momente bereithalten.

Der Nächste, bitte. Lukas Renfer bekommt es ebenfalls mit einem Eidgenossen zu tun: Adrian Klossner. Renfer ist mit seinen bald 30 Jahren erfahren genug, um den Eidgenossen unter Druck zu setzen. Was heisst hier unter Druck? Er bodigt Adrian Klossner souverän. Der Kranz ist ihm sicher. Eine Leistung, die noch mehr Respekt verdient, wenn man bedenkt, dass Renfer erst seit Kurzem wieder genesen ist und mitschwingen kann. In diesem sechsten Gang geht es Schlag auf Schlag. Bereits schwingt Joel Zimmermann. Der 19-jährige Milkener könnte seinen ersten Kranz ergattern – und das erst noch am Bernisch-Kantonalen. Was wäre das für eine Geschichte. Sein Gegner heisst aber Sandro Galli, und der hat selbst die Möglichkeit auf einen Spitzenrang, nachdem er einen Eidgenossen gestellt und einen weiteren gebodigt hat. Der vermeintliche Unterschied ist kaum sichtbar. Zimmermann macht seine Sache ausgezeichnet. Dennoch kippt das Momentum auf Gallis Seite. Die grosse Überraschung bleibt aus. Wie bei Lauper gilt auch für Zimmermann: Es liegen noch viele Jahre vor ihm, und die Erfolge werden kommen, wenn er so weiterschwingt. Bereits greift der andere Zimmermann ein. Nicolas Zimmermann muss mit einem der grossen Aufsteiger der Saison zusammengreifen: Remo Rutsch. Beide brauchen den Sieg, um den Kranz zu ergattern. Plötzlich ein Angriff, Rutsch geht zu Boden, doch Zimmermann verliert im dümmsten Moment den Griff. Er sah schon wie der sichere Sieger aus. Die Chance ist vorbei, die Zeit zerrinnt. Es gibt einen spektakulären Gestellten. Die Note 9 als Belohnung für einen guten Kampf reicht nicht aus. Nach einer bisher gelungenen Saison verpasst Nicolas Zimmermann im Wankdorf den Kranz, obwohl er keinen einzigen Kampf verliert. Machbar scheint da die Aufgabe von Michael Ledermann gegen Valentin Steffen. Aber Ledermann kehrt aus einer Verletzung zurück. Am Vormittag war die Vorsicht noch ein wenig sichtbar. Doch je länger das Fest dauert, desto stärker wird Ledermann. Und je länger der sechste Gang dauert, desto gefährlicher werden seine Angriffe, bis er schliesslich seinen Widersacher zehnert und sich den Kranz sichert.

Staudenmann-Stimmung
Es wäre frech gewesen, davon zu träumen, dass gleich fünf Schwarzenburger in die Kränze kommen. Denn schon mit drei Kränzen steht der Klub am erfolgreichsten da. Kein anderer Schwingklub hat dies geschafft. Mit der einheimischen Sonnenbrille auf der Nase ist es zudem nur Fabian Staudenmann zu verdanken, dass der Ostschweizer Wirbelwind Werner Schlegel nicht den ganzen Kanton Bern umlegt. Was hat dieser Kerl für ein Notenblatt: Er bodigt mit Michael Moser, Mathieu Burger, Matthias Aeschbacher und Adrian Walther gleich vier namhafte Eidgenossen. Wer soll diesen Mann noch stoppen können? Eine Chance hat der Kanton Bern noch. Eine letzte Bastion kann den gestohlenen Sieg eines Ostschweizers in Bern noch verhindern: Fabian Staudenmann. Willkommen im Schlussgang.

