Wer kennt sie nicht, die «Heitere Fahne», das «inklusive Kulturhaus» mit Beiz am Fuss der Gurtenbahn in Wabern? Während man hier am Mittwochabend gut dinieren und am Sonntagmorgen gut brunchen kann, stellen ein Kernteam aus rund 25 Menschen und 100 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern in 200’000 Stunden freiwilliger Arbeit jede Saison ein buntes Kultur-Programm auf die Beine – Hand in Hand mit Migranten, Menschen mit Behinderungen und Menschen mit psychischen Herausforderungen. Nun meldet sich die «Heitere Fahne» aus dem «heiteren Winterschlaf» in das 6. Jahr des Kulturhauses zurück: mit dem spannenden Jahresmotto «Futura Fantastica – Wie wollen wir gelebt haben?» und vielen interessanten Programmpunkten rund um diese Leitfrage.
Ein Flirt mit dem Denken
«Wie müssen wir uns heute verhalten, wenn wir Alternativen zu vorherrschenden Gesetzmässigkeiten schaffen wollen?», fasst Olivier Eicher, «Captain Finance» der «Heiteren Fahne», das Thema des Programms zusammen.
Anstelle der kollektiven Krisenstimmung und individuellen Vereinsamung möchten die Verantwortlichen der «Heiteren Fahne» zum Denken in Alternativen, Leben gemeinschaftlicher Entwürfe und utopischen Bemühen anregen. Wie können wir die Zukunft mitgestalten? Und wie wollen wir gelebt haben? «Es gibt so viel!», sagt Eicher. Denn viele Menschen würden etwas machen, seien aber nicht vernetzt. Deshalb wurde die neue Saison Mitte Februar mit einem geselligen Abend mit «Ideencafé» eröffnet, an dem man ungezwungen über alternative Lebensentwürfe ins Gespräch kommen konnte.
Buntes Programm
Das Konzert «Kap Druhad» am 1. März bietet einen eigenwilligen und interessanten «Folk imaginaire» von rhythmischer Dichte und Lebendigkeit, Klangmomente zum «Hinlegen und Hingeben». Auch der Kulturbasar am
2. März hebt sich ab, denn «auf Augenhöhe» mit den teilnehmenden Migranten verwandelt sich die Kulturbeiz in einen Tummelplatz für Musik, Theater, Kreatives und Kulinarisches aus aller Welt. Neue Impulse setzt dabei auch das Gastspiel «Eroica» am 8. und 9. März, eine Inszenierung der 3. Symphonie Ludwig von Beethoven, zu der ein zwanzigköpfiger «Bewegungschor» älterer Menschen stellvertretend das «gelebte Leben» visualisiert. Wer dagegen lieber Balfolk, Volkstanz, Balkan, Klezmer, Walzer, Tango und Milonga mag, sollte am 23. oder 24. März zur «Heiteren Stubete» kommen, denn hier musizieren sich Laien und Profis zusammen einmal durch Europa. Musikalisch in der Extraklasse geht es am 29. März weiter. Shirley Grimes verzaubert mit ihrem neuen Album «Hold On», Frühlingsgefühl für Liebhaber von Folklore.
Um aber das Phänomen «Heitere Fahne» zu verstehen, kommt man am besten zum «Herzblatt-Café» am 30. März, ein Flirtcoaching für Menschen mit geistiger Behinderung, oder zur anschliessenden «Herzblatt-Show», bei der alle Singles und Suchenden vielleicht ihren nächsten Partner treffen können. Weiterhin geben wird es die bewährte «Sommer-Pizza» und den «Winter-Feuertopf» am Mittwochabend, den Sonntagsbrunch, Tagungen und Workshops am Montag, Dienstag und Donnerstag, den «Steilen Freitag» mit Gastro und Kultur und dreimal pro Woche den Mittagstisch für Schulkinder aus Köniz.
«Hauptsache, das Programm ist lebensbejahend», findet Oliver Eicher. Die «Heitere Fahne» ist für ihn ein «Platz für Menschen, die sonst keinen Platz haben», aber gleichzeitig ein Ort, der «für alle etwas bietet».
Mehr Unterstützung
durch die Gemeinde?
Umso schöner, dass das Kulturlokal seit dem letzten Jahr seinen festen Platz im Budget von Köniz gefunden hat. «Wir sehen dies als grosses Zeichen der Wertschätzung für unsere Arbeit», freut sich Eicher. Das Geld wird dringend gebraucht für die vielen Aktivitäten der «Heiteren Fahne», die mit viel Herzblut organisiert werden und dabei einen gesellschaftlichen und sozialen Auftrag wahrnehmen. Noch immer wird 80% der Arbeit ehrenamtlich geleistet und die hauptamtlich Beschäftigten beziehen nur ein minimales Gehalt von im Schnitt 1750 Franken brutto pro Monat. War es zuvor so, dass die Gemeinde Köniz jeweils einzelne Projekte finanziell gefördert hat, wird die «Heitere Fahne» ab 2019 mit einem fixen Programmbeitrag von 35’000 Franken unterstützt. Dies hat das Könizer Parlament in einer hitzigen Debatte im letzten Sommer beschlossen. Gleichzeitig wurde aber die indirekte Unterstützung gestrichen, vor allem die Finanzierung der auftretenden Theatergruppen. Finanziell hat sich für das «inklusive Kulturhaus» damit letztendlich nicht viel geändert, die Unterstützung der Gemeinde Köniz wurde lediglich verschoben. «Das Geld ist gut», sagt dazu der Finanzchef der «Heiteren Fahne», wünscht sich jedoch, dass Gastspiele weiterhin unterstützt werden können. «Die Standortgemeinde, Köniz, ist für alle Kulturschaffenden und sozialen Projekte massgeblich – so auch für das Überleben der ‹Heiteren Fahne›», sagt er.