Frust, Ratlosigkeit und Ernüchterung

Frust, Ratlosigkeit und Ernüchterung

Eine Protestaktion von Landwirten schlug kleine Wellen. Dahinter stecken jedoch grosse Nöte. Ob sie erkannt werden, bevor eine Flut droht – oder Ebbe? Ein Besuch vor Ort zeigt, wie gross der Druck für viele ist.

Es ist ein kalter Januarmorgen. Auf diesem Feld am Rand von Kehrsatz liegt noch Schnee, doch der Boden ist vom Regen aufgeweicht. Nun scheint die Sonne, in der Feuerschale züngeln Flammen und im Küchenwagen heizt ein Mann den Ofen ein. Herzlich begrüsst er die Besucherin, bietet Kaffee oder Punsch an. In der Zeitung möchte er anonym bleiben; er nennt sich Wilhelm Tell. Während die namensgebende Figur gegen die Obrigkeit kämpfte, fühlt sich der Wilhelm Tell auf diesem Feld von Politik und Behörden nicht gesehen und gehört. Anstatt stumm zu leiden, wollte er etwas unternehmen. Und rief, kurz entschlossen, zu einer Aktion auf dem Bundesplatz auf. Eine Woche lang wollte er sich dort eigentlich mit Mitstreitenden einrichten, um sich untereinander auszutauschen und mögliche Lösungsansätze zu finden.

«Es ist nicht korrekt»
Geklappt hat nun Plan B: zwei Wagen in der Agglomeration, mit einigen Tischen und Bänken. «Die letzten Jahre hatte ich oft 80-Stunden-Wochen», sprudelt es aus ihm heraus. Auf dem elterlichen Hof mit konventionellem Ackerbau aufgewachsen, musste er vor 15 Jahren den Konkurs der Eltern miterleben. «Seit dann suchte ich immer die Fehler, die sie gemacht haben müssen. Aber ich finde keine», konstatiert er. Heute bewirtschaftet er zusammen mit seiner Frau vier Hektar Pachtland und 10 Hektar Weiden im Raum Zürich. «Wir machen das, was vom Konsumenten doch immer gewünscht wird», sagt er und zählt auf: Demeter-Gemüse aus Permakultur, dreimal pro Woche ist er auf dem Markt, einen Tag pro Woche dürfen Freiwillige auf dem Hof mithelfen, «auch Leute, die Begleitung und Tagesstruktur brauchen». Schulklassen und Vereine besuchen den Hof. Doch auch so resultiert kein Gewinn. «Letztes Jahr konnte ich mir keinen Lohn auszahlen.» So etwas treibe einen in die Depression. Wilhelm Tell verweist auf die Statistik: 15 Suizide unter Landwirten in der Schweiz pro Jahr, 25 bis 30 tödliche Arbeitsunfälle. «Vieles davon wäre zu vermeiden», davon ist er überzeugt. «Es ist nicht korrekt, dass sie nicht handeln.» Dazu komme, zeigt er auf, der Verlust an Selbstversorgung und die vielen aufgegebenen Betriebe. Zu schaffen machen ihm Entscheide von Politik und Verwaltung. Vorschriften, die sich immer wieder ändern, bürokratische Hürden, Zolldeals oder die Art, wie Direktzahlungen vergeben werden.

«Man arbeitet und arbeitet»
Bald stapfen die ersten Besuchenden über das matschige Feld auf das Lager zu. Unter ihnen sind etwa Hansruedi und Dora Stöckli aus Höfen. Sie erzählen von ihren Biodiversitätsflächen, denen sie seit 25 Jahren Sorge tragen. Doch aufgrund der Vorschriften dürfe man dort heutzutage weder Gülle noch Mist austragen: «Der Boden verarmt. Das Gras wächst nicht mehr hoch genug, die Rehe setzen ihre Kitze nicht mehr.» Es ist ein kleines Beispiel von vielen, die Ernüchterung auslösen. «Warum haben die Kontrolleure keinen Spielraum?», fragt er. Viel sinnvoller fände er Zielvorgaben. Auch Lea und André Kohli aus Guggisberg sind an diesem Vormittag angereist. Die Kinder sind in der Schule, am Mittag wird die Grossmutter einspringen. Sonst wäre es kaum möglich gewesen, an solch einer Aktion teilzunehmen. Sie erzählen von den Milchpreisen, von der finanziellen Belastung. «Man arbeitet und arbeitet», sagen sie. Viel schaut dennoch nicht heraus.

Petition überreicht
Später, am Nachmittag, können sie nicht mehr dabei sein – der Stall ruft. Wohl auch deshalb folgt nicht viel mehr als eine Handvoll Leute Wilhelm Tell und seinem aus Dagmarsellen angereisten Mitstreiter Roman Hodel auf dem Fussweg von Kehrsatz ins Liebefeld zum Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Hodel, bekannt als Mitorganisator der Traktor-Mahnwachen, ist Silomilchproduzent. «Es ist doch bemerkenswert, dass so einer wie ich mit einem Kleinbauer zusammenspannt», sagt er. Rund 30’000 Menschen haben innerhalb von knapp drei Tagen die Online-Petition von Wilhelm Tell unterschrieben. Bessere Produktionsbedingungen für landwirtschaftliche Betriebe fordert diese, Grenzschutz, gerechte Entschädigung und Abbau von administrativen Belastungen. Alphornklänge verhallen zwischen BLW und BAG, einige Polizisten in Vollmontur beobachten im Hintergrund die Aktion. Eine Vertreterin und ein Vertreter des BLW erhalten eine Kiste mit Quitten, dazu ein Couvert mit den Forderungen und Unterschriften. «Wir nehmen das gern entgegen», sagen sie, hören kurz zu und verschwinden wieder im Gebäude. Zurück bleiben Wilhelm Tell und seine Unterstützenden. Tags darauf werden sie auf dem Bahnhofplatz in Bern Gemüse und Früchte verteilen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Und danach das Camp wieder abbrechen – die Arbeit ruft. Mit seinem letzten Geld habe er eine Vertretung für diese Woche angestellt, sagt Tell. Ein bis zwei Jahre gibt er seinem Betrieb noch, wenn sich nichts ändert. Er sei froh, dass er diese Aktion machen konnte. So müsse er sich wenigstens später nie vorwerfen, er sei untätig geblieben.

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