«Fäbu, Fäbu», rufen die Zuschauenden immer wieder, fast das ganze Wankdorf steht hinter ihm. Die Rufe hallen auch nach mehreren Minuten noch frenetisch durch das weite Rund. Es ist ein Kampf auf Messers Schneide, und je länger er dauert, desto mehr wird es ein Ermüdungskampf. Eine Minute noch. Sekunden, die für Staudenmann laufen, denn ein Gestellter reicht ihm zum Festsieg. Dann endlich das erlösende Zeichen des Kampfrichters. Staudenmann gewinnt das Bernisch-Kantonale Schwingfest als einziger Berner, den Schlegel nicht auf den Rücken zwingt. Das Wankdorf bebt, die Zuschauerinnen und Zuschauer erheben sich von den Sitzen. «Ein ganz besonderer Moment. Das hier ist ein Heimfest, und in diesem tollen Stadion zu gewinnen, ist unbeschreiblich», sagt Staudenmann wenige Minuten nach dem Festsieg. Hat er diese unglaubliche Stimmung wahrgenommen? «Ja, heute schon. Meistens sage ich nein, doch heute, das hier, das habe ich wahrgenommen.» Eine Woche nachdem die Nordostschweizer ihm ein ähnlich hartes Notenblatt beschert haben, wie die Berner Werner Schlegel im Wankdorf, wirkt dieses Duell im Moment wie eine Art nationaler Schlussgang der vielleicht momentan zwei stärksten Schwinger des Landes. Bei Weitem keine Behauptung, aber eine stille kleine Annahme mit der nach wie vor einheimischen Sonnenbrille.

Königsehren einmal anders
Dabei war vor dem Fest der Favoritenkreis deutlich breiter angelegt. Nebst dem bernischen Mitfavoriten Michael Moser reisten auch Schwingerkönig Armon Orlik oder der Nordwestschweizer Sinisha Lüscher an, um nur einige zu nennen. Doch die Gäste Lüscher und Schwingerkönig Orlik erwischen einen rabenschwarzen Tag. Lüscher verliert gegen Staudenmann und den erst 17-jährigen Adrian Scheuner. Orlik verliert gegen den anderen Scheuner, Bruder David, gegen Michael Moser und David Lüthi. Ausreden oder körperliche Schmerzen lässt der König nicht gelten. Er steht zu seinem schlechten Tag und unterstützt seinen Verbandskollegen Schlegel. Auch das ist eine Art, königlich vorbildlich zu sein. Doch nochmals zurück zu den Namen Scheuner und Lüthi. Wer sind diese Schwinger, die Favoriten ins Wankdorfer Sägemehl legen? Es sind die Überraschungsmänner des Fests, wobei eine genauere Betrachtung der bisherigen Saison verrät, dass diese Leistungen nicht aus dem Nichts kommen. Am Regionalfest in Laupen gewinnt der Münsinger David Lüthi das Fest, und er hat in dieser Saison schon vier Kränze gesammelt. Der 24-Jährige wäre nach vier Gängen und vier Siegen noch um ein Haar im Schlussgang gestanden, ehe Michael Moser ihn ausbremste. Ein Name, den man sich spätestens nach seinem Auftritt im Wankdorf merken muss. Und genau in diese Kategorie passen auch die Scheuners. David hat gleich vier Eidgenossen auf dem Notenblatt und bodigt zwei davon. Beide Brüder kranzen und holen sich den zweiten Stern. Für Severin Schwander fehlt wenig, um den begehrten Kranz zu ergattern. Schwanders Aufholjagd beginnt nach einer Niederlage und einem Gestellten etwas zu spät.

Das Bernisch-Kantonale Schwingfest endet mit einem Berner Sieger, mit einem Mann aus dem Schwingklub Schwarzenburg, mit einem Guggisberger, der nur eine Velofahrt vom Stadion entfernt wohnt. Es ist ja Sommer, und da darf man die einheimische Sonnenbrille auflassen. Deshalb sei hier geschrieben: Fabian Staudenmann gewinnt erneut ein historisches Fest. Diesmal eines in einem Fussballstadion. Er ist einer der grössten Schwinger der Gegenwart. Und an diesem denkwürdigen Schwingfest der Einzige, der einen Gästesieg verhindern konnte. Wenn es schon aus diskutablen Gründen nicht für den Königstitel im Jahr 2025 gereicht hat, so gereicht ihm nun ein neuer Titel zu Ruhm und Ehre: Fabian Staudenmann ist der Wankdorf-Held.

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