«Wir sind seit 68 Jahren verheiratet.» – «Nein, seit 58 Jahren.» Es ist eines der wenigen Male im Verlauf des Gesprächs, in denen Willy Leuenberger kurz nachdenken oder von seiner Frau korrigiert werden muss.
Früher Verlust, geliebte Berge
Ansonsten sind seine Erinnerungen messerscharf. Die Kindheit in Derendingen, der Tod des Vaters, den er als 11-Jähriger am Sterbebett stehend miterlebt, die Ferienkolonie Heustrich, wie die Mutter sich und die vier Kinder über Wasser hält. Der 2. Weltkrieg – «es gab nicht mehr so viele Teigwaren, aber die Kartoffeln waren nicht rationiert, Hunger litten wir nie» – die RS in Liestal, der Aktivdienst in der Innerschweiz, die Velofahrten zum Luftschutzkeller bei Fliegeralarm, wenn die Amerikaner ihre Bomben nach Mailand flogen. Nach dem Krieg legt die Lehre als Elektriker in einer Uhrenfabrik den Grundstein für die berufliche Karriere. Den jungen Willy Leuenberger zieht es in die Höhe, anfänglich in den Jura, später ins Berner Oberland. Wach ist die Erinnerung an die Ohrfeige eines Hüttenwarts, weil er ohne Begleitung unterwegs war. In die Berge fährt er übrigens auch mit seinem Bruder: am Samstagmorgen, mit dem Velo, vom Solothurnischen ins Berner Oberland, um Osterglocken oder Narzissen zu suchen und den Strauss anschliessend der Mutter heimzubringen. Erst mit 85 beging er seine letzte Hochgebirgstour.
«Ich wurde so alt dank ihr»
«Ich fühle mich eigentlich nicht älter als 70, höchstens 80», sagt der Hundertjährige wenige Tage nach dem 31. Dezember, seinem Geburtstag. Am Silvestermorgen erhielt er Besuch von Staatsratspräsident Jean-François Steiert, samt Weibel, und von Gemeinderätin Diana Schmutz. Er sei der 21. Hundertjährige in diesem Jahr im Kanton Freiburg, erzählte Steiert, und sei dabei als Mann und als noch zu Hause Wohnender gleich doppelt eine Seltenheit. Staatswein, Gutscheine der Ueberstorfer Metzgerei und Bäckerei und einen Ausdruck der Freiburger Nachrichten vom 31. Dezember 1925 erhielt der Jubilar überreicht, zudem einen vom Staatsratspräsidenten selbst produzierten Likör aus schwarzen Johannisbeeren, «nach Grossvaters Rezept». «Man braucht eine gute Frau wie Marianne, um hundert zu werden», hält Diana Schmutz fest. Willy Leuenberger bestätigt dies: «Ich wurde so alt dank ihr.»
Familienbetrieb
Marianne Leuenberger, nach einer dramatischen Flucht im 2. Weltkrieg als Baby dem Tod entkommen, bediente Willy als 20-jährige Serviceangestellte in einem Solothurner Restaurant – so lernten sie sich kennen. «Die Funken sprühten nur so», erzählt sie und zeigt ein Foto von ihnen als jungem Paar. Die Liebe zueinander ist auch 60 Jahre später gut spürbar. Es ist die zweite Ehe für Leuenberger. Nach der Tochter aus der ersten Beziehung komplettieren die Söhne Willy und Daniel die Familie. Des Baulands wegen ziehen sie nach Ueberstorf ins Guldifeld. Nach vielen Jahren in leitender Funktion auf Baustellen in der ganzen Schweiz – Bruderholzspital, Tivoli, Grimsel – wechselt er in den Betrieb seines Bruders, bevor er sich 1978, angestossen durch seine Frau, selbständig macht. Was am heimischen Küchentisch beginnt – wenn die Buben schlafen, bauen die Eheleute gemeinsam Schalttableaus bis in die Nacht hinein – wird bald erfolgreich. Die Garage wird zu klein, Jahre später auch die extra erstellte Werkstatt nebenan. Heute führen die beiden Söhne die Lescom AG, Vater Willy arbeitete im Betrieb, bis er 91 war. Einige Jahre davor übersteht er eine Darmkrebserkrankung.
Noch viel zu erledigen
Dass Marianne Leuenberger zwanzig Jahre jünger ist als ihr Mann, habe ihn jung gehalten: «Man will nicht, dass man älter wirkt, will mithalten.» Auch heute sorgt sie dafür, dass er sich genug bewegt. 16 Stunden pro Tag schläft er inzwischen, in den wachen Stunden liest er Zeitung, schaut fern. Er ist interessiert und informiert, sei es in der Politik oder im Sport – dort vor allem Wrestling. Dass seine Geschwister und Freunde in den letzten Jahrzehnten alle gestorben sind, macht ihm zu schaffen. «Bei jedem, der geht, wird es trauriger.» Wie gern würde er seinen Bruder manchmal noch etwas fragen. «Ich denke überhaupt nie ans Sterben», sagt er. Jeden Abend dankt das Ehepaar im Gebet, dass sie noch da und beieinander sein können. Natürlich sei er sich dessen bewusst, dass er in seinem Alter jederzeit einschlafen und nicht mehr erwachen könnte. «Aber», merkt Willy Leuenberger an, «ich denke dann jeweils, dass ich ja am nächsten Tag noch dieses und jenes zu erledigen habe. Darum muss ich ja wieder erwachen.»