Es gibt viele Theorien darüber, was den Menschen veredelt: Bildung, Reisen, Yoga um sechs Uhr morgens. Doch Kenner wissen: Ein Glas Wein hat oft denselben Effekt – nur mit deutlich besserem Geschmack.
Weingenuss ist gewissermassen flüssige Charakterbildung. Wer ein Glas einschenkt, wird automatisch langsamer. Niemand kippt einen Bordeaux wie einen Energydrink. Man riecht, man schwenkt, man nickt bedeutungsvoll. Plötzlich spricht man in ganzen Sätzen und sagt Dinge wie «leichte Vanillenote» oder «schöne Länge». Schon ist man ein bisschen kultivierter als fünf Minuten zuvor.
Wein macht ausserdem sozialverträglich. Beim Bier grölt man, beim Wein diskutiert man. Ein britischer General schrieb einst in sein Tagebuch, als er auf dem Feld in Kolonialzeiten im heutigen Kanada auf die Franzosen wartete und diese fernblieben: «Sie schlafen lieber mit Frauen und trinken Wein, statt sich dem Kampf zu stellen.» Das war übrigens genau in jenem Gebiet, das heute noch französisch spricht. Ein guter Tropfen wirkt offenbar wie diplomatisches Schmieröl für Gespräche.
Wer Wein trinkt, übt sich unweigerlich im Respekt vor Zeit und Natur. Man lernt, dass Qualität nicht hetzt – sie reift. So gesehen bei den ersten Weinen vom Weingut Thörishaus. So erlebt im Weingespräch mit Gastronom Tom Christen vom Landhaus Liebefeld.
Natürlich gilt: Die Dosis macht den Philosophen. Zwei Gläser machen den Menschen gesellig, drei machen ihn poetisch, ab vier wird er nur noch überzeugt von sich selbst. Der wahre Weingenuss liegt im Mass – und im Miteinander.
Vielleicht macht Wein uns nicht objektiv besser. Aber für einen Abend sind wir höflicher, gesprächiger, aufmerksamer. Und wenn ein Getränk dies schafft, darf man ihm ruhig einen kleinen Bildungsauftrag zuschreiben – Fachbezeichnung: Wein-Wahrheiten.